Manche Schweizer Bürostühle haben so viele Leben, dass sie eigentlich nie sterben. Der Sitzmöbel-Hersteller Stoll Giroflex hat den Bürostuhl 656 nach dem Cradle to Cradle-Prinzip konzipiert. Der Markt ist laut Giroflex-Geschäftsführer Tobias Gerfin heute reif dafür.
Yvonne von Hunnius: Zehn Prozent des Plastiks landet im Meer. Werden auch zehn Prozent der Plastikanteile von Giroflex-Stühlen im Meer landen?
Tobias Gerfin: 80 Prozent dieses Plastiks gelangt von der Küste ins Meer – die Wahrscheinlichkeit, dass Bürostühle an die Küste kommen, ist klein. Aufgrund der Grösse werden sie oft bei einer Kehrichtverbrennung oder beim Fachhändler abgegeben. Aber wir wollen ja, dass sie wieder zu uns und nicht zu irgendjemandem kommen. Denn wenn man zehn verschiedene Bürostühle hat, dann hat man unterschiedliche Plastikzusammensetzungen. Dann ist die von uns angestrebte zehnfache Wiederverwertung mehr oder minder gleicher Qualität nicht möglich. Wir müssen alles daran setzen, unsere Produkte zurückzubekommen.
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Yvonne von Hunnius: Aber Sie wollen doch nicht nur zehnfach, sondern unendlich oft wiederverwerten…
Tobias Gerfin: Ja. Nach einer Lebenszeit von 15 Jahren wollen wir die Stühle zurück, was uns die Möglichkeit gibt, den Plastik zehn Mal wiederzuverwerten, dann sind wir schon im Jahr 2160. Bis dahin, bin ich der Meinung, haben wir das Problem, das momentan noch bezüglich Energie besteht, gelöst. Technisch ist es schon heute möglich, unendlich oft wiederzuverwerten. Doch es lohnt sich nicht, da es noch zu viel Energie kostet. Zudem macht es auch ökologisch keinen Sinn, da Energie heutzutage noch ein zu grosser CO2-Faktor ist. Somit haben wir uns eine Brücke gebaut und gewinnen 150 Jahre. Bis dorthin haben wir bereits einen geschlossenen Kreislauf in der Produktion aufzuweisen. Und der Wechsel in den grösseren Kreislauf muss innerhalb der nächsten 150 Jahre erfolgen.
Yvonne von Hunnius: Dann, denken Sie, ist erneuerbare Energie preiswerter zu haben?
Tobias Gerfin: Wenn ich mir die Studien anschaue, sollte es kein Problem sein. Beispielsweise Wind-Zuwachsraten sind die höchsten der ganzen Welt. Und wenn allein all das gebaut wird, was momentan geplant wird, dann bin ich sehr zuversichtlich.
Yvonne von Hunnius: Wie kamen Sie als Bürostuhlhersteller darauf, den Nachhaltigkeitsweg zu beschreiten?
Tobias Gerfin: Giroflex macht seit 1872 Bürostühle. Und 1992 haben wir bereits Stühle, giroflex 32 und 33, lanciert, die praktisch vollständig rezyklierbar sind. Im Vorfeld hatten wir die Marktteilnehmer gefragt, ob sie bereit wären, hierfür ein wenig mehr zu bezahlen, und die Signale waren positiv. Wir haben den Stuhl herausgebracht, es gab viel Lob, doch der Markt war dennoch nicht reif dafür, den etwas höheren Preis zu tragen. Dank seines Designs steht er dennoch in vielen Architektur- und Design-Agenturen.
Doch die Situation bei den Rohstoffen wird sich in den kommenden Jahren massiv verschärfen. Nimmt man beispielsweise Blei, das gemäss heutigen Reserven und aktuellem Verbrauch noch eine Reichweite von nur 25 Jahren hat. Somit haben wir beschlossen: Wir müssen etwas tun im ökologisch nachhaltigen Bereich. Und das war Cradle to Cradle.
Yvonne von Hunnius: Sie haben auch Klebstoffe eliminiert. Was ist daran so schlimm?
Tobias Gerfin: Wenn man zwei Sachen miteinander verbindet, wie Stoff mit Plastik, dann bekommt man sie nicht mehr auseinander. Man muss die Teile so konstruieren, dass man sie wieder auseinander bauen kann. Mit Klebstoff hat man ein Gemisch von Komponenten, die nicht sortenrein sind. Das macht die Wiederverwendung schwierig, und es kann nur ein Produkt entstehen, das qualitativ schlechter ist, als das erste – es findet „Downgrading“ statt. Und wir wollen auf dem gleichen Qualitätsstandard bleiben oder höher gehen.
Yvonne von Hunnius: Sind die Stühle teurer als herkömmliche?
Tobias Gerfin: Im Prinzip sind sie nicht teurer. Die Grundmaterialien können heute möglicherweise etwas teurer sein, aber langfristig sind sie genau gleich teuer. Heutige Rohstoffe für den Kunststoffspritzguss sind in der Regel nicht Cradle to Cradle zertifiziert. Um den hohen Anforderungen dieser Philosophie gerecht zu werden, müssen neue Kunststoffe entwickelt werden, wie z.B. von der Firma DSM aus Holland, die ein Polyamid mit Glasfaserverstärkung entwickelt hat. Offensichtlich sind solche Neuentwicklungen heute noch etwas teurer.
Yvonne von Hunnius: War es schwierig, auf die Zulieferer in Puncto Cradle to Cradle Druck auszuüben?
Tobias Gerfin: Bezüglich der Lieferanten braucht man Partnerschaften und grosses Vertrauen. Diese müssen ihre Bücher nicht nur gegenüber uns, sondern auch gegenüber der Cradle to Cradle-Zertifizierungsbehörde öffnen. Und da darf ich den Lieferanten ein dickes Kompliment aussprechen. Sie haben das Projekt aktiv unterstützt und die Inhaltsstoffe der gelieferten Komponenten klar spezifiziert.
Yvonne von Hunnius: Giroflex betont Schweizer Qualität – welche Rolle spielt das im Nachhaltigkeitsbereich?
Tobias Gerfin: Langlebigkeit ist mit Schweizer Qualität verbunden, denn je länger ein Produkt Verwendung findet, desto grösser ist der Nutzen, da kein neues Material gebraucht wird. Wir sind seit 1872 eine Schweizer Firma, und es ist in unserer Mission, dass wir auch in Zukunft in der Schweiz Qualitätsprodukte herstellen. Durch den Produktionsstandort in Koblenz können wir als Arbeitgeber einiges leisten und müssen unsere Produkte nicht um den Globus herantransportieren.
Yvonne von Hunnius: Inwieweit hat das Kreislaufdenken schon im ganzen Unternehmen Fuss gefasst?
Tobias Gerfin: Es wird Auswirkungen haben. Noch sind wir hier in einem frühen Stadium. Wir werden in Zukunft weitere Produkte Cradle to Cradle zertifizieren lassen. Und das wird auch noch weitere interne Auswirkungen haben. Beim Wasserverbrauch haben wir in 2010 grosse Fortschritte gemacht. Nun gehen wir das Energiethema stärker an. Zudem werden wir eine Roadmap für die nächsten zehn Jahre entwickeln, um das Unternehmen Stück für Stück in diese Richtung zu entwickeln.
Zur Person: Dr. Tobias Gerfin ist Vorsitzender der Geschäftsleitung bei Stoll Giroflex AG, einem marktführenden Hersteller qualitativ hochwertiger Sitzmöbel mit Hauptsitz in Koblenz (Schweiz). Zwei Drittel der weltweit produzierten Giroflex-Stühle werden in Koblenz hergestellt. Gerfin hat in Naturwissenschaften an der ETH Zürich promoviert und arbeitete vor seiner Tätigkeit bei Giroflex bei verschiedenen international tätigen Schweizer Unternehmen.
Bild: Giroflex (zvg.)
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