Sonne lacht auch für die Schweiz

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Geschrieben von: Martina Gyger, St.Gallen 21.03.11
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Wenn die Schweiz keine neuen Atomkraftwerke bauen will, muss sie bis zu 40 Prozent der Stromkapazität ersetzen. Doch jede erneuerbare Energie stösst in der Schweiz an Grenzen. Am meisten Potential bietet die Photovoltaik. Doch da hinkt die Schweiz hinterher.

Eben hat es noch so ausgesehen, als könnte die Stromwirtschaft den Bau neuer Kernkraftwerke durchsetzen. Mit den Reaktorunfällen in Japan ist das unsicher geworden. Bundesrätin Doris Leuthard hat das Rahmenbewilligungsverfahren für Ersatzkraftwerke an den Standorten Gösgen, Beznau und Mühleberg sistiert. Doch wenn es keine neuen Reaktoren gibt, läuft die Zeit der Kernenergie ab. Das gilt nicht nur für das umstrittene Mühleberg. Auch Beznau I und II müssen bis etwa 2020 abgeschaltet werden, weil ihre Laufzeit von 50 Jahren dann vorüber sein wird. Bis 2035 sollen Gösgen und Leibstadt folgen. Auch die Stromimportverträge mit Frankreich laufen aus. Denn die Kernkraftwerke beim westlichen Nachbarn, in welche die Schweiz einst investiert hat, werden Stück für Stück vom Netz genommen. Insgesamt müssten 40 Prozent des Energieverbrauchs ersetzt werden.

Erneuerbare werden wirtschaftlich

Die Herausforderung ist nicht neu. „Schon bisher gab es Fragezeichen bei der Wirtschaftlichkeit neuer Kernkraftwerke, nun müssen zudem noch die Risikokosten neu bewertet werden“, sagt Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen. „Zugleich ist die wirtschaftliche Attraktivität erneuerbarer Energien gestiegen. Solaranlagen sind in den letzten zwei Jahren um 40 Prozent günstiger geworden. Bei der Geothermie schaut man gespannt nach St. Gallen, wo 2013 erstmals Strom aus Erdwärme produziert werden soll.“ Wüstenhagen erwartet auch, dass die Erneuerbaren schnell genug wachsen könnten. „Die nächsten 20 Jahre sind genügend Zeit, um den Umstieg zu bewältigen“, sagt er und verweist auf das Nachbarland Deutschland, wo in den letzten zehn Jahren der Anteil erneuerbarer Elektrizität nahezu verdreifacht wurde. „Allein im Jahr 2010 wurden dort 7000 Megawatt neue Solaranlagen installiert. Das entspricht 10 Prozent der Schweizer Stromerzeugung, respektive dem Stromverbrauch von fast 2 Millionen Haushalten.“

Wasserkraft kaum ausbaubar

Die Schweiz ist schon heute bei den erneuerbaren Energien besser als der europäische Durchschnitt - dank der Wasserkraft. Rund 55 Prozent des Strombedarfs werden mit ihr gedeckt. Doch mehr Wasserkraft ist kaum möglich. Bereits der Ausbau bestehender Werke wie das Grimselkraftwerk im Berner Oberland sind umstritten. Anderswo wie in der Grand Dixence im Wallis und jetzt im Puschlav in Graubünden haben sich die Betreiber durchgesetzt. Zudem wollen die Stromkonzerne den Wasserstrom lieber zu Spitzenzeiten und Spitzenpreisen exportieren.

Wind stösst auf Widerstand

Die Windenergie, die weltweit am stärksten wachsende neue erneuerbare Energie, stösst in der kleinen Schweiz auf Widerstand. Durch dichte Besiedlung ist der Platz für Windkraftanlagen beschränkt. Gute Wind-Standorte liegen oft an landschaftlich exponierten Lagen. Die Bernischen Kraftwerke (BKW), Branchenführer bei den erneuerbaren Energien, haben deshalb im Januar ihr Ausbauziel bis 2030 um 40 Prozent zurückgestutzt. Technisch sei vieles machbar, es gehe um die Wirtschaftlichkeit, sagt Jakob Vollenweider, Geschäftsführer der Juvent SA, der Betreiberin des grössten Windkraftwerks der Schweiz auf dem Mont Crosin. Juvents Hauptaktionär ist die BKW. Vollenweider ist denn auch skeptisch, ob der bisherige Atomstrom in Zukunft allein mit erneuerbaren Energien ersetzt werden kann. „Erstens fallen sie nicht bedarfsgerecht an, das heisst, dann und dort an, wo die Konsumenten sie brauchen. Daher braucht es grosse Investitionen in Speichermöglichkeiten und in die Netzinfrastruktur. Zudem braucht es Akzeptanz, die ausser bei der Photovoltaik bei vielen erneuerbaren Energien noch nicht immer im erforderlichen Ausmass gegeben ist.“

Schweiz bei Photovoltaik zurückgefallen

Die Photovoltaik stösst bisher auf den geringsten Widerstand. Laut Studien könnte sie bis 2030 auf 20.000 bis 40.000 Gigawattstunden ausgebaut werden – je nach dem Ausmass staatlicher Förderung. Zum Vergleich: Der Stromverbrauch hat 2009, allerdings ein Krisenjahr, bei 57.700 Gigawattstunden gelegen. Für den Ausbau der Photovoltaik könnten zahlreiche Flächen vor allem auf den Dächern genutzt werden. „Die Photovoltaik ist auf jeden Fall auch für die Schweiz geeignet“, sagt Bruno Burger, Professor am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg im Breisgau. Allerdings sei die Schweiz, in den 90-er Jahren noch Vorbild, seither zurückgefallen. „Ich denke, die Schweiz muss wieder da weitermachen, wo sie früher einmal aufgehört hat. Dann kann sie sich die Atomkraftwerke in Zukunft sparen.“

Sonne im Süden ernten

Da ist Thomas Hinderling nicht so sicher. Der Kernphysiker war bis 2009 Chef des Centre Suisse d’Electronique et de Microtechnique in Neuenburg und hat das Konzept der Solarinseln entwickelt – künstliche Inseln in südlichen Meeren, die Sonnenenergie ernten. „Die Schweiz wird den Ausstieg aus dem Atomstrom nie allein vollziehen können, obwohl er absolut notwendig ist“, sagt der Zürcher. „Mit Photovoltaik und Windenergie in der Schweiz lässt sich das Problem auf gar keinen Fall lösen.“ Die Sonnenenergie müsse vielmehr dort erzeugt werden, wo sie vorhanden und billig ist, in Äquatornähe. Sie sollte chemisch, etwa in Form von Methan, gespeichert werden.

Energieeffizienz steigern

Aus der Sicht von Christian Zeyer, Energieexperte des Wirtschaftsverbandes swisscleantech müssen denn auch die Debatte über die Kernkraft die gesamte Energieversorgung im Blick haben. „Kernkraft muss im Gesamtkontext stehen. Unsere Energiestrategie zielt auf einen erneuerbaren Anteil von 80 Prozent an der Gesamtenergieversorgung im Jahr 2050.“ Dabei gehe es nicht nur um die Produktion. „Alle erneuerbaren Energien spielen eine wichtige Rolle, besonders wichtig ist aber die Energieeffizienz. Am Ende hat das Volk das Wort. „Wie schnell man aus der Kernenergie aussteigen will, ist ein politischer Entscheid“, sagt Zeyer.

 

Bild: Erneuerbare Energien stossen in der Schweiz auf Widerstand. Doch Photovoltaik hat in der Schweiz das grösste Potential.

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