Auch mittlere und kleinere Unternehmen müssen sich auf ihre Weise globalen Herausforderungen stellen. Dabei braucht es Information und Vernetzung, sagt André Schneider, ehemaliger operativer Chef des World Economic Forum.
Steffen Klatt: Während Ihrer Zeit beim Weltwirtschaftsforum ist „Davos“ global geworden. Warum hat das WEF einen solchen Erfolg?
André Schneider: Es gibt ein Bedürfnis, Vertreter der Wirtschaft und der Regierungen in einem informellen Rahmen zusammenzubringen. Die heutigen Herausforderungen, ob in der Wirtschaft, der Politik, der Zivilgesellschaft oder der Wissenschaft, hängen global immer mehr zusammen. Deshalb ist es immer wichtiger, besser zu verstehen, was die anderen Beteiligten dazu denken. Das erlaubt es, Lösungen zu finden.
Steffen Klatt:Das WEF ist ein Zusammenschluss von Unternehmen. Wie nutzt das WEF deren Geschäft? Netzwerke und Kooperationen Am Dienstag, 22.03.2011, führt die LIFE Klimastiftung mit der swisscleantech Association von 17.30 Uhr bis 19.15 Uhr eine öffentliche Veranstaltung zum Thema „Bedeutung von internationalen Netzwerken und Kooperationen für Cleantech“ durch. Nach einer kurzen Begrüssung durch den Regierungschef und Stiftungsratspräsidenten der LIFE Klimastiftung Liechtenstein, Dr. Klaus Tschütscher, legen André Schneider (ehemaliger COO des World Economic Forum), Roger Buermann (Hilti Foundation) und Christian Köberl (Eco World Styria) dar, wie wichtig internationale Vernetzung gerade bei Cleantech ist und wie Firmen von diesem Megatrend profitieren können. Eine anschliessende Diskussionsrunde und Apéro runden den Abend ab. Die Veranstaltung findet an der Universität Liechtenstein statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen unter: www.uni.li
André Schneider: Der Dialog mit der Politik und Zivilgesellschaft ist ein integraler Teil ihrer Arbeit. Die Bewältigung der Herausforderungen braucht eine Zusammenarbeit mit den Regierungen, und zwar nicht nur auf einer formellen Basis. Es finden am WEF auch Gespräche zwischen Unternehmensvertretern über die gemeinsamen Herausforderungen statt. Ein Beispiel ist die Zukunft der Autoindustrie in einer Welt, die immer mehr reguliert wird, und die immer grössere Anforderungen an den Klimaschutz stellt. Daneben gibt es natürlich auch Treffen zwischen Unternehmensvertretern über geschäftliche Themen statt. Aber diese bilateralen Treffen nehmen sicherlich nicht mehr als 30 Prozent der Zeit in Anspruch, welche die Wirtschaftsführer in Davos verbringen.
Steffen Klatt:Sind solche Foren wie das WEF das Privileg grosser Unternehmen?
André Schneider:Es gibt verschiedene Niveaus. Das Jahrestreffen des World Economic Forum in Davos spricht nur die Chefs der tausend grössten Firmen an. Es gibt aber andere Veranstaltungen wie das Swiss Economic Forum, das sich auf mittlere Unternehmen konzentriert.
Steffen Klatt:Warum ist diese Art von Vernetzung für mittelgrosse Unternehmen wichtig?
André Schneider:Als mittleres Unternehmen sind Sie bereits in einem Umfeld, wo Sie mehr und mehr mit den gleichen oder ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind wie die grossen. In der Schweiz müssen sich auch die mittleren Unternehmen mit Exportfragen auseinandersetzen. Da muss man informiert und vernetzt sein. Für mittlere Unternehmen ist es im Gespräch mit anderen Unternehmen, Regierungen oder auch nichtstaatlichen Organisationen wichtig zu verstehen, wie die Welt sich weiterentwickelt. Denn das beeinflusst den Markt, auf dem sie selbst tätig sein wollen.
Steffen Klatt:Nutzen die Netzwerke, die sich so bilden, auch im geschäftlichen Alltag?
André Schneider:Natürlich. Wenn ein neues Problem auftritt, das sie mit ihren eigenen Mitteln nicht lösen können, dann können Sie auf ein solches Netzwerk zurückgreifen. Verwandte Themen| { Atomangst erfasst Amerika, 18.03.11 } | | { Endspurt in Trippelschritten, 10.12.10 } | | { Energieautarke Alpen, 24.11.10 } | | { Bern ist reif für Erneuerbare, 22.11.10 } | | { Der Wind dreht sich, 21.10.10 } | | { Grüne Angst vor China , 13.09.10 } | | { Atomkraft bremst Erneuerbare, 26.08.10 } | | { Desertec ist keine Utopie, 28.07.10 } | | { Life Klimastiftung: 1. Bilanz, 16.07.10 } | | { Am «Kern» vorbei diskutiert, 15.06.10 } | | { Energie muss schön sein , 25.05.10 } |
Steffen Klatt:Kann es ein KMU nicht den Branchenorganisationen oder den Handelskammern überlassen, ein solches Netzwerk aufzubauen?
André Schneider: In gewissen Bereichen kann man das. Branchenorganisation können oder wollen aber manche Fragen nicht mehr aufnehmen und letztendlich zählen auch sehr die direkten Netzwerke, die man selber hat. Einige von ihnen sind ebenfalls an Veranstaltungen wie dem Jahrestreffen des WEF vertreten.
Steffen Klatt:Sie sprechen in Vaduz an einer Veranstaltung zum Thema Cleantech. Ist Cleantech ein Modewort oder ein Megatrend?
André Schneider: Beides. Der Megatrend besteht darin, dass wir mit Ressourcen arbeiten müssen, die begrenzt sind. Wir benutzen fossile Energien, die einen direkten, negativen Einfluss auf unsere Umwelt haben. Wir haben gemerkt, dass gewisse Entwicklungen, wenn sie so weiter gehen wie bisher, nicht nachhaltig sind. Wir müssen uns überlegen, was es für Antworten darauf gibt. Dabei gibt es viele Modewörter. Aber es ist klar, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir das gleiche mit weniger Energie erreichen können und vor allem mit weniger fossiler Energie. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir weniger Biokapazität abbauen können als bisher.
Steffen Klatt:Es geht für Sie also nicht nur um Energie, sondern auch um die Biokapazität?
André Schneider:Es wäre ein Riesenfehler, das nicht so zu sehen. Es gibt zwei fundamentale Probleme. Derzeit konzentrieren wir uns völlig auf CO2 und seine Folgen für das Klima. Dabei stellen sich viele Länder aber die Frage, warum sie etwas tun müssen, während die Folgen vielleicht erst später zu sehen sind und die anderen Länder noch nichts tun. Das führt dazu, dass manche Länder dem Problem einfach aus dem Weg gehen. Vor allem aber übersehen wir dabei, dass die Biokapazität ein ebenso grosses Problem darstellt. Dazu gehört die Fähigkeit, Nahrungsmittel zu produzieren, dazu gehört die Wasserproblematik. Diese Probleme können noch sehr viel schneller negative Wirkungen haben.
Steffen Klatt:Welche Branchen sind davon betroffen?
André Schneider: Alle. Wir müssen uns bewusst werden, dass viele unserer Ressourcen nicht unendlich sind. Deshalb müssen wir uns fragen, wie wir sie benutzen wollen. Energie brauchen wir alle, Wasser ebenfalls, die Biokapazität ebenfalls. Das betrifft fast alle Wirtschaftssektoren in der einen oder anderen Weise.
Steffen Klatt:Sind das auch Geschäftschancen?
André Schneider: Absolut. Es gibt heute ein Wettrennen um die Entwicklung energieeffizienter Herstellungsmethoden. Gerade Hochtechnologieländer wie die Schweiz und Liechtenstein, die den Umweltschutz wichtig genommen haben, können eine Vorreiterrolle spielen. Die Schweiz hat diese Vorreiterrolle vor zwei Jahrzehnten gespielt, nun muss sie wieder etwas aufholen. Dabei können wir hier hohe Qualität mit Cleantech verbinden.
Steffen Klatt:Die Branchen, die heute in Cleantech aktiv sind, sind oft sehr kleinteilig. Wie können diese Branchen ihre Chance nutzen?
André Schneider: Es braucht staatliche Regulationen, es braucht klare Gesetze, es braucht Standards. Minergie hat das gemacht. Selbst Kleinfirmen können dabei Chancen nutzen, indem sie sich spezialisieren. Die Schweiz kann auch im Energiebereich, etwa bei der Wasserkraft, ihre Erfahrungen nutzen.
Steffen Klatt:Was machen Sie nach Ihrer Zeit beim WEF?
André Schneider: Ich habe meine eigene Firma gegründet und berate Unternehmen, Organisationen und Regierungen im Bereich von Prozessen, an denen viele Stakeholder beteiligt sind. Es geht um neue Energie, um Chancen in Regionen wie China, um Biodiversität
Zur Person: André Schneider war bis Oktober 2010 operativer Chef des Weltwirtschaftsforums, für das er seit 1998 tätig war. Zuvor war der Berater für Informationstechnologie bei verschiedenen Unternehmen tätig, unter anderem bei der IBM Consulting Group, ausserdem als Forscher beim Kernforschungszentrum CERN in Genf. André Schneider hat Computerwissenschaften an der Universität Genf studiert. Zuvor war er klassischer Musiker und hat unter anderem bei den Berliner Philharmonikern, dem Staatstheater Kassel und dem Symphonieorchester des Radio Saarlands gespielt. Anfang 2011 hat er seine eigene Firma gegründet, die André Schneider Global Advisory.
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