Es braucht keine neuen Atomkraftwerke. Ein Umstieg auf erneuerbare Energie sei technisch möglich, sagt Bruno Burger vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme. Allein die Solarenergie kann bis zu 50 Prozent des Stromverbrauchs decken. Raphael Corneo: Atomkraft ist auf dem Rückzug. Kommt jetzt der Durchbruch für die Sonnenenergie? Bruno Burger: Wir hoffen es. Wir wollen die komplette Energieversorgung auf erneuerbare Energie umstellen. Das ist auch das Ziel der deutschen Bundesregierung für 2050. Wir sind der Meinung das können wir auch noch schneller schaffen. Wenn wir aus der Atomkraft aussteigen wollen, können wir das mit Hilfe der Solarenergie auch bis 2030 tun. Raphael Corneo:Wie viel Prozent des Energiebedarfs könnte man denn durch Solarenergie decken? Bruno Burger:Wir müssen versuchen, einen gesunden Mix aus Solar-, Wind- und Wasserenergie zu finden. Wir denken, dass ein Anteil der Solarenergie von 30 bis 50 Prozent am Gesamtstromverbrauch möglich ist. Raphael Corneo:Gilt das auch für Deutschlands Nachbar Schweiz? Bruno Burger:Die Photovoltaik ist auf jeden Fall auch für die Schweiz geeignet. In den 90-er Jahren haben wir immer voller Neid in die Schweiz geblickt. Da war das Land noch führend bei der Solarenergie. Leider ist seit dem Jahr 2000 das Ganze etwas eingeschlafen und Deutschland hat die Schweiz überholt. Ich denke, die Schweiz muss wieder da weitermachen, wo sie früher einmal aufgehört hat. Dann kann sie sich die Atomkraftwerke in Zukunft sparen. Raphael Corneo:An welche Art der Nutzung denken sie dabei? An eine dezentrale oder an grössere Solarkraftwerke? Bruno Burger:Wir sollten zuerst alle Dächer und Fassaden nutzen. Das sind Flächen, die sowieso schon da sind und die geeignet sind. Das Gute an der Photovoltaik ist, dass das Dach eines Einfamilienhauses ausreicht, um das gesamte Haus mit Strom zu versorgen. Erst wenn wir die Fläche auf den Dächern genutzt haben, können wir noch in grössere Solarkraftwerke investieren. Das müsste man aber begrenzen. Es sollte nicht überhand nehmen. Raphael Corneo:In Nordafrika sind grosse Solarprojekte geplant, die Strom nach Europa liefern sollen. Was halten Sie davon? Bruno Burger:Diese Projekte sind sehr ambitioniert. Das ist sehr teure Grosstechnologie. Zudem bräuchte man Leitungen von Nordafrika bis nach Europa, die mehrere Tausend Kilometer lang sind. Vor 2025 wird es das nicht geben. Wir sind ein Freund der dezentralen Energieversorgung. Jeder soll seinen Strom auf seinem Dach produzieren und jeder macht seine Hausaufgaben vor seiner Haustür. Es macht keinen Sinn, unsere Energieprobleme auszulagern. Raphael Corneo:Dann ist die Zukunft der Sonnenenergie dezentral? Bruno Burger:Ja, die Zukunft ist dezentral. Denn diese Form der Energiegewinnung braucht keine grossen Netze. Wenn wir heute Leitungen von Deutschland oder der Schweiz nach Afrika bauen wollen, dann hat das eine Planungszeit von mindestens zehn Jahren und dann noch einmal eine Bauzeit von zehn Jahren. Wir können und wollen nicht so lange warten. Verwandte Themen| { Die Zukunft ist Erneuerbar, 17.03.11 } | | { Fast unbegrenzt verfügbare Energie, 09.03.11 } | | { Neuenburg gegen AKW, 15.02.11 } | | { Gegen Kohlekraftwerke, 11.02.11 } | | { Bern ist reif für Erneuerbare, 22.11.10 } | | { Atomkraft bremst Erneuerbare, 26.08.10 } | | { EU-Agrargelder für Kernfusion?, 13.08.10 } | | { Gesteinsmühlen gegen Atomstrahlung, 19.07.10 } | | { Kernfusion ist ein Fass ohne Boden, 07.07.10 } | | { Atommüll XY ungelöst, 21.05.10 } | | { Atommüllproblem nicht gelöst, 06.05.10 } | | { Bill Gates will Mini-Kernkraftwerke, 26.03.10 } |
Raphael Corneo:Trotzdem ist der Wirkungsgrad der Photovoltaik noch klein. Braucht es da noch einen Technologiesprung, damit sie wettbewerbsfähig ist? Bruno Burger:Meines Erachtens ist der Wirkungsgrad der Photovoltaik schon sehr hoch. Sie erreichen heute etwa 15 Prozent Wirkungsgrad. Beim Auto haben sie 20 oder 30 Prozent. Aber nur wenn man davon ausgeht, dass der Sprit kostenlos ist und ohne Verluste hergestellt wurde. Würde man das mit einberechnen, hat ein Auto einen Wirkungsgrad von unter einem Prozent. Die Photovoltaik ist schon sehr gut. Der Wirkungsgrad ist hoch genug. Raphael Corneo:Muss er dennoch steigen, damit sich ihre Prognosen bewahrheiten können? Bruno Burger:Die Photovoltaik ist eine Halbleitertechnologie und deshalb wird der Wirkungsgrad in Zukunft sicher weiter steigen – wenn auch langsam. Die Preise dagegen werden sinken. Alle Halbleitertechnologien gehorchen diesem Gesetz. Das sieht man an Computern, Digitalkameras oder Bildschirmen. Raphael Corneo:Wird der Strompreis also nicht steigen, wenn man auf die Photovoltaik setzt? Bruno Burger:Wir denken nicht, dass der Preis gravierend steigt. Wenn man bei den konventionellen Energien die externen Kosten mit einberechnet – also die Kosten für CO2 oder Endlagerung – dann sind die erneuerbaren Energien schon heute günstiger als die konventionellen Energien. Raphael Corneo:Hat auch die Nutzung von Photovoltaik ihre Risiken? Die Risiken halte ich für sehr gering. Bei einem Sturm kann es die Module vom Dach winden. Die kann man dann aber zusammenkehren und entsorgen. Risiken wie bei der Kernkraft gibt es nicht. Raphael Corneo:Was passiert, wenn ein Haus brennt? Bruno Burger:Die Brandthematik wurde von der Presse hochgekocht. Wenn ein Haus mit Photovoltaik auf dem Dach brennt, darf die Feuerwehr das Haus löschen. Die Risiken durch die Spannung sind klein, wenn die Feuerwehr beim Löschen genügend Abstand zum Haus hält. Das einzige Problem ist, dass man bei einem Brand nicht mehr durch das Dach einsteigen kann, da dort die Module sind. Dieser Weg ist verbaut. Stromtragende Leitungen kann man unterputz verlegen, so dass nicht passieren kann. Raphael Corneo:Nach dem Unglück in Japan bekennen sich viele Regierungen wieder zum erneuerbaren Weg. Halten sie das für reine Lippenbekenntnisse? Bruno Burger:Wir hoffen, dass es keine Lippenbekenntnisse sind. In Deutschland zumindest kann man noch nicht sagen, wie ernst es der Politik ist. Gerade beim Moratorium. Man weiss nicht, was danach kommt. Schlussendlich hängt es natürlich auch vom Druck der Bevölkerung ab. Der ist im Moment gross. Wir hatten jetzt drei grosse Atomunfälle: Tschernobyl, Harrisburg und jetzt Japan. Bei allen wurde zuvor gesagt, „bei uns kann so was nicht passieren“. Es gibt immer wieder Ereignisse, die zuvor undenkbar sind. Es ist unglaublich, wenn man jetzt sieht, wie machtlos wir in Japan sind. Diese riesige Hilflosigkeit - das gibt es bei keiner anderen Technologie. Das soll uns eine Lehre sein. Die Technik für einen Umstieg steht bereit. Nun braucht es nur den politischen Willen. Raphael Corneo:Viele glauben, die Energie reicht nicht... Bruno Burger:Ich denke, es werden viele Gerüchte gestreut. Hier in Deutschland gab es das Gerücht, dass wenn wir die sieben ältesten Atomkraftwerke abschalten, wir Strom aus Frankreich importieren müssen. Das stimmt definitiv nicht. Wir haben die erneuerbaren in den letzten Jahren so stark ausgebaut, dass wir in den letzten Jahren deutliche Überschüsse hatten, die wir exportiert haben. Zur Person: Prof. Dr. Bruno Burger ist Leiter der Gruppe Leistungselektronik am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Das ISE forscht über ein nachhaltiges, wirtschaftliches, sicheres und sozial gerechtes Energieversorgungssystem. Dazu entwickelt das Institut Materialien, Komponenten, Systeme und Verfahren in insgesamt sieben Geschäftsfeldern. Bild: zvg
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