Während sich die verbliebenen Techniker bemühen, eine Kernschmelze in den Reaktoren von Fukushima zu verhindern oder zu begrenzen, versucht Kaiser Akihito in einer seiner seltenen Fernsehansprachen, das Volk zu beruhigen.
Die Situation in den Reaktorblöcken 3 und 4 des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi wird immer dramatischer. Gegen 8:30 Ortszeit am Mittwoch wurde weisser Rauch über Block 3 gesichtet. Die Betreiberfirma Tepco geht davon aus, dass Wasser im Abklingbecken des Reaktors verdampft ist. Seit das Kühlsystem in Folge des Bebens vom vergangenen Freitag ausgefallen war, wurde das Becken für die abgebrannten Brennstäbe nicht mehr gekühlt. Die Tepco befürchtet, dass die Brennstäbe nicht mehr vollständig unter Wasser sind. Nuklearexperten erklärten im öffentlich-rechtlichen Sender NHK, die Brennstäbe, die sich in den Abklingbecken der Blöcke 3 und 4 befinden, seien zum Teil erst wenige Monate ausser Betrieb. Erst nach drei Jahren könne man auf eine Kühlung verzichten. Auch in Block vier ist eine Kühlung der abgebrannten Brennstäbe derzeit nicht möglich. Das Abklingbecken in Block 3 sollte bereits am Mittwoch mit Hilfe von Helikoptern aus der Luft mit Wasser gefüllt werden. Der Versuch musste jedoch wegen sehr hoher Strahlenwerte im Luftraum direkt über dem Reaktorblock verschoben werden. Für Donnerstag wurde ein neuer Versuch angekündigt. In Block 4 sollen ab Donnerstag früh Spezialwagen der Polizei Wasser in das Abklingbecken leiten.
Erneut erhöhte Strahlenwerte
In Folge dieser Ereignisse wurden im Katastrophengebiet erneut erhöhte Strahlenwerte von bis zu 80 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Dieser Spitzenwert wurde 25km von Fukushima Daiichi entfernt gemessen. Auch in Tokio wurden wieder erhöhte Werte verzeichnet. Regierungssprecher Yukio Edano erklärte am Nachmittag, überall seien die Werte im Laufe des Tages aber wieder gesunken.
Auch der Kaiser wandte sich in einer seltenen Videoansprache an die Bevölkerung. Er sei „sehr besorgt“ über die Atomkrise, erklärte der 77jährige Tenno Akihito. Beruhigende Worte fand der Tenno nicht. „Ich hoffe inständig, dass die Verantwortlichen mit ihren Anstrengungen eine weitere Verschärfung der Situation verhindern können“, sagte er.
430.000 Menschen evakuiert
Unterdessen mussten die nach NHK-Angaben mehr als 430.000 Menschen, die in Evakuierungszentren ausharren, am gestrigen Mittwoch trotz eisiger Kälte um den Gefrierpunkt oft ohne Heizöl auskommen. Es fehle an allen Hilfsgütern, erklärte der Gouverneur der Präfektur Fukushima, Yuhei Sato, bei NHK. Obwohl die Räumungsarbeiten auf den Straßen vorangingen, blieben viele Hilfslieferungen auf halber Strecken stehen, bzw. würden erst gar nicht abgeschickt, beschwerte sich Sato. Vor allem innerhalb der Gefahrenzone um die zerstörten Reaktoren spitzt sich die Situation weiter zu. Der Bürgermeister der Stadt Minami Souma, die innerhalb der 30-Kilometerzone liegt, Katsunobu Sakurai, kann seine Wut nicht länger zurückhalten. „Uns fehlt es an allem. Es kommen keine Hilfslieferungen“, beschwert er sich im Interview. Er macht Fehlinformationen und unbegründete Ängste der Helfer mitverantwortlich für die Misere. Benzinlieferungen seien nicht angekommen, weil sich die Fahrer der Tanklaster weigerten, in die 30-Kilometerzone zu fahren, in der die Zentralregierung die Bevölkerung auffordert, in ihren Wohnungen zu bleiben. „Dabei sind die Strahlenwerte hier mit 2-3 Mikrosievert pro Stunde überhaupt nicht akut gesundheitsschädlich“, so Sakurai.
Kältewelle bis Freitag
Altenheime, Krankenhäuser und Evakuierungszentren seien so gut wie nicht mehr funktionsfähig, warnte er. Außerdem gebe es trotz der Winterkälte keine Heizmöglichkeiten mehr, da es kein Heizöl mehr gebe und das Heizen über Klimaanlage wegen der Radioaktivität nicht möglich sei. „Für uns wurde alles erst so richtig schlimm, seit die Regierung uns mit den Sicherheitsauflagen helfen wollte“, sagt Sakurai. NHK berichtete darüber hinaus über Helfer, die die Gesundheitsgefahren der Radioaktivität, die aus den zerstörten Atomreaktoren austritt, überschätzten, so dass selbst Lieferungen in Gebiete ausserhalb der offiziellen Gefahrenzone verzögert werden. Den Tränen nahe appellierte Fukushima-Gouverneur Sato um mehr Hilfe für die Opfer. Mindestens bis Freitag soll das Winterwetter weiter anhalten. Aus vielen Evakuierungsstationen werden bereits Influenzafälle gemeldet. Die lokalen Behörden fürchten eine rasante Ausbreitung unter den geschwächten Opfern in beengten Verhältnissen mit schlechten hygienischen Bedingungen.
Bild: Ein Bild auf der Internetseite des japanischen Kaiserhaus zeigt den japanischen Kaiser Akihito (77) bei einer ersten Ansprache seit der Naturkatastrophe in Japan (http://www.kunaicho.go.jp/).
|