In den USA sind sich die politischen Lager einig gewesen, dass die Kernkraft Teil der energetischen Zukunft sein würde. Die Nuklearindustrie glaubte, das Trauma des Unfalls von Three Miles Island 1979 hinter sich lassen zu können. Doch damit dürfte es nun vorbei sein.
Bis zum Wochenende ist alles klar gewesen. Politik und Wirtschaft in den USA waren sich weitgehend einig, dass das Land auf Kernkraft setzen muss, um die CO2-Emission ebenso zu senken wie die Abhängigkeit von ölreichen, aber instabilen Staaten etwa im Nahen und Mittleren Osten. Lieber Kernkraft statt KohleUS-Präsident Barack Obama ebenso wie die Republikaner im Kongress haben auf die Förderung der Kernkraft gesetzt. Im Entwurf für das nächste Haushaltsjahr hat Obama 34 Milliarden Franken in Kreditgarantien für die Atomindustrie vorgesehen. Damit sollte der Bau von 20 neuen Atommeilern angeschoben werden. Sogar Umweltschützer zogen die kohlendioxidfreie Kernkraft der schmutzigen Kohle oder dem billigen Erdgas als Energiequelle für die Stromproduktion vor. Doch am Wochenende ist dieser Konsens zerbrochen. Immer mehr Politiker setzen auf eine Pause und wollen die Ereignisse in Japan abwarten. „Die Katastrophe in Japan löst ein Erdbeben aus in der Art, wie wir mit der Strahlensicherheit hier in Amerika umgehen“, sagte etwa Ed Markey, ein demokratisches Mitglied im Energieausschuss des US-Repräsentantenhauses. Markey und seine Abgeordnetenkollegen werden das Thema Strahlensicherheit am Mittwoch diskutieren. Dann werden Energieminister Steven Chu und andere Regierungsvertreter zu einer Anhörung vor dem Ausschuss erscheinen. Die Fragen dürften sehr detailliert sein: Rund 30 Reaktoren in den USA benutzen eine ähnliche Technologie wie die verunfallten Reaktoren in Japan. Und drei Reaktoren in Kalifornien sind nahe genug am Pazifik, um von einem Tsunami betroffen zu sein. Auch im Senat wächst die Besorgnis. „Ich denke, wir sollten nicht den Bau von Kernkraftwerken stoppen“, sagte der unabhängige Senator Joseph Lieberman, der den Demokraten nahesteht. „Aber wir sollten auf die Bremse treten, bis wir verstehen, was in Japan geschehen ist.“ Katastrophenbilder gefährden ZustimmungDas ist ein harter Schlag für die Atomindustrie, die sich gerade erst vom Trauma des Unfalls im Kraftwerk Three Miles Island 1979 erholt hat. Wenn sich der kritische Ton in der Diskussion verschärft, könnte dies für sie das Ende sein. Die Katastrophe in Japan sei nicht positiv „für eine Technologie, die völlig von politischer Unterstützung abhängt“, sagt Peter Bradford, Mitglied der US-Aufsichtsbehörde für die Kernkraft. „Das Bild einer explodierenden Kernkraftanlage geht über alle Bildschirme. Das ist nicht gut für eine Industrie, die auf Stimmen im Kongress und in den Parlamenten der Bundesstaaten angewiesen ist.“ Obama will aus Japans Erfahrungen lernenSchon formieren sich die Kräfte zur Verteidigung der Kernkraft. „Es ist nicht möglich, eine Lösung der Klimaproblematik zu finden, ohne sich auf die Kernkraft zu stützen“, sagt Jason Grumet, ehemaliger Energieberater Obamas und Chef des Bipartisan Policy Centers, einer Denkfabrik in Washington. Der republikanische Senator Mitch McConnell warnt davor, allzu schnell Schlüsse aus den japanischen Unfällen zu ziehen. „Die Tage nach einer Umweltkatastrophe sind nicht die richtige Zeit, amerikanische Innenpolitik zu machen“, sagte er am Sonntag. Obama selbst ist ähnlich zurückhaltend. „Der Präsident glaubt, dass wir uns auf eine Reihe von Energiequellen stützen müssen. Dazu gehören erneuerbare Energien wie Wind und Sonne, Erdgas, saubere Kohle und Kernkraft“, sagte sein Sprecher Clark Stevens. „Die Administration will von den Erfahrungen in Japan lernen und sicherstellen, dass die Kernkraft in den USA sicher und verantwortungsvoll produziert wird.“ Der Strom in den USA stammt zu 20 Prozent aus der Kernkraft, verglichen mit 30 Prozent in Japan. Derzeit werden neun Reaktoren neu gebaut. Weitere 16 sind laut dem Nuclear Energy Institute, einer Interessenvertretung der Atomindustrie, in Planung. Bild: Manu Friederich/ses
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