Die Pendlerwege werden in der Schweiz immer länger, bestätigt Mobilitätsexperte Roger Sonderegger von der Hochschule Luzern. Und wer diese per Velo oder öffentlichem Verkehr zurücklegt, sei nachweislich gesünder und fiele weniger häufig am Arbeitsplatz aus.
Martina Gyger: Sind die Schweizer ein Volk von Pendlern? Roger Sonderegger: Ja, definitiv. Und die Pendlerwege in der Schweiz werden immer länger: Vor allem die im Auto und mit der Bahn zurückgelegten Kilometer haben in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. 66 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer fuhren 2005 mit dem Auto zur Arbeit; 25 Prozent mit dem ÖV. Nach der Fertigstellung von „Bahn 2000“ im Jahr 2004 hat der Pendlerverkehr auf der Schiene nochmals massiv zugenommen. Neue Zahlen zum Mobilitätsverhalten der Schweizer werden voraussichtlich in einem Jahr veröffentlicht. Verwandte Themen| { Arbeitsform der Zukunft, 07.03.11 } | | { Mobilitätslösung der Zukunft, 14.02.11 } | | { Amerikaner sollen Zugfahrer werden, 10.02.11 } | | { Völkerwanderung der Reisenden, 02.02.11 } | | { Das Tram macht Genf mobil, 14.01.11 } | | { Mobilität folgt Stadtplanung , 10.01.11 } | | { Züge mit neuer Technik, 27.12.10 } | | { Paris auf Elektro-Überholspur, 15.12.10 } | | { Parkplatzbörse für die Umwelt, 19.11.10 } | | { Politik bremst Schienenverkehr, 20.10.10 } | | { Liebling auf vier Rädern, 15.10.10 } | | { Grün sind alle meine Autos, 23.07.10 } | | { Klimaschutz beim Tanken, 15.07.10 } | | { Elektroauto erobert die Alpen , 10.06.10 } | | { Wanderstiefel statt Flugmeilen, 19.05.10 } | | { Biker unter Strom, 18.05.10 } | | { Migros fördert E-Mobilität, 11.05.10 } |
Martina Gyger:Welchen Beitrag können Arbeitgeber leisten, um den Pendlerverkehr zu reduzieren?
Roger Sonderegger:Sie können zum Beispiel die verfügbaren Parkplätze begrenzen, gedeckte Veloparkplätze und einen Beitrag an das öV-Abo der Mitarbeitenden zur Verfügung stellen, während der Arbeitszeit können sie die Mobilität mit einem unpersönlichen Generalabonnement, mit Business Car Sharing oder mit eigenen E-Bikes, die zur Ausleihe stehen, organisieren. All dies wird heute bereits in vielen Unternehmen gemacht. Die Arbeitgeber selber profitieren davon auch, denn sie sparen Parkplatzkosten, und ihre Arbeitnehmenden die mit dem öV, dem Fahrrad oder zu Fuss zur Arbeit kommen, fallen weniger oft aus, weil sie nachweislich gesünder sind! Martina Gyger:Ist mobil zu sein für Arbeitnehmer heutzutage ein Muss? Roger Sonderegger:Das kommt auf ihren Job und ihren Wohnort an. Hochqualifizierte Personen müssen mitunter längere Wege auf sich nehmen, um einen passenden Arbeitsplatz zu finden. Viele stellen auch hohe Ansprüche an ihre Stelle und nehmen lieber einen längeren Weg in Kauf. Möglich geworden ist dies in erster Linie durch den starken Ausbau der Autobahnen und der Bahninfrastruktur. Zwar verursachen diese langen Wege hohe externe Kosten für die Gesellschaft, wie Luftverschmutzung oder Lärm. Dennoch bringen sie auch einen grossen Nutzen, wenn etwa eine Familie an ihrem Wohnort bleiben kann, obwohl ein Elternteil den Job wechselt. Weil die Schweiz ein kleines Land und die Mobilität günstig ist, können wir eher pendeln als in anderen Ländern. Martina Gyger:Gibt es andere Lösungen als „immer schneller, immer weiter“? Roger Sonderegger:Bei der Schliessung des Gliontunnels auf der A9 (2004/2005) trat ein interessantes Phänomen auf: Sehr viele Leute haben ihre Mobilität neu organisiert, mit Fahrgemeinschaften, öffentlichem Verkehr und neuen Arbeitszeiten. Nach der Wiedereröffnung blieben rund zwei Drittel der Umsteiger dem ÖV treu. Die Mobilität wird in der Regel nur bei Leidensdruck oder bei Brüchen in der Biographie (Umzug, Geburt von Kindern, neue Arbeit) verändert und danach stark zur Routine. Martina Gyger:Welche Zukunftstrends sehen Sie? Roger Sonderegger:Sowohl die Spezialisierung der Wirtschaft als auch der Anspruch an den Arbeitsplatz nehmen voraussichtlich weiter zu, weshalb wir mit einer weiteren Zunahme der Pendlerströme rechnen. Es wird sich allerdings zeigen müssen, welche Richtung die Verkehrspolitik in der Schweiz nimmt. Der Bundesrat plant aktuell eine noch moderate Verteuerung der Mobilität. Eine spürbare Erhöhung wird mit Sicherheit Auswirkungen auf die Arbeitsmobilität in der Schweiz haben. Zur Person: Roger Sonderegger, dipl. geogr., ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Dort arbeitet er seit Mitte 2005 im Bereich Mobilität. Bild: zvg
|