Als erstes EU-Land hat Frankreich bereits im April 2009 den Bio-Sprit E10 eingeführt. Die Skepsis zeigte sich nicht in lauten Diskussionen, aber an der Zapfsäule: 2010 machte der Anteil gerade mal 13 Prozent aus - geplant waren 100.
Schon der Blick auf das sorglose Parkgebahren in Frankreich und die auffällig vielen verbeulten Kotflügel deckt den geringeren Status auf, den Autos im Vergleich zu anderen Ländern dort besitzen. Das könnte die Gelassenheit der Franzosen bei der Einführung des Bio-Benzins E10 vor knapp zwei Jahren erklären. Die Diskussion über Verträglichkeit, Mehrverbrauch und Kosten sowie ethische Zweifel verlief dort nicht annähernd so intensiv wie nun in Deutschland, wo ein heftiger Streit infolge der großen Verunsicherung der Autofahrer entbrannt ist. Viele befürchten, dass ihr Gefährt den neuen Sprit nicht verträgt. Politiker und Interessenverbände schieben sich gegenseitig die Verantwortung für die mangelhafte Aufklärung zu; nun soll ein „Benzing-Gipfel” einberufen werden. Dahingegen ist der Treibstoff SP95-E10, wie er an französischen Tankstellen heißt, dort längst ein wenig umstrittener Teil der Sprit-Landschaft geworden; wenn auch nur ein geringer. Als erster Staat der EU hat Frankreich die entsprechende Richtlinie aus Brüssel umgesetzt, unmittelbar nachdem sie am 23. April 2009 in Kraft getreten war. Hätten demnach alle 27 Mitglieder bis Ende letzten Jahres nachziehen müssen, so ist Deutschland erst das zweite Land, das den Kraftstoff mit zehnprozentigem Ethanol-Anteil als biologische Alternative nun eingeführt hat. Die EU-weite Initiative im Zeichen des Kampfes gegen den Klimawandel und die Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 20 Prozent, die die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vorangetrieben hatte, passte 2009 auch ins Konzept des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Mithilfe eines ehrgeizigen Umwelt-Gesetzespakets, an dem er später das Interesse verlor, wollte er Frankreich zum Vorreiter im Klimaschutz machen. Experten hatten Nachholbedarf festgestellt: Demnach verbrauchten französische Autofahrer 2006 noch dreimal weniger Biokraftstoff als die deutschen Nachbarn. Der politische Aufstieg der Grünen signalisierte außerdem ein stärkeres Bewusstsein für Umwelt-Themen in der französischen Gesellschaft. Auch visierte Frankreich durch die Erhöhung des Anteils von Ethanol im Benzin, das aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, mehr Energie-Unabhängigkeit an. Biosprit wird zum Ladenhüter Doch die französische E10-Revolution blieb aus. Das ursprüngliche Ziel, den Anteil des Bio-Sprits in Frankreich noch im Jahr seiner Einführung auf 80 Prozent zu bringen und bis Ende 2010 gar auf satte 100 Prozent, wurde nicht erreicht. Einer Erhebung des Branchenverbandes zufolge machte er 2010 gerade einmal 13 Prozent aus - im Vergleich zum Vorjahr immerhin eine Verdoppelung. Landesweit boten 2412 Tankstellen, also rund 20 Prozent, den Bio-Sprit an. So wurde die Einführung zwar von weitaus leiseren Diskussionen begleitet als in Deutschland - diese Zahlen belegen allerdings, dass auch in Frankreich die Skepsis bis heute überwiegt. So hieß es zunächst, nur 60 Prozent der Autos, zumindest alle nach 2000 zugelassenen Wägen, würden SP95-E10 überhaupt vertragen. Auch ist die staatlich geförderte Bio-Benzin-Sorte aufgrund starker Preisschwankungen nur stellenweise tatsächlich günstiger als die herkömmliche Alternative, während der Verbrauch Schätzungen zufolge 1,7 Prozent höher liegt. Urlauber gewarnt Die größten Bedenkenträger waren in Frankreich weniger Verbraucherverbände, sondern Umweltschutz-Organisationen, die der Lobby der Zuckerrüben- und Getreide-Anbauer Profitgier auf Kosten der Armen vorwarfen. So sprach die Vereinigung „France Nature Environnement” von Schwindel, der nichts mit Bio zu tun habe: „Nahrungsmittelpflanzen zu nutzen, um die Mägen von Autos statt von Menschen zu füllen, ist keine Antwort auf die Probleme der intensiven Landwirtschaft und des Hungers in der Welt”, heißt es in einer Erklärung des Präsidenten Sébastien Genest. Ob Urlauber bedenkenlos den französischen E10-Sprit tanken können, ist weiter unklar. Solange die EU-Norm nicht flächendeckend umgesetzt ist, rät der ADAC grundsätzlich davon ab: „Nachdem im Ausland bezüglich E10 noch unterschiedliche nationale Kraftstoffnormen gelten, führt das dort zu teilweise abweichenden Hersteller-Freigaben.” Bild: Tankstelle in Frankreich, Vincent Desjardins
|