„Die Schweiz ist vorbildlich“

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Aladin Klieber, Zürich 04.03.11
Bookmark and Share
Stichworte:       

Das Architekturbüro spaceshop hat für das komplett rezyklierbare Wohnhaus Flury den „Detail“-Preis für Green Architecture 2011 erhalten. Geschäftsleiter Beno Aeschlimann plädiert dafür, das Nachhaltigkeitsthema noch in viel mehr Lebensbereichen umzusetzen.

Aladin Klieber: In der Argumentation zur Preisvergabe heisst es, die Ökoarchitektur habe ihr Stigma überwunden, was genau ist damit gemeint?

Beno Aeschlimann: Der Stigma-Begriff bezieht sich wohl auch auf die unzähligen Versuche, mit komplizierter Technologie Energie zurückzugewinnen. Uns war bei der Umsetzung die räumliche Komposition sehr wichtig, um nicht einfach eine gegen Süden verglaste Kiste hinzustellen. Die Verwendung lokaler Baumaterialien hinterfragt die grenzenlose Mobilität unserer Gesellschaft und den riesigen Materialtransfer in der Baubranche.

Aladin Klieber: Bewegt Sie diese Ehrung dazu, vermehrt nachhaltig zu bauen?

Beno Aeschlimann: Das nachhaltige Bauen ist sicher der richtige Weg und in diese Richtung werden wir uns zweifellos weiterentwickeln. Unter anderem wollte ein Architekt aus Holland das Projekt seinen Studenten näher bringen. In diesem Sinne hatten und haben wir ein internationales Echo.

Aladin Klieber: Bauherren bauen meist aus ökonomischen Gedanken nach einem Label oder Standard. Wie überzeugen Sie die Bauherren von einer nachhaltigen Bauweise?

Beno Aeschlimann: Private Bauherren müssen explizit auf die Möglichkeiten hingewiesen werden. Wir machen zum Beispiel über www.eco-bau.ch, eine Plattform für Nachhaltigkeit im öffentlichen Bauen, auf Eco-Devis aufmerksam. Hier handelt es sich um Bauausschreibungen, die auf die einzelnen Arbeitsgattungen ausgerichtete ökologische Materiallisten beinhalten. So werden beispielsweise bei der Ausschreibung der Schreinerarbeiten keine Holzwerkplatten mit dem Giftstoff Formaldehyd verwendet. Die öffentliche Bauherrschaft ist von sich aus schon an einem Minergie-Eco Standard und der Einhaltung erwähnter Kostenvoranschläge interessiert.

Aladin Klieber: Gibt es nicht oft Konflikte bei der Umsetzung von ökologischen und ästhetischen Zielen?

Beno Aeschlimann: Insbesondere bei Sanierungen entstehen Diskrepanzen. So ergeben sich Fragen, ob Altbaufassaden möglichst in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten bleiben, nach hohem Energiestandard gedämmt werden oder allenfalls beides erreicht werden kann.
Je strenger die Auflagen bezüglich der Energievorschriften sind, desto schwieriger wird es die ästhetischen Ziele zu erreichen.

Aladin Klieber: Fliessen in Ihrer Entwurfsphase bereits ökologische Überlegungen ein?

Beno Aeschlimann: Bezüglich der Materialwahl sicher. Allerdings haben wir, wenn wir einen Auftrag bekommen, einen gewissen Spielraum, in dem wir als Berater wirken können und auf gewisse Aspekte hinweisen. Daneben orientieren wir uns natürlich auch an den entsprechenden Gesetzen.

Aladin Klieber: War das Einfamilienhaus Flury teurer als ein konventionelles?

Beno Aeschlimann: Insgesamt lagen die Ausgaben bei etwas mehr als einer Million Franken. Im Vergleich zu einem gewöhnlichen Einfamilienhaus sind die Kosten 20 bis 25 Prozent höher. Die Arbeit mit Lehm erforderte viel Handarbeit und dementsprechend kundige Arbeiter. Was im Vergleich zum Bauen mit Beton oder gar vorgefertigten Elementen sofort ins Gewicht fällt.

Aladin Klieber: Autarkie ist eine Maxime beim Bau des Wohnhaus Flury. Welche Möglichkeiten sehen sie diesbezüglich im urbanen Raum?

Beno Aeschlimann: Die Autarkie war Wunsch des Bauherrn und wurde trotz der zentralen Lage verwirklicht. Es gibt bereits verwirklichte grössere Wohnbau-Projekte, in denen zum Beispiel dem „warmen“ Abwasser die Energie entzogen und dem Frischwasser zugeführt wird. Für grössere Wohnsiedlungen scheint es mir sinnvoll, Energierückgewinnung zu betreiben. Grundsätzlich muss natürlich gesagt werden, dass ein Einfamilienhaus die unnachhaltigste Wohnform darstellt. Grössere Baukomplexe sind sicher immer nachhaltiger.

Aladin Klieber: Wo liegen die grössten Hürden bezüglich der Umsetzung?

"Detail"-Preis

Der internationale Preis für Green Architecture wird im Zweijahresrhythmus vom Architekturmagazin Detail in Kooperation mit der Weltleitmesse BAU verliehen. Mit dem Preis wird herausragende „grüne“ Architektur ausgezeichnet. Neben der Kategorie „Green Architecture“ werden noch in sieben weiteren Kategorien sowie ein Ehrenpreis für vergeben.

Beno Aeschlimann: Ganz klar bei den Kosten. Gerade bei grösseren Einheiten gibt es aber rentable Umsetzungsmöglichkeiten und so wird auch eine Käuferschaft angesprochen, die sich für Unabhängigkeit interessiert.

Aladin Klieber: Die Schweiz hat einen vergleichsweise starken Trend zum „energieeffizienten Bauen“. Ist dies ein Wohlstandstrend oder lässt sich diese Entwicklung im selben Mass in anderen europäischen Ländern beobachten?

Beno Aeschlimann: Die Schweiz ist diesbezüglich sicher vorbildlich. Klar, der Schweizer Wirtschaft geht es gut, aber es ist auch wichtig in solche Entwicklungen zu investieren. Nach meinem Wissen hat auch Deutschland strenge energetische Vorschriften. Allerdings weiss ich auch aus eigener Erfahrung, dass energieeffizientes Bauen in vielen EU-Ländern kaum ein Thema ist.

Aladin Klieber: In den normalen Minergie-Standards wird nicht berücksichtigt, ob eine Wärmedämmung aus Erdöl oder natürlichen, regionalen Materialen hergestellt wurde. Müsste stärker darauf geachtet werden?

Beno Aeschlimann: Das Ganze ist eine politische Diskussion. Die Label, Vorschriften und Gesetze wandeln sich stetig und müssen auch im Wandel bleiben. Auch ich habe mich bei der einen oder anderen Vorschrift nach dem Sinn gefragt. So braucht es für den Minergie-Standard eine kontrollierte Raumlüftung, die regelmässig unterhalten werden muss. Beim Wohnhaus Flury wird die Feuchtigkeitsregulation, Belüftung und die Energierückgewinnung beziehungsweise Speicherung durch die natürlichen Materialen gewährleistet. Wir sind also auch skeptisch den Vorschriften gegenüber.

Aladin Klieber: Wie schätzen Sie die allgemeine Haltung der Schweizer Architekturbranche zum nachhaltigen und ökologischen Bauen ein?

Beno Aeschlimann: Sicher sind die gestalterischen Möglichkeiten durch die Vorschriften eingeschränkt und so entsteht manchmal auch eine Abwehrhaltung.

Aladin Klieber: Was ist für Sie nachhaltiges Bauen?

Beno Aeschlimann: Das verdichtete Bauen ist das nachhaltigste. Es macht Sinn, den Wohnungs- und nicht den Einfamilienhausbau zu fördern. Ein Einfamilienhaus auf der grünen Wiese, mit zwei Autos, um täglich unzählige Kilometer Arbeitsweg zurückzulegen, ist sicher nicht energieeffizient. Das Nachhaltigkeitsthema ist ein soziologisches. Viele Lebensaspekte werden in Bezug auf ihre Nachhaltigkeit noch stark vernachlässigt.
 
 
Zur Person:
Beno Aeschlimann, Architekt HTL, ist Teil der Geschäftsleitung von spaceshop Architekten GmbH in Biel. Er war bis letztes Jahr Prüfungsexperte an Lehrabschlussprüfung für Hochbauzeichner in Biel.

Bild: zvg.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Deprecated: Function ereg_replace() is deprecated in /home/www-data/nachhaltigkeit.org/components/com_jcalpro/config.inc.php on line 405

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren