Rohstoffe brauchen Spekulation

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Geschrieben von: Raphael Corneo, St. Gallen 02.03.11
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Die Preise für die meisten Rohstoffe steigen seit längerem, auch die der Agrarrohstoffe. Spekulationen seien aber nicht der Hauptgrund dafür, sagt Jörg Zeuner, Chefökonom der VP Bank. Im Gegenteil: Spekulationen an der Börse stabilisierten die Preise sogar.

Raphael Corneo: Die Rohstoffpreise steigen seit längerer Zeit. Was sind die treibenden Kräfte?

Jörg Zeuner: Es gibt mehrere. Hier muss man aber zuerst die Rohstoffe auseinander halten. Beim Gold sind für den Preisanstieg sicherlich die Unsicherheit und der Bedarf an einem sicheren Hafen ausschlaggebend. Auch Inflationsängste spielen da eine Rolle. Sieht man davon ab, war die physische Nachfrage nach Gold sogar rückläufig. Lediglich das Interesse der Finanzinvestoren und der Anleger ist grösser geworden. Bei anderen Rohstoffgruppen, wie zum Beispiel Industriemetallen, spielt die Konjunktur, die zu einer höheren Nachfrage führt, eine grosse Rolle. Ebenso verhält es sich bei Erdöl. Bei den Preissprüngen derzeit kommt noch die Situation in der arabischen Welt dazu. Auf dem Agrargütermarkt sorgen hautsächlich die Angebotsschocks aus dem letzten Jahr für hohe Preise: Also Dürren, Überschwemmungen oder Hitzewellen, die immer noch dafür verantwortlich sind, dass die Nahrungsmittelpreise hoch sind. Die Lagerbestände sind mittlerweile sehr niedrig. Hier können sich die Preise aber entsprechend schnell ändern - wenn zum Beispiel die diesjährige Ernte ertragsreicher wird.

Raphael Corneo:Welchen Einfluss haben Spekulationen auf die Preise?

Jörg Zeuner: In der Tendenz haben sie eher einen stabilisierenden Einfluss. Die meisten Produzenten suchen nach festen Preisen für den Verkauf ihrer Produkte, bevor sie überhaupt geerntet oder abgebaut wurden. Es braucht Spekulanten, die ihnen diese Preisrisiken abnehmen. Zudem sorgt die Spekulation für schnelle Preisänderungen, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern (etwa das Wetter). In dem Fall können Produzenten andernorts sofort reagieren. Wenn der Preis heute bereits steigt, kann das Angebot dort sofort erhöht werden. Die OPEC könnte beispielsweise durchaus im Juni die Quoten erhöhen, wenn der Ölpreis weiterhin hoch bleibt. Die Mitgliedsstaaten würden viel verdienen. Eine solche Anpassung würde den Preis dann wieder senken. Daneben gibt es aber verstärkt Spekulation im physischen Markt. Aus dieser Richtung kommen die grössten Verzerrungen. Im Ölgeschäft werden beispielsweise Tanker gemietet, auf denen - in der Hoffnung auf einen steigenden Preis - Öl gelagert wird. Das hat in letzter Zeit zugenommen. Auch Exportverbote, wie sie nach den Waldbränden in Russland für Weizen verhängt wurden, führen zu starken Verzerrungen. Diese Eingriffe in den physischen Markt haben den viel grösseren Effekt auf die Preise als das, was man allgemein als Spekulationen bezeichnet.

Raphael Corneo:Warum wird mit Agrarrohstoffen gehandelt? Immerhin hängt daran das Leben von Milliarden Menschen.

Jörg Zeuner:Der Handel an der Börse hat Vorteile. Die Börse gibt gewisse Regeln vor und der Preisfindungsmechanismus ist gut. Börsenhandel garantiert auch eine grosse Anzahl an Teilnehmer. So kann ein Produzent beispielsweise seinen Weizen auf Termin anbieten. Das erhöht die Planungssicherheit.

Raphael Corneo:Sollte es trotzdem beim Handel mit Agrarrohstoffen Einschränkungen geben?

Jörg Zeuner:Ich glaube nicht, dass ein neues Regelwerk nur zu Verbesserungen führen wird. Vor allem dann nicht, wenn es die Liquidität im Markt zu sehr einschränkt. Einzelne Regeln sind aber sicherlich verbesserungsfähig. Marktmissbrauch muss auch in Zukunft verhindert werden. Welche neuen Regeln dies bewirken, muss man dann im Einzelnen anschauen.

Raphael Corneo:Welchem Anleger raten Sie, in Rohstoffe zu investieren?

Jörg Zeuner:Allen. Wir investieren für unsere Kunden über alle Risikoprofile in Rohstoffe. Rohstoffinvestitionen haben sich als Stabilisatoren in einem Wertpapierdepot bewährt. Allerdings muss man auf die Produktauswahl genau achten.

Raphael Corneo:Weshalb müssen Rohstoffe an einer Börse gehandelt werden?

Jörg Zeuner:Der Handel an einer Börse bringt einen hohen Grad an Effizienz. An einer Börse gibt es eine zentrale Preisfindung, alle Informationen fliessen an einem Ort zusammen. Würde man den Handel dezentral organisieren, gingen viele Informationen auf der Strecke verloren. Die Börse bündelt sozusagen die Informationen über Angebot und Nachfrage. Der einheitliche Preis signalisiert den Produzenten, ob gerade ein Nachfrageüberschuss oder ein Angebotsüberschuss besteht. Sie können dadurch früher die eigene Produktion und Verkaufsmengen anpassen – also von einem Produkt mehr oder weniger produzieren oder anbieten. Ein weiterer Vorteil der Börse ist, dass der Handel einer Regulierung unterliegt und die Teilnehmer eine Zulassung brauchen. Sie werden auf ihre Qualifikation und Ressourcen geprüft.

Zur Person:

Dr. Jörg Zeuner (40) ist Chefökonom der VP Bank Gruppe in Vaduz. Dort leitet er das Research und die Produktselektion und ist Vorsitzender des Anlageausschusses. Bis zu seinem Wechsel zur VP Bank war Zeuner Senior Economist beim Internationalen Währungsfonds in Washington, wo er bis heute als Berater tätig ist.

 

Bild: zvg

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