Rückendeckung für Jungtalente

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Geschrieben von: Samuel Schlaefli, Zürich 25.03.11
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Mit dem Fellowship-Programm «Society in Science» unterstützt die ETH Zürich Nachwuchswissenschaftler mit zukunftsweisenden Forschungsideen. Peter Chen, der neue Direktor des Programms, erzählt im Interview, wieso «Society in Science» sowohl für Jungtalente als auch für die ETH ein Segen ist.

Samuel Schlaefli: Am 1. Januar 2011 wurde «Society in Science» nach dem Wunsch des verstorbenen Mäzens Branco Weiss an die ETH Zürich übertragen. Gleichzeitig übernahmen Sie das Präsidium von Olaf Kübler. Was hat sich dadurch geändert?

Peter Chen: Branco Weiss hat der ETH gemeinsam mit dem Programm eine Anschubfinanzierung von 20 Millionen Franken übertragen. Das hat dem Programm nochmals eine neue Dynamik gegeben. Bisher wurden jährlich ein bis drei Fellows unterstützt; in Zukunft sollen es zehn sein. Die grundsätzliche Ausrichtung bleibt aber dieselbe: Die Fellowships sind weiterhin für vielversprechende Forschungsprojekte von Postdoktoranden auf der ganzen Welt gedacht. Und es besteht nach wie vor kein Zwang zur Forschung an der ETH; unsere Fellows können frei wählen, an welcher Institution sie ihr Forschungsprojekt realisieren wollen.

«Society in Science»

Der verstorbene Unternehmer und Mäzen Branco Weiss hat sein Förderprogramm «Society in Science» per 1. Januar 2011 der ETH Zürich übergeben. Damit verbunden war eine Schenkung von 20 Millionen Franken, die eine erfolgreiche Zukunft des Programms sichern soll. Delegierter der Schulleitung für «Society in Science» wurde der ehemalige Vize-Präsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen und Professor für Physikalisch-Organische Chemie, Peter Chen. Das Förderprogramm bietet Nachwuchswissenschaftlern die Möglichkeit, im Anschluss an ihre Promotion während bis zu fünf Jahren an einem Institut ihrer Wahl einem selbst bestimmten Forschungsthema nachzugehen. Für die Fellowships 2011 kann man sich noch bis am 1. März 2011 bewerben.

Samuel Schlaefli: Der gesamte Administrationsaufwand für «Society in Science» liegt nun an der ETH. Die meisten der 24 Stipendiaten, die in den letzten acht Jahren unterstützt wurden, forschten aber an einer ausländischen Hochschule. Inwiefern profitiert die Hochschule trotzdem von Society in Science?

Peter Chen:Eine Spitzenhochschule braucht ein Instrumentarium, mit dem sie in die Zukunft blicken kann. Die Berufung von Professorinnen und Professoren ist ihr stärkstes strategisches Werkzeug. Ein Professor bleibt durchschnittlich 20 Jahre an der ETH, mit Vollkosten von ein bis zwei Millionen pro Jahr. Eine unserer wichtigsten Fragen ist dementsprechend: Wer wird in fünf oder zehn Jahren die erfolgversprechendste Forschung betreiben? Mit «Society in Science» erhalten wir einen Blick für zukunftsweisende Forschung. Das Programm ist insofern auch ein Labor für die Schulleitung; ein Biotop, in dem sie zukunftsträchtige Ideen und junge Forscher mit grossem Potenzial frühzeitig erkennen kann. Deshalb berät auch die Strategiekommission ­der ETH - eine Art Ideenfabrik mit Blick in die Zukunft - und nicht die Forschungskommission das Programm. Sie sehen, wir bearbeiten nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft.

Samuel Schlaefli:Die ETH wird nicht die einzige Hochschule sein, die ihr Fellowship-Programm dafür einsetzt. Was unterscheidet «Society in Science» von anderen Fellowships, von denen es vor allem in den USA sehr viele gibt?

Peter Chen:Der Zeitpunkt der Unterstützung. Die meisten Programme fördern Forscher, die bereits eine Stelle als Assistenzprofessor gefunden haben, die sich also schon beweisen konnten. Wir setzten eine Stufe früher an, nämlich zwischen Promotion und der ersten Professorenstelle. Das ist die Zeit, in der Nachwuchsforscher erstmals ein wenig mehr Raum für eigene Ideen haben. Sie überlegen sich: Was kann ich besser machen als mein Chef? Dafür setzen sie ihren eigenen Kopf und ihre Karriere aufs Spiel, denn das Wagnis kann auch scheitern. Genau diese Kandidaten suchen wir; diejenigen, die Neues schaffen wollen.

Samuel Schlaefli:Können Sie mir ein Beispiel geben?

Peter Chen:2010 wählten wir eine Kandidatin, die zwischen Neurobiologie und Psychologie forscht. Sie will herausfinden, ob sich kausale Zusammenhänge zwischen der mentalen und körperlichen Gesundheit wissenschaftlich belegen lassen. Eine sehr interessante Frage, die für die heutige Gesellschaft äusserst relevant ist. Welches Potenzial die Forscherin und ihre Idee hat, werden wir erst in ein paar Jahren herausfinden. Wenn sich das Forschungsgebiet jedoch als vielversprechend herausstellen sollte, so sind wir an der Spitze mit dabei. Unser Gewinn ist, dass wir die Information als erste haben und die guten Forscher in einem zukunftsträchtigen Gebiet frühzeitig kennenlernen.

Samuel Schlaefli:Doch selbst wenn die Forscherin erfolgreich ist; das Fellowship beinhaltet keine Verpflichtung, sich danach an der ETH anstellen zu lassen

Peter Chen:Wir sind nicht nur Geldgeber, sondern wir begleiten unsere Fellows auch während fünf Jahren ihrer Karriere. Obwohl sie keine Verpflichtung haben, glaube ich, dass sich die meisten der ETH verbunden fühlen und bei attraktiven Angeboten gerne nach Zürich kämen. Zudem muss man berücksichtigen: Wir investieren in junge Forscher, bezahlen jedoch nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten einer Anstellung. Den grössten Teil bezahlt noch immer die Heimschule, an welcher ein Stipendiat arbeitet.

Samuel Schlaefli:Wie erreichen Sie potentielle Kandidaten und wie gelangen Sie an die wirklich kreativen Forschungsideen?

Peter Chen:Wir arbeiten neu mit einer ganzen Palette von Marketingmassnahmen: Neben den klassischen Werbekanälen wie Print- und Onlinemedien und der Suchmaschinen-Optimierung unserer Webseite, setzen wir neu auch auf Social Networks. Wir versuchen zum Beispiel, über Facebook junge Menschen zu erreichen, die unserem Profil entsprechen. Zudem haben wir ein Video für eine virale Internet-Werbekampagne gedreht. Die Adressen von 2400 SNF-Postdoc-Stipendiaten auf der ganzen Welt waren ein guter Ausgangspunkt für dessen Verbreitung.

Samuel Schlaefli:Wie viele Bewerbungen hatten Sie in den letzten Jahren?

Peter Chen:Mit der konventionellen Printwerbung bislang 30 bis 40. In Zukunft hoffen wir aber auf 200 bis 300 sehr starke Bewerbungen.

Samuel Schlaefli:Sie haben während Ihrer Karriere selbst von unzähligen Fellowships profitiert. Was bedeuteten diese für Ihren eigenen Werdegang?

Peter Chen:Als Postdoc gibt es meist zwei drängende Fragen: Was ist das wichtigste, das ich tun kann und was kann ich mir wirklich leisten? Für begabte Nachwuchsforscher sollte man die Möglichkeit schaffen, der ersten Frage nachzugehen. Später, als Professor, muss man für Gelder gut begründete Anträge stellen; dann wird es enger. Doch davor, bevor man seine eigene Identität vollständig definiert hat, sollte man diese Freiheit haben. Das hat bei mir sehr viel ermöglicht und meine Karriere stark beschleunigt.

Samuel Schlaefli:Das müssen Sie etwas genauer erklären.

Peter Chen:Eigentlich kam ich aus der organischen Chemie, die Promotion machte ich aber in der physikalischen Chemie. Die einen kochen nicht und die anderen bauen normalerweise keine Geräte. Ich wollte aber beides tun und für meine eher unkonventionelle Idee benötigte ich sehr viel Infrastruktur.

Samuel Schlaefli:Was war Ihre Idee?

Peter Chen:Wir wollten die sehr kurzlebigen und reaktiven Zwischenprodukte bei chemischen Prozessen synthetisieren und in der Gasphase manipulieren. Ich war davon überzeugt, dass dies funktionieren würde. Und es gelang uns, in einer Gruppe von sechs Leuten eine ganze Reihe von neuartigen Techniken zu lancieren. Dafür waren jedoch Ansätze aus der Physik, der Chemie und der Quantenmechanik nötig. Mit 34 wurde ich zum ordentlichen Professor an die ETH berufen. Das ist sehr früh. Dass es dazu kam, verdanke ich zu einem grossen Teil der Unterstützung davor.

Samuel Schlaefli:Was wünschen Sie sich für die Zukunft von «Society in Science»?

Peter Chen:Dass die aussichtsreichsten Nachwuchstalente von alleine zu uns kommen, weil sie wissen, dass sie hier die beste Unterstützung erhalten. Wir wüssten damit immer, welche aufregenden Ideen die jungen Leute gerade verfolgen. Das wäre ein enormer Mehrwert für die ETH.

Samuel Schlaefli:Und wie geht es weiter, wenn die 20 Millionen einst verbraucht sind?

Peter Chen:Wenn wir bis dann einen guten Leistungsausweis haben und nachweisen können, dass viele junge Talente unserem Programm eine Professorenstelle verdanken, dann werden wir für neue Investoren weiterhin attraktiv sein. Schliesslich will jeder in die Zukunft schauen, nicht nur die ETH Zürich.

 

Zur Person: Peter Chen ist Professor für Physikalisch-Organische Chemie und Delegierter der Schulleitung für «Society in Science». (Society in Science)

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