„Agrotreibstoffe sind keine Lösung“

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Geschrieben von: Marielle Moser, Bern 25.02.11
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Für Agrotreibstoffe sollen in der Schweiz strengere Zulassungskriterien gelten. Das fordert eine Petition, für 35 Umwelt-, Entwicklungs- und Bauernorganisationen über 60‘000 Unterschriften gesammelt haben. Koordiniert wird die Aktion von Tina Goethe.

Marielle Moser: Was ist das Ziel der Petition?

Tina Goethe: Wir verlangen strengere Zulassungskriterien für Agrotreibstoffe, die in die Schweiz importiert oder hier produziert werden. Damit setzen wir ein starkes Zeichen gegen die boomende Produktion von Agrotreibstoffen, die gravierende Folgen für Mensch und Umwelt mit sich zieht: Weil Agrotreibstoffe vor allem in Entwicklungsländern und hauptsächlich mit Mais, Zuckerrohr oder Palmöl hergestellt werden, verlieren viele Menschen ihre Ernährungsgrundlage. Für 95 Liter Benzin benötigt man beispielsweise 200 Kilogramm Mais - von dieser Menge könnte sich ein Mensch ein Jahr lang ernähren. Mittlerweise ist erwiesen, dass die Herstellung von Agrosprit den weltweiten Hunger noch weiter verstärkt hat. Das gilt auch für Pflanzen wie die Jatropha, die seit wenigen Jahren für die Dieselproduktion im Gespräch sind. Obwohl diese für den Menschen ohnehin giftig sind, benötigt ihre Produktion wertvolles Kulturland, das für die Lebensmittelproduktion verloren geht.

Marielle Moser:Trotz dieser negativen Auswirkungen stehen Agrotreibstoffe hoch im Kurs. Weshalb?

Tina Goethe: Vor einigen Jahren wurden sie als ökologische Alternative zu fossilen Treibstoffen gefeiert. Man glaubte, Agrotreibstoffe würden aus - vermeintlich - erneuerbaren Ressourcen stammen und könnten so die Abhängigkeit zu fossilen Brennstoffen wie Öl verringern. Ausserdem hiess es, sie seien klimaneutral, weil deren Verbrennung nur so viel Kohlendioxid verursacht, wie die Pflanzen während ihrem Wachstum vorher aufgenommen haben. Das stimmt aber so nicht. Betrachtet man den gesamten Produktionszyklus dieser Treibstoffe, sind die C02-Emissionen sogar noch höher als bei fossilen Brennstoffen. Kurz gesagt: Agrotreibstoffe sind keine Lösung zur aktuellen Klimaproblematik - im Gegenteil, sie verstärken diese noch.

Marielle Moser:Trotzdem wird der Vertrieb von Agrotreibstoffen durch politische Rahmenbedingungen weiter gefördert…

Tina Goethe: Ja, in Staaten wie die USA wird der Sektor mit massiven Subventionen gefördert, was die Produktion noch weiter ankurbelt. In der EU sieht ein Gesetz vor, dass zehn Prozent aller Energien aus Biomasse stammen müssen. Zwar orientiert sich auch die EU an gewisse ökologische Kriterien, die jedoch an vielen schwerwiegenden Problemen vorbei gehen und zu schwach ausformuliert sind. Zudem sorgen gewaltige Wirtschaftsinteressen dafür, dass die Produktion von Agrotreibstoffen weiter voran getrieben wird. Von diesem Wachstum profitieren vor allem die Agrar-, die Erdöl- und die Autobranche. Aber auch die Grossproduzenten Brasilien und Indonesien möchten ihre Produktion weiter ausbauen und zerstören dabei immer grössere Regenwaldflächen.

Marielle Moser:Wie sieht denn die Lage in der Schweiz aus?

Tina Goethe: Aktuell wird in der Schweiz kaum Agrotreibstoff verwendet. Noch sind zwar Steuererleichterungen für Produzenten von Agrodiesel und -benzin vorhanden, die aber nur gemäss ökologischen und sozialen Kriterien gewährt werden. Ein Gesetzesvorschlag der Kommission für Umwelt und Energie (UREK) will diese Hürde für Steuererleichterungen erhöhen. So wird verhindert, dass Agrotreibstoffe, die zu Hunger und Umweltzerstörungen führen, nicht importiert werden. Auch ist der Bundesrat verpflichtet, Zulassungskriterien zu erlassen, sobald die Steuerbefreiung nicht mehr regulierend wirkt - etwa, wenn Agrotreibstoffe im Vergleich zu fossilen Treibstoffen deutlich günstiger zu produzieren sind. Wir begrüssen den Gesetzesvorschlag der UREK, verlangen aber Nachbesserungen. So müssen auch die indirekten Auswirkungen und die Ernährungssicherheit berücksichtigt werden.

Marielle Moser:Welche Reaktion erwarten Sie nun vom Parlament?

Tina Goethe: Ich bin zuversichtlich, dass unser Vorhaben Gehör finden wird. Die hohe Zahl an Petitionsunterschriften - es sind 61′109 - zeugt davon, dass die Öffentlichkeit nicht einverstanden ist mit der Produktion von Agrotreibstoffen. Zudem zeigt unsere Arbeit der letzten Jahre bereits Erfolg: Die Firma Green Bio Energy, die im jurassischen Délémont Benzin aus Zuckerrohr produzieren wollte, zieht ihren Antrag nun zurück. Und die Firma Green Bio Fuels aus Bad Zurzach wird womöglich ihr Vorhaben, Jatropha-Öl für die Produktion von Diesel einzuführen, aufgeben und stattdessen auf Rapsöl umsteigen. Wobei auch das schwierig ist, weil in der Schweiz die Produktionsflächen für Rapsöl kaum ausreichen, um einen grösseren Bedarf zu decken.

 

Zur Person
Tina Goethe ist Landwirtschaftsexpertin der Entwicklungshilfeorganisation Swissaid und Koordinatorin der Plattform Agrotreibstoffe. In dieser sind 35 Umwelt-, Entwicklungs- und Bauernorganisationen zusammengeschlossen. Am Donnerstag haben sie der Bundeskanzlei in Bern die Petition „Keine Agrotreibstoffe, die zu Hunger und Umweltzerstörung führen” mit 61109 Unterschriften übergeben.

 

Bild: Urs Fitze

 

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