Indien ist Mikrofinanz-Ausnahme

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Geschrieben von: Raphael Corneo, Zürich 21.02.11
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Die andauernde Kritik an den Mikrokrediten hat den Ruf der Mikrofinanzinstitute ramponiert. Die Medien müssen sich ihrer Verantwortung stärker bewusst werden und dürfen nicht zu sehr vereinfachen, sagt Klaus Tischhauser, Geschäftsleiter von responsAbility.

Raphael Corneo: Die Mikrokredite stehen in der Kritik. Ist die Kritik berechtigt?

Klaus Tischhauser: Man muss unterscheiden: Einerseits gibt es eine globale Kritik und auf der anderen Seite gibt es verschiedene Ereignisse, die kritisiert werden. Bei der globalen Kritik handelt es sich oft um ein falsches Verständnis von Mikrofinanz. Eigentlich kann man nicht gegen die Mikrokredite sein. Denn es ist nichts anderes als eine Finanzsektorentwicklung. Man kann nur dagegen sein, wenn man grundsätzlich gegen unser Wirtschaftssystem ist. Wer jedoch erkennt, wie wichtig die Entwicklung des Finanzsektors ist, erkennt auch, dass dies genauso in Entwicklungsländern der Fall ist.

Auf einer anderen Ebene werden spezielle Ereignisse hervorgehoben, wie zum Beispiel die Selbstmordserie in Indien. Hier muss man jedoch aufpassen, dass man das nicht verallgemeinert und sagt „das ist jetzt ein Problem der Mikrofinanz“. Dies geschieht leider oft in den Medien. Ein lokales Problem wird mit der Mikrofinanz verknüpft, obwohl es damit eigentlich nichts zu tun hat. Erst durch die Berichterstattung wird es zum Problem.

Raphael Corneo:Weshalb gibt es gerade in Indien Probleme?

Klaus Tischhauser: Zuerst muss man sagen, dass es auch in Indien lange sehr gut funktioniert hat.
Der indische Markt ist aber sehr schlecht reguliert und es gibt eine Art Monokultur an Angeboten - zum Beispiel ohne Sparangebote. Das ist natürlich gefährlich. Der Mikrokreditmarkt in Indien ist noch nicht so stark entwickelt, wie in anderen Länder. Viele der heutigen Probleme haben jedoch nichts mit Mikrofinanz zu tun. Vielmehr sind es politische Probleme oder Probleme, die mit der Entwicklung des Landes zusammenhängen. Die Politik hat zudem die Mikrokredite als Wahlkampfthema genutzt. Auch dadurch ist der Markt fast zum Stillstand gekommen.

Raphael Corneo:Was kann man dagegen tun?

Klaus Tischhauser: Zuerst muss wieder Vertrauen geschafft werden. Einerseits bei den Investoren aber auch bei den Banken, die Mikrokreditbanken refinanziert haben. Das geht aber nicht von Heute auf Morgen. Ein starkes Signal von Seiten der indischen Regierung und der Zentralbank wäre wünschenswert.

Raphael Corneo:Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Klaus Tischhauser: Das UNO-Jahr der Mikrokredite und der Nobelpreis für Muhammad Yunus haben dazu geführt, dass viel mehr privates Kapital in das System geflossen ist. Das ist sehr positiv.

Die Mikrofinanzmärkte auf der ganzen Welt befinden sich in ganz verschiedenen Phasen. Man kann sie nicht vergleichen. Jedes Land hat seine Eigenheiten. In Bolivien funktioniert der Markt sehr gut. Aber auch da gab es schon Krisen, durch die der Markt jedoch schliesslich gestärkt wurde. Ecuador und Peru haben schon eine lange Mikrofinanz-Tradition. Osteuropa steht noch ganz am Anfang und muss noch Erfahrungen sammeln. Afrika wiederum ist ein ganz spezieller Fall mit einer Vielzahl an Modellen. Gleiches gilt auch für Asien. Auf dem Weg zur Entwicklung der Finanzsektoren, gibt es immer wieder Abweichungen vom Idealweg. Das ist nicht komplett vermeidbar. Die Fehlentwicklungen müssen aber korrigiert werden und zu einer Weiternetwicklung des Finanzsektors führen.

Raphael Corneo:Denken Sie, dass in den Medien zu sehr verallgemeinert wird und falsche Vergleiche gezogen werden?

Klaus Tischhauser:Das ist oft ein Problem. Obwohl das gesamte weltweite Finanzsystem durch eine gewaltige Krise gegangen ist, wird es kaum in seiner Gesamtheit in Frage gestellt. Bei der Mikrofinanz ist das anders. Meist wird dabei auf einem sehr banalen Niveau diskutiert. Zu plakativ und zu vereinfacht. Die Berichterstattung über Mikrofinanz ist somit nicht seriös.

Ich denke das liegt auch daran, dass die Mikrofinanz am Anfang als die grosse Lösung zur Armutsbekämpfung gefeiert wurde. Das ist natürlich auch falsch. Nun hat es sich in das Gegenteil verkehrt.

Raphael Corneo:Weshalb wird so kritisch berichtet?

Klaus Tischhauser:Es wird zu oft - und dies bei der positiven wie auch bei der negativen Berichterstattung - aus der Sicht des Endkunden argumentiert. Dabei wird ausser Acht gelassen, was in der Industrieentwicklung passiert. Leider haben die Medien meist zu wenig Platz um über das Thema in seiner Ganzheitlichkeit zu berichten. Denn um diesem Thema gerecht werden zu können, müsste man verschiedene Aspekte beleuchten. Die Medienwelt muss immer etwas vereinfachen. Dafür habe ich auch ein bisschen Verständnis.

Raphael Corneo:Was sind die Folgen für die Mikrokredite?

Klaus Tischhauser:Ich war immer der Meinung, dass das grösste Risiko für die Industrie weltweit gesehen, die internationalen Medien sind. Denn alle anderen Probleme sind lokal. Die negative Berichterstattung führt zu einem Generalverdacht. So kommen auch Länder in die Kritik, in denen es eigentlich überhaupt keine Probleme gibt. Das kann zum Systemrisiko werden. Denn die Investoren werden verunsichert. Wenn sie nicht mehr investieren, geht uns das Geld aus und der Markt kommt zum Erliegen.

Es gibt aber auch Chancen. Nun kann man zeigen, was Mikrofinanz wirklich ist. Ich denke das Resultat aus der ganzen Diskussion wird sein, dass Mikrofinanz etwas erwachsener, etwas reifer wird.

Raphael Corneo:Was sind die Folgen für responsAbility?

Klaus Tischhauser:Es ist nun unser Job, das Image der Mikrokredite wieder zu verbessern. Wir spüren schon eine gewisse Verunsicherung und wir können natürlich nicht mit jedem Kunden sprechen. Die Medien müssen sich bewusst sein, was die Konsequenz einer einseitigen Berichterstattung ist. Wenn plötzlich kein Geld mehr da ist für die Menschen, die mit der Mikrofinanz unterstützt werden, stehen diese ganz plötzlich im Regen.

Raphael Corneo:Oft wird kritisiert, Mikrokredite seien ein Geschäft mit den Armen. Was entgegnen sie den Kritikern?

Klaus Tischhauser:Dass das genau das Richtige ist. Das ist wieder eine Frage der Ideologie. Entweder man sagt „die Armen, sind eine ganz spezielle Gruppe von Leuten und für die brauchen wir Speziallösungen“. Die Alternative ist, dass man arme Menschen ernst nimmt und als ganz normale Menschen betrachtet: Leute die Dienstleistungen und Produkte nachfragen und ein Anrecht haben, gleich behandelt zu werden wie alle anderen. Diese Geschäftsbeziehung wertet den Status der Menschen auf. Es ist zynisch, zu glauben, man könnte die grössten Probleme der Menschheit damit lösen, freiwillig zu geben.

Diese Kritik ist intuitiv verständlich. Es geht uns allen so. Wenn man Armut sieht, ruft dies zuerst einmal einen Helferreflex hervor. Aber nur auf einer kommerziellen Basis kann die Hilfe nachhaltig sein.

Raphael Corneo:Was steht bei den Investoren im Vordergrund? Gutes zu tun oder Geld zu vermehren?

Klaus Tischhauser:Die Leute investieren in erster Linie, weil sie einen Beitrag für eine bessere Welt leisten wollen. Die Meisten spenden auch, wollen aber noch mehr tun. Es geht ihnen sicherlich nicht nur darum ihr Geld zu vermehren oder den Gewinn zu maximieren. Verlieren möchten sie es aber auch nicht. Natürlich sind sie aber nicht dagegen, wenn sie damit Geld verdienen.

Raphael Corneo:Wie sieht ihrer Meinung nach die Zukunft der Mikrokredite aus?

Klaus Tischhauser:Die Grundaufgabe der Mikrokredite ist die Finanzsektorentwicklung. Längerfristig muss das Ziel sein, dass es Mikrofinanz nicht mehr braucht. Alle Menschen sollen in Zukunft möglichst im normalen Finanzsektor integriert werden können. Irgendwann sollen die Mikrofinanzinstitute sich nicht mehr stark von normalen Banken unterscheiden. Leute die zuvor ausgeschlossen waren von Finanzdienstleistungen, sollen so miteinbezogen werden.


Zur Person:
Klaus Tischhauser ist Geschäftsleiter von responsAbilty. Die 2003 gegründete responsAbility Social Investments AG gehört zu den weltweit führenden Vermögensverwaltern im Bereich der Social Investments. Anlageschwerpunkte sind Mikrofinanz, KMU-Finanzierung, Fair Trade und unabhängige Medien. Mit ihren Anlageprodukten eröffnet responsAbility Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern Zugang zu Märkten und Informationen sowie zu weiteren für ihre Entwicklung wichtigen Dienstleistungen. 

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