2011 hat die UNO das Jahr des Waldes ausgerufen. Denn für das Überleben der Menschheit sind sie unabdingbar. Auch für die Schweiz zählt somit, wenn der Wald in Südostasien zu schwinden droht. Kurzfristiger Gewinn bedrohe ihn, sagt WWF-Experte Thomas Wirth.
Birgitta Willmann:2011 ist das UNO-Jahr des Waldes. Wieso braucht der Wald soviel Support?
Thomas Wirth:Die Wälder sind prägende Teile der Landökosysteme und für das Überleben der Menschheit wichtig: Über eine Milliarde Menschen lebt direkt im oder vom Wald. Weltweit gesehen sind die Wälder ein stark bedrohtes Öko-System, deshalb sind solche Veranstaltungen wie das UNO-Jahr des Waldes wichtig, um auf die Bedeutung der Wälder aufmerksam zu machen.
Birgitta Willmann: Welche Bedeutung hat der Wald?
Thomas Wirth: Die tropischen Regenwälder beheimaten die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten, die auf dem Land leben. Eine einzigartige Biodiversität, die durch die grossen Waldzerstörungen verloren geht. Ausserdem sind die Wälder riesige CO2-Speicher, was zentral für das weltweite Klima ist. Sie sind auch sehr wichtig für den Schutz vor Naturgefahren und zur Erholung. Und last but not least sind sie für viele Länder ein wirtschaftlich wichtiger Faktor.
Birgitta Willmann:Wo ist die Waldzerstörung am grössten?
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Thomas Wirth: In den Tropen, im Kongobecken oder im Amazonasgebiet schreitet das Roden unaufhörlich voran – aber am weitesten fortgeschritten ist der Prozess in Südostasien. Ebenfalls bedroht sind die Wälder der nördlichen Halbkugel in der sogenannten borealen Zone, insbesondere in Sibirien. Es gibt positive Beispiele, wo die Entwaldung gebremst werden konnte, aber es braucht noch viel grössere Anstrengungen, um diesen Prozess zu stoppen.
Birgitta Willmann:Warum?
Thomas Wirth: Haupttreiber dieser Zerstörungen sind wirtschaftliche Interessen. Die Leute möchten den Wald nicht als Wald erhalten und nutzen, sondern wandeln ihn – wie in den Tropen – in Palmöl- oder Sojaplantagen um, deren Erträge höhere Renditen versprechen. Die nördlichen Wälder werden für die Holzindustrie gerodet.
Birgitta Willmann:Warum sehen die Verantwortlichen dieser Länder das Problem nicht?
Thomas Wirth: Das Problem zu sehen, ist das eine, die entscheidende Frage aber ist: Wie viel Wald wollen wir – und wo soll er stehen? In der Schweiz haben wir diese Frage inzwischen geklärt, Brasilien beispielsweise ist noch nicht soweit. Diese Abwägung zwischen einem kurzfristigen Gewinn, den man durch die Waldzerstörung erhält, und den langfristigen negativen Folgen ist schwierig. Auch Europa war einst weitgehend bewaldet und unsere Vorfahren haben es abgeholzt.
Birgitta Willmann:Und jetzt wollen wir es anderen verbieten?
Thomas Wirth: Das ist das Problem! Die Drittweltländer sagen: Warum dürfen wir nicht das, was ihr schon längst gemacht habt? Weil die riesigen Wälder in den Tropen aber für das globale Klima und die Biodiversität so wichtig sind, brauchen wir eine andere Lösung. Die Förderung nachhaltiger Forstwirtschaft und Entschädigungen für die Erhaltung der Wälder sind der einzig gangbare Weg.
Birgitta Wilmann:Deshalb also waren die Klimaverhandlungen im mexikanischen Cancún so wichtig?
Thomas Wirth: Ja, solche Verhandlungen bieten jeweils grosse Chancen, aber sie bergen auch grosse Risiken. Ein positiver Verlauf kann sich auf die Walderhaltung, die Biodiversität und die Forstwirtschaft günstig auswirken. Läuft dieser Prozess aber falsch, dann entstehen im schlimmsten Fall falsche Anreize, welche die Zerstörungen noch fördern.
Birgitta Willmann:Wie genau wirkt sich denn die Zerstörung des Waldes auf die Umwelt aus?
Thomas Wirth: Nehmen wir die Schweiz: Bei uns wurden die Wälder weit zurückgedrängt und übernutzt, weil die Leute zu viel Holz und Laub sammelten und ihre Tiere dort weiden liessen. Der Boden verarmte und der Wald konnte nicht mehr nachwachsen, weil die jungen Bäume durch das Vieh geschädigt wurden. Das hatte dramatische Auswirkungen für die Bevölkerung: Überschwemmungen, Lawinen, zerstörte Häuser und Ernten.
Birgitta Willmann:Wie sahen die Gegenmassnahmen aus?
Thomas Wirth: Irgendwann war eine Grenze überschritten und ein funktionierender Waldschutz wurde nötig. Seither gibt es ein Waldgesetz, das die Wälder schützt. Laub sammeln und Tiere weiden lassen wurde verboten, ebenso die Zerstörung und Übernutzung. So konnte der Wald sich erholen. Heute funktionieren die Schutzwälder in der Schweiz wieder, das Trinkwasser wird durch den Boden einwandfrei gefiltert, er wächst auch fl ächenmässig. Der wirtschaftliche Faktor des Waldes spielt bei uns eine kleinere Rolle, wichtig ist er heute vor allem als Erholungsraum.
Birgitta Willmann:Ist die Globalisierung schuld daran, dass die Bewirtschaftung der Wälder weltweit so aus dem Ruder läuft?
Thomas Wirth: Es ist ja nicht falsch, die Wälder zu bewirtschaften! Die nachhaltige Nutzung des Tropenwalds soll den Menschen dort eine Perspektive geben. Und die gibt ihnen die Globalisierung, denn so können sie ihre Produkte auf den Markt bringen. Deshalb sind ja auch die FSC-zertifi zierten Produkte aus nachhaltigem und sozialverträglichem Anbau so wichtig – denn dadurch wird klar, dass der Wald einen ökonomischen Wert hat und sich auch mit nachhaltig angebautem Holz Geld verdienen lässt. Damit bietet die Globalisierung auch Chancen für Arbeitsplätze und Entwicklungsmöglichkeiten.
Birgitta Willmann:Können die Konsumenten mit dem Kauf von FSC-zertifiziertem Holz einen Beitrag zum Waldschutz leisten?
Thomas Wirth: Das FSC-Kontrollsystem umfasst die gesamte Verarbeitungskette und garantiert eine nachhaltige Forstwirtschaft. Insofern ist es derzeit das beste Mittel, um zu garantieren, dass der Wald auch auf globaler Ebene nachhaltig genutzt wird. Aber eine erfolgreiche Walderhaltungspolitik steht auf mehreren Säulen. Es braucht ja auch Schutzgebiete, in denen sich natürliche Prozesse ungestört abwickeln können, damit die Artenvielfalt der Wälder erhalten bleibt. Deshalb konzentriert sich die Arbeit des WWF auf beide Aspekte.
Birgitta Willmann:Soll man jetzt nur Schweizer Holz kaufen?
Thomas Wirth: Die Holzwirtschaft ist global. Ein in der Schweiz gefällter Baum wird nicht unbedingt auch hier verarbeitet, der lokale Kreislauf existiert praktisch nicht mehr. Das Holz wird über die Grenzen verschoben, an anderen Orten verarbeitet und dann wieder als fertiges Produkt in die Schweiz importiert. So findet fortlaufend eine Vermischung der Hölzer statt. Die Schweiz ist keine Insel, man muss das ganze globale System auf den richtigen Weg bringen. Daher sollte der Konsument zuerst aufs FSC-Label schauen. Wenn das Holz dann noch aus der Schweiz kommt, ist dies umso besser.
Zur Person: Thomas Wirth ist beim WWF seit 2007, Studium der Forstwissenschaften an der ETH Zürich (1991–1998) und Nachdiplomstudium der tropischen und subtropischen Forstwirtschaft an der Uni Göttingen (1998–2000), lange Forschungs- und Arbeitsaufenthalte in Mali, Kamerun und Vietnam.
Bild: Lena Amuat / Verde
Das Interview ist zuerst im Bio- und Nachhaltigkeits-Magazin Verde von Coop erschienen.

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