Öko geht auch ohne Verzicht

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Basel 14.02.11
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Das grüne Gewissen wächst bei Konsumenten. Das ist ein Etappensieg, auch wenn Preis und Qualität beim Einkauf noch immer stärkere Argumente sind als der Umweltschutz. Auf dem 6. Natur-Kongress in Basel setzte sich unter anderem Umweltstifter Fürst Albert von Monaco für kleine Schritte ein, die den Konsumenten nicht überfordern.

Der zweifachen Mutter Sibylle liegt die Umwelt am Herzen: „Ich bin umweltfreundlich, wo es mein stressiger Mama-Alltag und mein Budget erlauben.” Wenn die fairen Bananen das Doppelte von regulären kosten, wird das grüne Gewissen beiseite gelassen. Laut einer aktuellen Umfrage handeln so rund 30 Prozent der Schweizer Konsumenten. Reicht dieses Verhalten, um den drängenden ökologischen Problemen etwas entgegenzusetzen? Oder muss der Konsument bewusst verzichten - auf Geld oder Komfort? Fragen, die 600 Teilnehmer des 6. Basler Natur-Kongresses heiss diskutierten. Auch die Besucher der Natur-Messe auf dem Messegelände wurden mit dieser Problematik konfrontiert. Und jeder war dazu angehalten, sich an die eigene Nase zu packen.

Auffrischung des Konsumdenkens

Für Verzicht und gegen Selbstbetrug plädiert die streitbare deutsche Autorin Kathrin Hartmann: „Eine weichgewaschene grüne Lebensweise ist nur eine Auffrischung des Konsumdenkens.” Und das geht gegen die Lohas, die Vertreter eines Lebensstils für Gesundheit und Nachhaltigkeit, die eine hart umkämpfte Zielgruppe der Wirtschaft geworden sind. Eine Absage erteilt sie auch der Hoffnung vieler, dass Konsumenten durch ihre Wahl im Supermarkt die Welt verändern könnten. „Menschen sollten sich mehr als Bürger denn als Konsumenten verstehen”, sagt sie.

Auch manche derjenigen, die ernsthaft ökologisch arbeiten, reagieren auf den Loha-Begriff zuweilen allergisch. Jürg Weibel, für die Neukundengewinnung der biologischen Weine von Delinat zuständig, sagt: „Unsere ökologischen Delinat-Kriterien verlangen von Winzern mehr ab, als Marketing-Experten für ihre Kommunikation als sexy betrachten würden. Wir halten es dennoch für notwendig.” Das macht ihren Biowein teurer als anderen, wobei Lohas den Qualitätsunterschied nicht zu honorieren wissen. Eine Sackgasse?

Druck nehmen

Solange Konsumenten die freie Wahl haben, agieren sie egoistisch und mit kurzfristigem Horizont, sagen andere. Markus Abt, Vertreter des internationalen Verbrauchsgüterkonzerns Unilever, will den Druck auf die gestresste Mutter Sibylle verringern: „Qualität und Preis steht immer noch vor ökologischen Aspekten beim Kauf. Das müssen wir akzeptieren.” Deshalb stünden die Unternehmen in der Verantwortung - auch wenn die Politik sich nicht auf allgemeinverbindliche hohe ökologische Standards einigen könne. Abt postuliert „Wachstum nicht um jeden Preis” und kann etwas vorweisen: Unilever beabsichtigt, die Umweltauswirkungen durch seine Produkte bis 2020 zu halbieren. Das weltweit tätige Unternehmen mit Marken wie Knorr, Lipton, Dove, Rexona oder Lusso hat in diesem Winter ein Nachhaltigkeitsprogramm mit über 50 sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zielen formuliert. Wirtschaftliches Wachstum hat demnach nicht mehr höchste Priorität.

Coop ist schon seit Jahren ein weiteres Beispiel für ein nachhaltig agierendes Unternehmen, das Signale setzt: Ob beim Vertrieb von Bio-Baumwolle oder bei konsequenter Förderung von fairen Produkten. Doch Jürg Peritz, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung bei Coop, appelliert daran, nicht zuviel auf einmal erreichen zu wollen. "Es zählt nicht die Stoppuhr, sondern der Kompass." Ähnlich geht es auch der Autokonzern Toyota an. Toyota-Schweiz-Generaldirektor Philipp Rhomberg sagt: „Umdenken und auch neue Lösungen brauchen Zeit. Toyota hat zwischen 1963 und 1997 am Hybrid-Auto geforscht, bis es auf den Markt kam.“

Auf Wichtiges beschränken

Unilever, Coop und Toyota bewegen sich in Richtung Nachhaltigkeit. Doch nicht aus Lust und Laune. Und auch nicht, weil Konsumenten ausschliesslich ökologische Produkte forderten, sagt der Ökonom Matthias Freise, der für Charles Vögele tätig ist. „Als Treiber nachhaltiger Wirtschaftsweise stehen noch vor dem Konsumenten die Interessengruppen. Und letztlich ist es eine komplexe Verbindung aus Mitarbeitern, Kunden, Zulieferern und vielen anderen, die grüne Ideen anstossen.”

Schliesslich sind Konsumenten auch Mitarbeiter und Bürger sowie zuweilen selbst Unternehmer. Michael Billharz arbeitet beim Deutschen Umweltbundesamt im Bereich nachhaltigen Konsums und will dieser Komplexität mit einem einfachen Schema entgegentreten: Weg mit dem Panik-Primat „Alle ökologischen Probleme sind fürs Überleben wichtig und müssen jetzt gelöst werden”, hin zu einer Konzentration auf wenige wichtige Aspekte mit Trend-Potential: „Energieeffizientes Bauen, Schluck-die-Hälfte-Autos, CO2-Kompensation - solche Aspekte lassen sich in der Gesellschaft verankern und bewegen diese nachhaltig”, sagt er. Denn durch realistische Ziele und Ansprechen der Bedürfnisse könnten Menschen motiviert, Strukturen verändert und eine Dynamik in Gang gesetzt werden.

Weniger Fleisch essen

Fürst Albert von Monaco rief in der Abschlussrede des Kongresses dazu auf, nicht häufiger als einmal pro Woche Fleisch zu essen. Mit seiner Umweltstiftung ist er zwar weit mehr als ein gewöhnlicher Loha, doch auch er betont die kleinen Schritte. Den meisten Kongressteilnehmern war der Samen wichtig, der im Denken einen Platz findet. So belohnten sie auch das Startupu-Unternehmen „Urban Farmers” mit dem Prix Nature Swisscanto im Bereich „Generation Zukunft”. Das Dreierteam um Roman Gaus will auf Dächern Fisch- und Gemüsezucht etablieren. Damit sich Stadtbewohner in den Rollen der Konsumenten, Produzenten und Bürger besser einfinden.

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