Am 7. Februar begeht die Schweiz 40 Jahre Frauenstimmrecht. Rosmarie Zapfl, alt Nationalrätin und Präsidentin der alliance F, ist durch den Kampf gegen die Diskriminierung der Frauen politisiert worden.
Matthias Oppliger: Was haben Sie am 7. Februar 1971 gemacht?
Rosmarie Zapfl: Ich habe die Abstimmung über das Frauenstimmrecht verfolgt, und am Abend habe ich mich riesig darüber gefreut, dass wir Frauen nun endlich unsere Stimme an der Urne abgeben durften. Endlich, endlich war diese schwerwiegende Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft. Endlich bekamen Frauen die gleichen Rechte wie Männer. Man muss sich vorstellen wie das gewesen ist vor diesem Tag.
Matthias Oppliger:Wie ist es denn gewesen?
Rosmarie Zapfl:Als Frau wurde man ununterbrochen diskriminiert. Mir war es in der Schule als Mädchen nicht erlaubt, den Englischunterricht zu besuchen. Mein Mann war, rein rechtlich gesehen, mein Vormund und hätte somit beispielsweise über meine Einkünfte bestimmen können. Diese dauernde Diskriminierung hat mich politisiert, diese schreiende Ungerechtigkeit hat mir überhaupt erst den Antrieb verschafft, für die Rechte der Frauen politisch einzustehen. Persönlich war ich nicht diskriminiert, mein Mann hat mich nie bevormundet. Aber das Recht hat alle Frauen benachteiligt.
Matthias Oppliger:Wie hat es sich angefühlt, nach diesem jahrzehntelangen Kampf, im Herbst 1971 zum ersten Mal die Stimmunterlagen auszufüllen?
Rosmarie Zapfl:Grossartig. Schon drei Jahre später bin ich, mit meiner Wahl in den Dübendorfer Gemeinderat 1974, selbst in die Politik eingestiegen.
Matthias Oppliger:Konservative Frauengruppierungen sprachen sich öffentlich gegen das Frauenstimmrecht aus. Was hat das in Ihnen ausgelöst?
Rosmarie Zapfl:Natürlich hat mich das geärgert. Ich kann mich an viele Diskussionen mit diesen Frauen erinnern. Als ich ihnen aufzeigen wollte, wie sie diskriminiert werden. Ganz viele Frauen haben überhaupt nicht bemerkt, dass dies geschah. Mit der Heirat war der Fall für sie erledigt, alles Weitere oblag dem Mann. Die Hürden zum Studium und zu vielen Berufen waren für die Frauen zu hoch. Was sicher ein Grund war für diese fehlende Selbstständigkeit.
Matthias Oppliger:Verspürten Sie auch Unverständnis?
Rosmarie Zapfl:Ich musste einfach feststellen und akzeptieren, dass sich nicht alle Frauen an dieser Diskriminierung störten. Einigen war das egal, andere fühlten sich sogar wohl damit.
Matthias Oppliger:Woher kam bei Ihnen das Bewusstsein für diese politische Ungleichbehandlung?
Rosmarie Zapfl:Schon früher als Kind war ich für das Haushaltsgeld zuständig. In meiner Ehe übernahm ich die Verantwortung für die Finanzen. Ich war es gewohnt, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Als Stadträtin von Dübendorf hatte ich die alleinige Unterschriftenhoheit, dann wurde ich Verwaltungsratspräsidentin einer Aktiengesellschaft in Zürich. Auf dem Notariat musste mein Mann für mich unterschreiben, weil meine alleinige Unterschrift als Frau nicht akzeptiert wurde.
Matthias Oppliger:Hat die Politik Sie verändert?
Rosmarie Zapfl:Als junge Frau hatte ich Vorbilder wie zum Beispiel Emilie Lieberherr. Ich sah, dass es möglich ist, auch als Frau etwas zu bewegen. Das hat mich bestimmt verändert.
Matthias Oppliger:Sie waren regelmässig die erste Frau in einem Amt. Sahen Sie sich als Wegbereiterin?
Rosmarie Zapfl: Oft wurden die Männer in diesen Gremien durch mich erstmals mit dem weiblichen Gesichtspunkt eines Themas konfrontiert. Das hatte zuweilen schon Pioniercharakter.
Zur Person: Rosmarie Zapfl, geboren 1939 in Rapperswil SG, ist Präsidentin der alliance F, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen. Von 1995 bis 2006 war sie Nationalrätin (CVP/ZH). Von 1999 bis 2003 war sie Vizepräsidentin der CVP. Von 1974 bis 1978 war sie Gemeinderätin von Dübendorf, von 1978 bis 1990 Stadträtin.
|