In der Ökostadt Tianjin testen Singapur und China gemeinsam Technologien, die den Energieverbrauch der chinesischen Städte senken können. Der Bau der Stadt geht zügiger voran als geplant, sagt Ng Ooi Hooi, stellvertretender Chef der Betreibergesellschaft.
Steffen Klatt: Wie weit ist die Realisierung der Ökostadt Tianjin fortgeschritten? Ng Ooi Hooi: Wir sind in der ersten Phase der physischen Verwirklichung. Der Masterplan ist 2009 fertiggestellt worden, das Layout der Infrastruktur ist fertig. Der Bau hat begonnen, im südlichen Teil haben einige Gebäude schon Dächer. Steffen Klatt: Liegen Sie im Zeitplan? Ng Ooi Hooi: Wir sind ihm sogar etwas voraus. Wir sollten zwei Quadratkilometer in drei bis fünf Jahren errichtet haben. Jetzt sind wir im dritten Jahr und entwickeln zwischen acht und zehn Quadratkilometern. Steffen Klatt: Wann können die ersten Bewohner einziehen? Ng Ooi Hooi: Wie erwarten, dass die ersten Bewohner Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres einziehen können. Steffen Klatt: Gibt es Hindernisse, die den Bau verzögern können? Ng Ooi Hooi: Der Bau ist ein Lernprozess. In der ersten Bauphase haben wir den Silberstandard grünen Bauens erreicht, in der nächsten Bauphase werden wir den Goldstandard anstreben. In einigen Gebäuden werden wir sogar Platinstandard anstreben. Steffen Klatt: Was sind das für Standards? Ng Ooi Hooi: Diese Standards wurden gemeinsam von der Baukontrollbehörde Singapurs und dem chinesischen Bauministerium entwickelt. Steffen Klatt: Werden diese Standards ausserhalb Tianjins angewandt werden? Ng Ooi Hooi: China hat seine eigenen grünen Baustandards. Das Land kann nicht zwei verschiedene Baustandards anwenden. Derzeit sind unsere Standards nur in der Ökostadt Tianjin obligatorisch. Anschliessend wird aber geprüft, ob sie auch anderswo angewandt werden können. Verwandte Themen| { Grünes Vorbild für China, 04.02.11 } | | { Basel will wieder an die Spitze, 14.01.11 } | | { Ohne Staat geht es noch nicht, 12.01.11 } | | { Bauen mit dem Klima, 29.11.10 } | | { Städte sind für Menschen da, 13.08.10 } | | { Null Energie auch ohne Förderung, 02.07.10 } | | { Minergie braucht null Energie, 24.06.10 } | | { Chinas grüne Strategie, 20.04.10 } | | { Russland baut Stadt der Innovation, 24.03.10 } | | { Labor für Städte von morgen, 22.03.10 } | | { Masdar nimmt eine Denkpause, 04.03.10 } |
Steffen Klatt: Welche Erfahrungen machen Sie mit der Zusammenarbeit mit so vielen Unternehmen?
Ng Ooi Hooi: Das ist eine Herausforderung. Wir versuchen, viele Technologien aus China selbst und von internationalen Unternehmen einzubeziehen. Wir bringen auch Erfahrungen und Managementfähigkeiten aus Singapur ein. Die Herausforderung ist es, das alles in die Entwicklung der Ökostadt einzubringen. Wir wollen nicht nur eine Technologie anwenden, sondern möglichst viele. Damit soll es möglich werden, dass Interessenten hier sehen können, wie diese Technologien in der Praxis funktionieren. Steffen Klatt: Über welches Budget verfügen Sie? Ng Ooi Hooi: Das ist schwer zu sagen. Unser Unternehmen hat sein eigenes Budget, aber das ist nicht das Budget für die Infrastruktur. Wir haben nie die Kosten für die gesamte Stadt geschätzt. Das Kapital des Gemeinschaftsunternehmens beträgt 4 Milliarden Renminbi (440 Millionen Euro/577 Millionen Franken). Die Regierung wird kontinuierlich mit uns und mit der Privatwirtschaft schauen, wie wir das Projekt fortführen. Die Finanzierung ist dabei eines der grössten Probleme. Steffen Klatt: Wie lösen Sie dieses Finanzierungsproblem? Ng Ooi Hooi: Die Infrastruktur wird durch die Regierung und die lokalen Behörden finanziert. Unsere Aufgabe ist es, die Grundstücke zu entwickeln, so dass wir unsere eigenen Projekte finanzieren können. Steffen Klatt: Wie ökologisch ist die Ökostadt Tianjin? Wieviel Energie sparen Sie ein? Ng Ooi Hooi: Im Minimum sparen die Gebäude 15 Prozent Energie im Vergleich zum normalen Verbrauch ein. Aber das ist nur das Minimum. Steffen Klatt: Wer wird bei Ihnen einziehen? Ng Ooi Hooi: Die örtliche Bevölkerung. Steffen Klatt: Wann wird die erste Bauphase fertiggestellt werden? Ng Ooi Hooi: Die erste Bauphase wird 2012, 2013 fertiggestellt sein. Dann werden zwischen 85.000 und 100.000 Menschen hier leben. Steffen Klatt: Wann wird die gesamte Ökostadt fertiggestellt sein? Ng Ooi Hooi: Das ganze Projekt sollte zehn bis fünfzehn Jahre in Anspruch nehmen, das wäre um 2020. Steffen Klatt: Warum engagiert sich Singapur in Tianjin? Ng Ooi Hooi: Singapur und China hatten immer sehr gute Beziehungen. Der gemeinsame Industriepark in Suzhou war sehr erfolgreich. Tianjin ist das zweite Projekt, das wir miteinander realisieren. Gemeinsam reagieren wir hier auf die Megatrends in China und der Welt. Steffen Klatt: Was bringt das der Wirtschaft von Singapur? Ng Ooi Hooi: Wir bringen die richtige Technologie nach Tianjin, gleichgültig, ob sie aus Singapur kommt oder aus dem Ausland. Steffen Klatt: Unternehmen können also immer noch zu Ihnen kommen und ihre Technologien anbieten? Ng Ooi Hooi: Ja. Wir sprechen mit vielen Anbietern von Lösungen aus der ganzen Welt, aus Kanada, den USA, Australien, Europa, Japan, Korea. Zur Person: Ng Ooi Hooi ist stellvertretender Chef der Sino-Singapore Tianjin Ecocity Investment and Development Ltd, der gemeinsamen Betreibergesellschaft Chinas und Singapurs der Ökostadt am Rande der Millionenstadt Tianjin im Nordosten Chinas. Vorher war er in der Verwaltung Singapurs tätig, unter anderem als stellvertretender Chef der staatlichen Bodenverwaltung.
Das Interview wurde im Rahmen der Global Energy Basel geführt, die am 11. und 12. Januar erstmals stattgefunden hat und von der C40 getragen wird, dem Zusammenschluss der globalen Megastädte. Bild: www.tianjineco-city.com
|