Viel Wind, viel Sonne, billiger Boden, wenig Widerstand der Bevölkerung - Osteuropa weist ideale Bedingungen für Strom aus erneuerbaren Energien auf. Die Region zieht Energiekonzerne aus der ganzen Welt an. Windstrom aus der Nordsee, Sonnenstrom aus der Sahara - so sehen manche Politiker Europas Stromzukunft. Doch das eine ist teuer, das andere mit politischen Unsicherheiten behaftet, wie die Unruhen in Ägypten, Libyen und zuvor in Tunesien deutlich machen. Dabei geht es auch billiger und letztlich näher: Osteuropa wird zum neuen El Dorado der europäischen Stromkonzerne, gerade auch bei den erneuerbaren Energien. Zum Beispiel für Alpiq. Vetrocom, eine bulgarische Tochtergesellschaft des Schweizer Energieunternehmens, will die Kapazität ihrer Windparkanlage bei Kasanlak auf 72,5 Megawatt (MW) ausbauen. Dafür investiert sie 36 Millionen Euro (47 Millionen Franken). Die Anlage war erst im November eröffnet worden und weist derzeit eine Kapazität von 50 MW auf. Die neun neuen Windturbinen sollen bis Ende des Jahres stehen. Die Alpiq-Tochter muss dabei keinen Widerstand in der Bevölkerung fürchten. In der Schweizer Heimat Alpiqs dagegen musste der Marktführer beim Windstrom, die Bernischen Kraftwerke, gerade ihr Ausbauziel um 40 Prozent herunterfahren. Einer der angegebenen Gründe: Windenergievorhaben würden durch Einwände aus der Bevölkerung verzögert und blockiert. Bulgarien dagegen hat nicht nur genug Wind und billigen Boden. Als EU-Land muss es zudem den Ausbau der erneuerbaren Energien forcieren. Bis 2020 muss der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion laut Vorgaben aus Brüssel auf 20 Prozent steigen. Das zieht Anbieter aus aller Welt an. So wurde am 13. Dezember das bisher grösste Solarkraftwerk Bulgariens eröffnet. Die Anlage bei Samowedene hat eine Kapazität von 45 MW. Gebaut wurde sie von NEOptions, einem Unternehmen aus Kalifornien, dem Anlagenbauer SDN aus Südkorea und einem bulgarischen Unternehmen. Seinen Platz als grösste Anlage Bulgariens dürfte das Kraftwerk bald verlieren. Toshiba, Tokyo Electric Power und die tschechische CEZ Gruppe investieren massiv in ein Solarkraftwerk bei Jambol in Ostbulgarien. In einem Jahr soll es eine Kapazität von 50 MW aufweisen. Rekordversuch im Schwarzen Meer Rumänien setzt auf Wind. Die spanische Iberdrola Renovables hat vor einem Jahr im Schwarzen Meer mit dem Bau des grössten Windparks auf hoher See begonnen. Mit 1600 MW soll es ab 2017 die grösste Windkraftanlage Europas sein, fünfmal grösser als heutige Anlagen auf hoher See. Dafür will der spanische Marktführer mindestens 1,5 Milliarden Euro investieren. Schon heute ist Iberdrola Renovables der grösste Produzent von Strom aus erneuerbaren Energie in Osteuropa. Seine Kapazität in der Region nähert sich bereits 4500 MW. Auch die italienische Enel geht in Rumänien auf See. Sie baut derzeit 30 Kilometer vor der Hafenstadt Constanta für 400 Millionen Euro eine Anlage mit einer Kapazität von 272 MW. Kohleland wird zum Windmüller Auch Polen, das lange nur auf heimische Kohle gesetzt, wird zunehmend ein Produzent von Windenergie. So will die deutsche RWE Innogy ihre Windkapazität an den Standorten Peicki und Tychowo in Pommern verdoppeln. „Für RWE Innogy ist Osteuropa ein wichtiger aufstrebender Markt für Investitionen in erneuerbare Energien”, sagt Sprecherin Viola Baumann. Auch der andere grosse deutsche Energieversorger ist in Polen präsent: Eon hat im Oktober einen neuen Windpark bei Posen eröffnet. Mit einer Kapazität von 52,5 MW ist er der grösste der drei Anlagen von Eon in Polen. Zu den ganz grossen Windmüllern in Polen gehört freilich die spanische Gamesa. Der Gigant, der nach eigenen Angaben weltweit Anlagen mit einer Kapazität von 19000 MW betreibt, hat in Polen ein Portfolio von 706 MW in verschiedenen Baustadien. „Osteuropa ist einer der Hauptmärkte”, sagt ein Gamesa-Sprecher. Laut der Polnischen Windenergievereinigung waren bis September Windanlagen mit einer Kapazität von 1100 MW installiert. Die Regierung will die Kapazität bis 2020 auf 6100 MW erhöhen. Hinter den Grenzen der EU lockt bereits der nächste Markt: Auch die Türkei setzt massiv auf Wind und Sonne - und die westlichen Unternehmen sind dabei. Während sich der Ausbau der erneuerbaren Energien in Mitteleuropa verlangsamt, hat er im Osten erst begonnen. Bild: Windpark in Rumänien (zvg)
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