Vorsicht vor den „Still-Ayatollahs"

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Geschrieben von: Birgit Holzer, Paris 02.02.11
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Frankreich gilt als Paradies der Vereinbarkeit von Kind und Karriere und hat Spitzen-Geburtenraten. Doch Frankreichs "einflussreichste noch lebende Intellektuelle", die Feministin Elisabeth Badinter, warnt dennoch dringlich vor einem Rückfall in alte Rollenmuster, die Errungenschaften der Emanzipation zerstört.

Birgit Holzer: Frau Badinter, Frankreich hat mit mehr als zwei Kindern pro Frau europaweit die höchste Geburtenrate, die Familienpolitik und Vereinbarkeit von Beruf und Karriere gelten als modellhaft. Und ausgerechnet hier stossen Sie einen Warnschrei aus?

Elisabeth Badinter: Ich sehe Anzeichen für einen Rückschritt, der zu grosser Ungerechtigkeit der Geschlechter führt und alles zunichte macht, was die Frauenbewegung erreicht hat. Der Auslöser für mein Buch war ein Beschluss entsprechend einer EU-Richtlinie 1998, der Werbung für Milchpulver und die kostenlose Ausgabe auf den Geburtsstationen für Frauen, die nicht stillen wollen, verbot. Ich fragte mich: Was geht hier vor sich? Eine ideologische Bewegung pro-Stillen erstarkt, unterstützt von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Unicef, aber vor allem der Muttermilchliga („Leche League"), die Druck auf Frauen ausübt und ihnen Schuldgefühle einredet, die nicht stillen: „Aber Madame, wollen Sie nicht das Beste für Ihr Kind?" Man braucht eine unerhörte Selbstsicherheit, um dem zu widerstehen. Ich bin nicht gegen das Stillen, aber es ist eine sehr persönliche Entscheidung, die frei bleiben muss.

Birgit Holzer:Sehen Sie denn in der Frage des Stillens den zentralen Konflikt junger Mütter?

Elisabeth Badinter: Ja. Auch in der Frauenpresse wird ein angeblich neues Modell einer Avantgarde-Mutter propagiert, das in Wahrheit eine Rückkehr zur traditionellen Hausfrau am Herd ist. Das spielt zusammen mit einer ökologischen Bewegung, die gegen Konsum und für eine natürliche archaische Weisheit steht: Alles, was industriell hergestellt wird, ist schlecht, nur die Natur bringt das Gute. Dazu gehören der Kampf gegen Wegwerfwindeln und für die Muttermilch und selbst gekochten Bio-Brei. Aber eine Frau, die all das befolgt, kann nicht arbeiten. Momentan beträgt der Mutterschaftsurlaub in Frankreich vier Monate, das ist etwas kurz, ich bin für sechs Monate. Aber alles andere ist eine echte Amputation der Karriere!

Birgit Holzer:Manchen Frauen ist ihre Familie wichtiger als eine tolle Karriere.

Elisabeth Badinter:  Natürlich, dagegen sagt auch niemand etwas. Aber es ist riskant für eine Frau, den Fuss aus der Arbeitswelt zu nehmen und sich finanziell abhängig zu machen. In den Städten trennt sich jedes zweite Paar. Eine allein erziehende Frau ohne Job findet sich in der Armutsfalle wieder, oder sie bleibt unfreiwillig bei ihrem Mann, auch wenn sie ihn satt hat oder er sie schlecht behandelt. Oder irgendwann ist der Mann weg, die Kinder verlassen das Haus. Und dann?

Birgit Holzer:Sie sprechen von einem neuen Phänomen in Frankreich, wo traditionell viele Mütter berufstätig sind. Was ist die Ursache?

Elisabeth Badinter:  Die wirtschaftliche Krise, die in den 70er Jahren begann. Unternehmen strichen massenhaft Stellen, die Arbeit wurde oft undankbar und schlecht bezahlt, der Stress stieg. Es ist verständlich, wenn sich Frauen, die sich in dieser Welt nicht wohl fühlen, lieber ins häusliche Leben zurückziehen. Aber diese Wahl birgt ein Risiko: Die Rückkehr in eine traditionelle Rollenverteilung, wie sie in vielen europäischen Ländern stärker verbreitet ist. Und dort ist auch die Kinderzahl niedriger. Gerade die gut ausgebildeten Frauen bleiben oft kinderlos.

Birgit Holzer:Wie erklären Sie diese Unterschiede?

Elisabeth Badinter:  Das französische Modell stammt aus dem 18. Jahrhundert, nach dem man Mutter ist, aber nicht nur: Sie hat ein Liebesleben, Berufsleben, ein eigenes Leben als Frau. Es war hier immer unüblich, dass die Frau dem Kind ihr ganzes Leben opfert. Das änderte sich etwas mit der Verhütung durch die Pille - ein fantastischer Faktor der Befreiung, der der Frau die Kontrolle über ihre Fortpflanzung gab. Gleichzeitig wiegt die neue Verantwortung auf ihren Schultern: Sie gibt einem Kind ein Leben, um das es nicht gebeten hat. Also muss sie ihm alles opfern, ihre eigenen Interessen sind zweitrangig. Dieses Denken setzt die Mutterschaft wieder ins Zentrum des weiblichen Daseins. Es stimmt, ein Kind braucht seine Mutter, ihre Aufmerksamkeit, ihre Energie. Aber ich will aufräumen mit dem Mythos der hingebungsvollen Mutter, die aus ihrem Kind ein Meisterwerk macht. Die ideale Mutter, das perfekte Kind: Beides gibt es nicht. Eine gute Mutter ist eine, die die richtige Distanz zwischen den echten Bedürfnissen des Kindes und ihren eigenen Wünschen findet.

 

Zur Person:

Die Feministin Elisabeth Badinter (66) wurde kürzlich in einer Umfrage zu Frankreichs einflussreichster noch lebender Intellektuellen gekürt. Die Mutter von drei Kindern und Ehefrau des ehemaligen Justizministers Robert Badinter unterrichtete bis vor kurzem als Professorin an einer Pariser Elitehochschule. Ausserdem ist sie Aufsichtsratsvorsitzende von Publicis, der von ihrem Vater gegründeten viertgrössten Kommunikationsagentur der Welt. Als Anhängerin der Philosophin Simone de Beauvoir hat sie zahlreiche Bücher zum Thema verfasst, darunter einen provokanten Abgesang auf den angeborenen Mutterinstinkt („Mutterliebe"). Auch ihr neustes Buch „Der Konflikt. Die Frau und die Mutter" wurde in Frankreich ein Bestseller, wenn ihre Thesen auch umstritten sind. Die deutschsprachige Ausgabe ist im Verlag C.H. Beck erschienen.
Elisabeth Badinter: Der Konflikt: Die Frau und die Mutter. 2. Auflage 2010. 222 Seiten, 17,95 Euro. Verlag C.H. Beck ISBN 978-3-406-60801-8.

 

Bild: Elisabeth Badinter bei einer Lesung (Rénover l'immobilier: http://www.flickr.com/photos/renover-immobilier/3660421347/sizes/m/).

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