Abwasser ist ein Wertstoff

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Geschrieben von: Claudia Kohlus, Berlin 31.01.11
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 Allein durch geschickte Mehrfachnutzung von Wasser und durch Wiederverwendung der gereinigten Abwassers liessen sich Mangelsituationen  in der Welt zu einem Gut-Teil überwinden, sagt der weltweit angesehene Wasser-Experte Peter Wilderer.

Claudia Kohlus: Sie sind ein weltweit angesehener Wasserexperte. 2003 wurde Ihnen in Stockholm der „Wasser-Nobelpreis“ für den Bereich „Trinkwasser und Abwasser“ verliehen. Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Wasser, und was fasziniert Sie daran?

Peter Wilderer: Ich studierte an der Universität Karlsruhe das Fachgebiet Bauingenieurwesen und hatte 1964 eine Vorlesung über Ingenieurbiologie zu hören. Diese hielt mein späterer Doktorvater und Mentor Ludwig Hartmann, ein Naturwissenschaftler – eben gerade aus den USA zurückgekehrt. Er hat mich durch seine kritischen Einschätzungen der aus der Römerzeit stammenden Ansätze zur kommunalen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sowie durch seine bahnbrechenden Visionen über zukünftigen Entwicklungen und Notwendigkeiten in Bann gezogen. Seither hat mich die Verknüpfung zwischen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fragestellungen nicht mehr los gelassen. Wasser wurde zu meinem persönlichen Thema.

Claudia Kohlus: Sie plädieren dafür, Abwasser als Ressource zu behandeln. Was heisst das genau?

Peter Wilderer: Meine Studenten bezeichnen das Fachgebiet „Siedlungswasserwirtschaft“ als die Wissenschaft von Schiss und Piss. Ich denke, diese Bezeichnung reflektiert die allgemeine Wertschätzung des Rohstoffs Abwasser ziemlich genau. Abwasser ist natürlicherweise stinkig, dennoch aber ein Wertstoff, ebenso wir Altpapier, Altglas und Altmetall. Auf der Abfallseite haben wir uns mittlerweile überzeugen lassen, dass aus Alt Neu werden kann, wenn wir Papier, Glas, Metall und Biomüll getrennt sammeln und in die Wertschöpfungskette zurückführen. Ebenso wichtig, vielleicht sogar wichtiger ist es zu erkennen, dass in dem Gemisch „Abwasser“  hohe Werte stecken, die es zu nutzen gilt. Das Wasser selbst ist ein Wertstoff, aber auch die im Abwasser enthaltenen Pflanzennährstoffe und Energie. Eine gezielte Nutzung dieser Wertstoffe führt zu einer nachhaltigen Wasserwirtschaft.

Claudia Kohlus: Ihr Wissen in der Abwasseraufbereitung ist weltweit geschätzt. Welche Techniken können denn nach derzeitigem Wissensstand zu einer nachhaltigen Wasserwirtschaft führen?

Peter Wilderer: Wichtig ist, dass wir uns auch auf der Wasser-Seite von unserer Wegwerf-Mentalität verabschieden. Allein durch geschickte Mehrfachnutzung von Wasser und durch Wiederverwendung der gereinigten Abwassers lassen sich Mangelsituationen  in der Welt zu einem Gut-Teil überwinden. Sie fragen nach Techniken: Die Membran-Trenntechnik, die sich in den letzten Jahren rapid weiterentwickelt hat, eröffnet völlig neue Möglichkeiten hin zu einer nachhaltigen Wasserwirtschaft. Im Gegensatz zu der bisherigen, auf der Schwerkraft basierenden Trenntechnik ist es möglich geworden, Abwasser auf vergleichsweise geringer Fläche soweit zu reinigen, dass es hygienisch unbedenklich genutzt werden kann. Nicht als Trinkwasser, aber zur Toilettenspülung, als Waschwasser und zur Bewässerung von Gärten und Grünanlagen. So wird es möglich, von dem gleichen Wasservorkommen mehr Menschen mit Wasser zu versorgen oder umgekehrt, durch geringere Wasserentnahme die  Funktionsfähigkeit von Ökosystemen erhalten.

Claudia Kohlus: Wie kann eine vernünftige Abwasserentsorgung z. B. in der Dritten Welt realisiert werden?

Peter Wilderer: Ein grosser Teil der Menschheit hat immer noch keinen Zugang zu einer menschenwürdigen Sanitärtechnik. Das meint, dass die Menschen keine Toilette haben. die sie benutzen könnten. Sie verrichten ihre Notdurft irgendwo im Freien mit der Gefahr, dass sich Krankheitserreger rasch ausbreiten. In dicht besiedelten Gebieten kommt es folglich immer wieder zur Ausbreitung von Seuchen, zuletzt in Tahiti. Um das zu verhindern bemühen sich Entwicklungshilfe-Organisationen, Toilettenanlagen zu installieren. Dies kann allerdings nur ein erster  Schritt hin zu einer hygienischen Grundversorgung sein. Zugang zu sauberem Wasser zum Trinken, Kochen und zum Händewaschen sowie Anlagen zur Reinigung der gesammelten Abwässer müssen gleichzeitig installiert werden. Ich plädiere dafür, dazu keine Primitiv-Methoden einzusetzen, sondern moderne Technologien, mit denen es möglich wird, das gereinigte Abwasser nutzbar zu machen – beispielsweise zum Reinigen, zum Spülen der Toiletten und zur Bewässerung von Gemüsebeeten.

Claudia Kohlus: Kann sich die Dritte Welt eine vernünftige Abwasserentsorgung überhaupt leisten?

Peter Wilderer: Anlagen zur Reinigung und Wasserwiederverwendung sind verfügbar und können auch von einheimischen Mechanikern gebaut und betrieben werden. Das benötigte Geld muss von uns bereitgestellt werden, nicht weil wir Gut-Menschen sind, sondern weil wir damit der Migration von Menschen mit all seinen Folgen für unsere eigene Gesellschaft entgegenwirken. Eine geordnete Wasserversorgung und Abwasserreinigung ist die Voraussetzung für wirtschaftlichen Aufschwung. Dabei braucht es eine vorausschauende Planung und dann eine schrittweise Realisierung. Der erste Schritt ist der Wichtigsten und der am wenigsten Kostspielige. Wir wissen das aus eigener historischer Erfahrung. Also lasst uns erste Schritte tun in der Welt.

Claudia Kohlus: Reicht eine ausgeklügelte Abwassertechnik allein aus, um das Problem zu lösen? Oder spielen auch weitere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel die Ökologie?

Peter Wilderer: Parallel zum Aufbau eines wirksamen Wassermanagements gilt es, die heimische Landwirtschaft zu fördern. Dazu ist ebenfalls Wasser notwendig, das in ariden Klimazonen Mangelware ist. Um aus dieser Zwickmühle herauszukommen, gibt es hochinteressante Vorschläge seitens der Wissenschaft. So hat sich in Ägypten beispielsweise gezeigt, dass der Bedarf an Bewässerungswasser  stark gesenkt werden kann, wenn hochsaugfähigen Granulate, wie sie in Babywindeln zum Einsatz kommen, in Verbindung mit Granulaten aus Lavagestein in die Wurzelzone eingearbeitet werden. Weiterhin ist es notwendig, dass die Bauern die Chance erhalten, ihre Produkte gewinnbringend auf dem heimischen Markt unterzubringen. Und schließlich geht es darum die Verteilung der Nahrungsgüter zu optimieren, um der Verrottung landwirtschaftlicher Produkte auf dem Weg zum Verbraucher entgegen zu wirken. Großräumig ist es wichtig, Waldökosysteme zu erhalten oder zu erneuern, weil diese bekanntermaßen für Niederschläge und damit für den Erfolg der Landwirtschaft sorgen.

Claudia Kohlus: Weshalb funktioniert es nicht, die ganze Welt mit einem Abwasserentsorgungssystem auszustatten?

Peter Wilderer: Die Welt ist klimatisch bekanntlich sehr vielgestaltig. Ebenso unterscheiden sich die Regionen hinsichtlich Wirtschaftskraft, Ausbildungsstand und Kultur. Dementsprechend brauchen wir Lösungen, die an die Besonderheiten der jeweiligen Region angepasst sind. Im Wassersektor gibt es keine Universallösungen. Das zu begreifen, fällt Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft manchmal schwer.

Claudia Kohlus: Sind dezentrale Konzepte sinnvoller, weil bezahlbarer?

Peter Wilderer: Ich bin ein vehementer Verfechter dezentraler Lösungen, weil sie nämlich schnell realisiert werden können, und weil die Kosten für Versorgungs- und Kanalleitungen vergleichsweise gering ausfallen. Wenn man berücksichtigt, dass die Kosten für Leitungen den Löwenanteil der Investitionskosten ausmachen, wird klar, dass dezentrale Lösungen kostengünstig sind. Aber auch hier muss man flexibel handeln. Dezentrale Lösungen sind nicht universal einsetzbar. In Zukunft werden in Siedlungsgebieten beide Methoden, zentrale und dezentrale Anlagen nebeneinander betrieben werden.

Claudia Kohlus: Sie haben einmal gesagt, dass unsere heutige Abwasserreinigung destruktiv ist. Was meinen Sie damit?

Peter Wilderer: Unsere bisherige Technik der Abwasserbehandlung zielt darauf ab, die im Abwasser enthaltenen Stoffe biologisch abzubauen. Dies kann man als Destruktion bezeichnen. Nachhaltiger ist es, die Abwasserinhaltsstoffe in Wertstoffe umzuwandeln, Urin beispielsweise in Pflanzendünger. Die Wärme im Abwasser lässt sich zur Energieerzeugung nutzen. Organische Stoffe können mittels biologischer Brennstoffzellen direkt in elektrischen Strom umgewandelt werden.

Claudia Kohlus: Die NASA hat 2008 auf dem Flug zur ISS eine Wiederaufbereitungsanlage getestet, die den Urin der Besatzung in Trinkwasser umwandelt. Könnte das auch ein Ansatz für die Lösung der globalen Trinkwasserversorgung auf der Erde sein?

Peter Wilderer: Auf der ISS wie auch in den Raumschiffen, die Astronauten auf den Mars und zurück befördern sollen, werden Anlagen gebraucht, die eine komplette Wiederverwendung von Wasser möglich machen. Ich bin sicher, dass wir von den dort eingesetzten Methoden für den terrestrischen Bereich einiges lernen können. Eine direkte Nutzung der Technologie wird sich aber auf Sonderfälle beschränken, beispielweise auf Forschungsstationen in der Antarktis.

Claudia Kohlus: Studien belegen, dass etwa 6000 Menschen täglich an Krankheiten sterben, die durch verunreinigtes Wasser verursacht wurden. Wir sollten also froh darüber sein, dass wir bei uns einfach den Hahn aufdrehen können, um Trinkwasser zu haben. Trotzdem kaufen wir unser Trinkwasser in Flaschen, das oft noch von weit her zu uns transportiert werden muss. Was halten Sie davon?

Peter Wilderer: Dass Flaschenwässer bei uns so beliebt sind, ist ein Phänomen. Immerhin ist der Liter Wasser aus dem Wasserhahn um 500 mal billiger als Flaschenwasser. Zudem sind die Qualitätskontrollen für Leitungswasser im Vergleich erheblich strenger. Kritisch zu beurteilen ist Wasser, das in Plastikflaschen geliefert und dann über längere Zeit gelagert wird, weil aus dem Plastikmaterial chemische Verbindungen austreten, sogenannte Weichmacher, deren gesundheitliche Wirkung erst noch zu klären ist. Kurz: In der Europäischen Union hat das Leitungswasser eine hohe Qualität und kann bedenkenlos getrunken werden. Also trinken wir drauf!

Claudia Kohlus: Wie gehen Sie selbst mit der Ressource Wasser in Ihrem Alltag um?

Peter Wilderer: Zuhause trinken wir ausschließlich Leitungswasser, und in Restaurants verlangen wir solches, wenngleich wir nicht immer auf positive Resonanz stoßen. Wir besitzen keine Badewanne und gießen den Garten eigentlich nie – müssen wir angesichts des überwiegend feuchten Klimas auch nicht. Der Wasserhahn wird geschlossen, wenn kein Wasser unmittelbar gebraucht wird. Dieses unseren Enkelkindern zu vermitteln, ist nicht immer einfach.

Claudia Kohlus: Was kann jeder Einzelne von uns tun?

Peter Wilderer: Wir alle sind dazu aufgerufen, sorgsam mit Wasser umzugehen. Eine Wasser-Spar-Wut ist allerdings nicht sinnvoll. Der Grund: In Deutschland sind die Abwasserkanäle flach verlegt. Um Feststoffe im Abwasser in Schwebe zu halten, braucht es eine gehörige Schleppkraft. Und dazu ist Schwemmwasser notwendig. So sprechen wir auch von unserer Schwemmkanalisation. Wenn wir also den Wasserverbrauch in den Haushalten zu stark senken, kann es in der Kanalisation zu Ablagerungen kommen. Fäulnisvorgänge setzen ein und es beginnt zu stinken. Schlimmer noch: Es bildet sich Schwefelsäure, die Kanalrohre angreifen und brüchig machen. Es würde also eine andere Entsorgungstechnik brauchen, um mit weniger Schwemmwasser einen störungsfreien Abtransport der Abwasserinhaltsstoffe zu bewerkstelligen. Und da sind wir wieder bei meinem alten Vorschlag, dezentrale Lösungen anzustreben. Das geht natürlich nur dort, wo neue Siedlungen entstehen. Und genau dort sollte man solche Lösungen auch in Betracht ziehen, um auf diese Weise Vorbild zu sein für Regionen, wo Wasser knapp ist.


Zur Person:
Prof. Peter Wilderer ist ein weltweit angesehener Wasser-Experte. 2003 wurde ihm der mit 150.000 Dollar dotierte „Wasser-Nobelpreis“ (Stockholm Water Prize) von König Carl XVI. Gustaf von Schweden in Stockholm verliehen. Der ehemalige Ordinarius für Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Technischen Universität München in Garching erforscht bereits seit über 40 Jahren die ganzheitlichen Methoden der nachhaltigen Wasserwirtschaft. Der promovierte Bauingenieur habilitierte im Fachgebiet Biotechnologie des Abwassers an der Universität Karlsruhe. Gastprofessuren führten ihn an die University of California und Montana State University, USA, Lehrtätigkeiten an das German Institut of Science and Technology (GIST) nach Singapur. Derzeit ist er Honorarprofessor an der University of Queensland in Australien. Für seine Verdienste erhielt er die Heinz Maier-Leibnitz-Medaille der TU München, die Ehrendoktorwürde der Universität für Chemische Technologie in Prag und der Gheorghe Asachi Universität in Rumänien sowie das Bundesverdienstkreuz am Bande. Er ist neben zahlreichen weiteren Mitgliedschaften und Auszeichnungen Mitbegründer der European Water Supply and Sanitation Technology Plattform, der European Water Partnership sowie Fellow der American Association for the Advancement of Science, außerdem war er u.a. Leiter des Bayerischen Forschungsverbunds für Abfallforschung und Reststoffverwertung (BayFORREST) und Vorstandsmitglied bei der Arbeitsgemeinschaft der Bayerischen Forschungsverbünde (abayfor).

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