Chinas Motor ist überhitzt

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Geschrieben von: Urs Fitze, Davos 28.01.11
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Chinas Wirtschaftsmotor läuft zu heiss, sagt Nariman Behravesh, Chef-Ökonom des Beratungskonzerns IHS im Interview. Das Wachstum sei höher als offiziell angegeben. Auf mittlere Sicht drohten China soziale Unruhen und Überalterung. Indien sei besser aufgestellt.

Urs Fitze: Wie wird sich die chinesische Wirtschaft kurzfristig entwickeln?

Nariman Behravesh: Der chinesische Wirtschaftsmotor ist überhitzt. Die offiziellen Wachstumsstatistiken untertreiben. Wir gehen von einem jährlichen Wirtschaftswachstum von 15 und nicht 9,5 Prozent aus wie offiziell ausgewiesen.

Urs Fitze: Dann sind die Statistiken gefälscht?

Nariman Behravesh:Das sagen Sie. Wir beobachten einfach, dass schon seit Jahren die chinesischen Provinzen weit höhere Zahlen ausweisen als die offizielle Landesstatistik. Und das passt einfach nicht zusammen.

Urs Fitze: Wo zeigt sich diese Überhitzung?

Nariman Behravesh: Neben den Provinzen, die das Wachstum auf Teufel komm raus brauchen, um die Bevölkerung bei Laune zu halten, vor allem im Immobilienmarkt. Da hat sich eine gewaltige Blase gebildet. Gigantische Summen sind in den vergangenen Jahren in Häuser gesteckt worden, die Preise sind explodiert. Wenn diese Blase platzt, werden viele chinesische Banken auf faulen Krediten sitzenbleiben. Dann wird die Regierung diese Verluste zu decken haben. Das wird Hunderte von Milliarden kosten und Chinas Wirtschaftswachstum auf fünf Prozent einbrechen lassen – die Mehrheit der Staatenwelt wäre damit wohl immer noch glücklich.

Urs Fitze: Wie wahrscheinlich ist eine solche Entwicklung?

Nariman Behravesh: Ich habe den Eindruck, dass die chinesische Führung sich der Problematik wohl bewusst ist. Bislang hat sie aber nur vergleichsweise moderat eingegriffen und die Zinsen auf einem Rekordtief belassen. Das wird sich ändern, da bin ich ziemlich sicher. Die Wahrscheinlichkeit einer Immobilienkrise liegt bei etwa 25 Prozent.

Urs Fitze: Wie sehen Sie die mittelfristigen Perspektiven?

Nariman Behravesh:China muss vor allem den heimischen Konsum ankurbeln, um die extreme Exportabhängigkeit zu reduzieren. Das Land wird sich in den kommenden Jahren mit einem zunehmenden Ungleichgewicht innerhalb der Gesellschaft, aber auch zwischen den Provinzen konfrontiert sehen. Die Städte werden wachsen und reicher werden, das Land bleibt zurück. Das birgt einigen Sprengstoff. Im Westen nimmt das zwar niemand zur Kenntnis, aber schon heute kommt es zu lokalen Aufständen. Es geht dabei noch nicht einmal um politische Reformen, sondern um eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes.

Urs Fitze: Hat denn das chinesische Modell des Staatskapitalismus Zukunft?

Nariman Behravesh: Nein. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Die Märkte sind schlicht effizienter.

Urs Fitze: Wird sich China demokratisieren?

Nariman Behravesh: Das kann heute niemand sagen. Bislang hat sich chinesische Führung den autoritären Kurs nach dem Prinzip des Teilen und Herrschen buchstäblich erkauft. Doch das wird sich ändern, das zeigen die Erfahrungen etwa in Südkorea oder Taiwan, wo eine aufstrebende Mittelklasse erfolgreich und praktisch unblutig Demokratie eingefordert hat. Ein solcher Wandel ist also möglich. Wir können nur hoffen, dass auch China diesen Weg gehen wird. Sozialer Sprengstoff jedenfalls ist mehr als genug vorhanden. In 30, 40 Jahren wird China wegen der Einkindpolitik überaltert sein, dazu kommt ein schon heute spürbares, eklatantes Ungleichgewicht der Geschlechter zulasten der Männer. Das wird nicht nur für Chinas Politik, sondern auch für die wirtschaftliche Entwicklung negative Folgen haben.

Urs Fitze: Indien ist ein demokratisches Land. Hat es damit bessere Perspektiven als China?

Nariman Behravesh: Das spielt sicher eine Rolle. Ich bin, was Indien betrifft, auf lange Sicht tatsächlich optimistischer. Nicht nur wegen der demokratischen Strukturen. Die Inder sind wesentlich konsumfreudiger als die Chinesen.  Und sie sprechen viel besser Englisch. Das ist für eine Integration in die Weltwirtschaft ein wichtiges Kriterium. Indien wird in den kommenden zehn Jahren ein solides, breit abgestütztes jährliches Wachstum von 8 bis 9 Prozent erreichen, und auch danach sich weiter positiv entwickeln.

Urs Fitze: Was sind die grossen Herausforderungen?

Nariman Behravesh:Die Entwicklung der Infrastruktur. In vielen Gegenden Indiens können Sie  heute keine Fabrik ohne eigene Stromversorgung bauen. Das ist teuer und ineffizient. Und auch Indien muss sich der Herausforderung zunehmender sozialer Ungleichgewichte stellen.

Urs Fitze: Der Aufstieg Chinas und Indiens weckt in den westlichen Industriestaaten auch Ängste, eines Tages überrollt zu werden. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Nariman Behravesh: Nein. Die geschichtliche Erfahrung lehrt uns, dass solche Ängste unbegründet sind. Und Nordamerika und Europa sind ja auch nicht gerade als schwächlich zu bezeichnen. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten.

Urs Fitze: Und die militärische und politische Macht?

Nariman Behravesh:Da bin ich Optimist. Auch wenn eines noch ziemlich fernen Tages China sich militärisch mit den USA messen wird können, so glaube ich an die beiderseitige Einsicht, es nicht darauf ankommen zu lassen. Die beidseitigen Verluste wären es nicht wert. Das könnte man von mir im schlimmsten Szenario aus eine Fortsetzung des kalten Krieges mit neuen Playern nennen.
 
 
Zur Person:
Nariman Behravesh ist Chef-Ökonom von IHS Global Insight, einem Beratungskonzern mit Sitz in Lexington, Massachusetts

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