Mit Vollgas ins Ungewisse

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Geschrieben von: Urs Fitze, Davos 27.01.11
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Die neue ökonomische Wirklichkeit ist eines der zentralen Themen am Weltwirtschaftsforum: neue wirtschaftlichen Riesen vor allem in Asien, steigender Ressourcenverbrauch und soziale Ungerechtigkeit. Das birgt Konfliktpotential. Lösungen sind nicht in Sicht.

Es ist nur gerecht, wenn sich Länder wie China, Indien, Vietnam, Bangladesch, Brasilien oder Südafrika weit rascher entwickeln als die allermeisten Industriestaaten. Denn sie haben gewaltigen Aufholbedarf. Dabei kommen sie gut voran: Schon in zehn Jahren dürfte die Zahl der mittelständischen Haushalte in Ostasien jene von Europa und den USA zusammen übertreffen.

Nicht genügend Ressourcen

Doch genau dies ist die Crux: „Auch die Chinesen träumen vom eigenen Haus und Wohlstand. Das ist ihnen auch zu gönnen. Doch wir alle wissen, dass es zur Erfüllung dieser Träume nicht genügend Ressourcen gibt. Wir brauchen deshalb ein neues wirtschaftliches Modell, das nicht nur allen Bedürfnissen gerecht wird, sondern dazu auch noch sozial ausgleichend wirkt “, sagt ein sichtlich nachdenklicher Min Zhu. Nach langen Jahren in der chinesischen Finanzwirtschaft ist er seit vergangenem Jahr als Berater für den Internationalen Währungsfonds tätig. Doch ein solches Modell sei nicht in Sicht. Im Gegenteil. Niemand weiss heute, wie es auf mittlere und lange Sicht weitergeht in einer Welt, die trotz - oder gerade wegen - der Globalisierung, auseinanderzufallen droht. Für globale Herausforderungen wie Armut, Rohstoffknappheit, Klimawandel, Einwanderung oder Welthandel sind keine globalen Lösungen in Sicht. Es fehlt am politischen Willen, es fehlt aber auch an einer gemeinsamen Vision.

Glas zur Hälfte gefüllt

Das gilt auch für die Weltwirtschaft, die sich aktuell als Ganzes wieder so robust zeigt wie vor der grossen Krise der Jahre 2008 und 2009. Die grösste Antriebskraft geht von China aus, auch Länder wie Indien, Brasilien oder Südafrika entwickeln sich rasant. Doch es zeigen sich auch gefährliche Ungleichgewichte. Für den amerikanischen Ökonomen Nouriel Roubini, der als „Mr. Doom” zu den wenigen gezählt hatte, die die Krise hatten kommen sehen, ist das Glas knapp zur Hälfte gefüllt. Erhebliche Risiken berge etwa die Tatsache, dass China ein Wirtschaftswachstum von zehn Prozent zeigt, während in den Vereinigten Staaten trotz verbesserter Perspektiven die Arbeitslosigkeit auf zehn Prozent verharrt. „Das kann auf Dauer nicht aufgehen”. Auch Europa müsse sich vorsehen. „Die Schuldenkrise ist noch lange nicht ausgestanden. Man flickt zwar wacker am Teppich herum, aber eine gemeinsame Vision ist nicht in Sicht”. Den Euro hält Roubini noch immer für überbewertet, und für Staaten wie Griechenland, Irland und Portugal sei eine Umschuldung mit entsprechenden Abschreibern unumgänglich.

Nahrungsmittelpreise steigen bedrohlich

Derweil sehen sich viele der aufstrebenden Schwellenländer mit wachsender Inflationsgefahr konfrontiert, die vor allem von steigenden Lebensmittel- und Rohstoffpreisen ausgeht. Für Indien etwa ist laut Azim Premji, Präsident des indischen Softwareriesen Wipro, die Bekämpfung der Inflation das Gebot der Stunde. Vor allem die stark steigenden Nahrungsmittelpreise machten den ärmeren Schichten zu schaffen. Sie bergen, wie die jüngere Entwicklung in Nordafrika zeigt, auch gewaltige soziale Risiken. Wer heute nach sozialer Gerechtigkeit fragt, muss konstatieren, dass weltweit Reiche immer reicher werden und Arme immer ärmer.

Weder der Staatskapitalismus Chinas noch der Ultraliberalismus der Vereinigten Staaten haben eine solche Entwicklung verhindern können. Für Min Zhu geht von dieser anhaltenden Umverteilung von unten nach oben die grösste Gefahr aus. Und er deutet an, wo er die Lösung sieht. Als vor hundert Jahren in den Vereinigten Staaten die Vermögen zum letzten Mal so ungleich verteilt waren wie heute, war der Finanzsektor ähnlich aufgebläht gewesen. Hier seien als erstes die Regulierungsbehörden gefragt, sagt James Turley, Präsident des US-Beratungskonzerns Ernst & Young. Die naheliegende Lösung, die Erhöhung der Steuern für Reiche, sei in den USA politisch derzeit nicht durchsetzbar.

Konsum ankurbeln - und dann?

Für viele Schwellenländer wird es in den kommenden Jahren aber auch darum gehen, von der teils extremen Exportabhängigkeit wegzukommen und den Konsum im eigenen Land anzukurbeln. Das heisst allerdings auch, betont Martin Sorrell, Präsident des britischen Kommunikationsmultis WCC, dass die soziale Wohlfahrt, von der Krankenkasse bis zur Pension, erheblich ausgebaut werden muss. Denn nur wenn der Sozialstaat diese Risiken abdecke, seien die Menschen auch bereit, ihr Erspartes verstärkt für Konsumgüter wie Autos auszugeben. Doch was wird sein, wenn dies hundertmillionenfach geschieht? Eine Frage, die unbeantwortet bleibt - auch am Weltwirtschaftsforum.

 

Bild: Luftverschmutzung in China (cargocycling)

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