Die Wirtschafts- und Finanzkrise sei auch eine fundamentale Wertekrise, wird der Gründer des World Economic Forum, Klaus Schwab, nicht müde zu betonen. Entsprechend sucht das WEF 2011 auch nach „Shared Norms for the New Reality“. Spontan neigt man dazu, Schwab recht zu geben. Die Krise der Wirtschaft ist auch und wesentlich eine Krise der Werte. Aus ethischer Sicht ist es dennoch angezeigt, diese These etwas vertiefter auszuleuchten.
Verhalten sich moralische Werte zyklisch oder antizyklisch?Es ist ja nicht etwa so, dass in Krisen jeweils – zeitgleich mit den Börsenkursen – die moralischen Werte in die Tiefe sausten. Denn das würde heissen, dass sie in „guten“ Zeiten hoch gehalten worden wären. Das aber würde auch Klaus Schwab nicht behaupten, denn er äusserte sich auch und gerade in „fetten Jahren“ oft zu Themen wie Masslosigkeit und rief zu Mässigung und Verantwortung auf. Es ist also vielmehr so, dass die Krise der Werte schon virulent war, als die Börsenberichte noch frohe Kunde brachten und Wertpapiere (oder Wertbytes) noch „etwas wert“ waren. Es fiel damals einfach weniger auf, dass die Werte in der Krise waren: Der Finanzsektor etwa rühmte sich als „wertschöpfungsstarke Branche“ und entsprechend flossen Bonuszahlungen zu den Leaders, Winners und Top-Performers. Worin bestand aber damals die Wertekrise? Spontane Antworten könnten lauten: Da galt nur noch Gier und „Geiz ist geil“, Solidarität und Respekt gingen verloren. Es wurde spekuliert und gezockt, und unwägbare Risiken wurden in die Portfolios ahnungsloser Anleger verteilt. Mag sein. Doch wirklich hilfreich sind diese Hinweise nicht. Sie reden vom Opportunismus und von der nie wirklich ausmerzbaren Schwäche vieler Menschen, wenn es um die Möglichkeit schneller und scheinbar risikoloser Gewinne geht. Sie reden von der Angst, zu kurz zu kommen und am Ende des Tages der Dumme zu sein. Sie reden – mehr oder minder – irgendwie von uns allen. Die Moral scheint von wirtschaftlichen Zyklen unabhängig zu sein. Was wären dann tiefer reichende Erklärungen? Die Wert-Illusion:Ein grundsätzliches Problem liegt womöglich jenseits individueller (Un-)Moral: Das was für Wertschöpfung gehalten, zum Anlass für Gewinnausweise genommen und zur Legitimation von Bonuszahlungen herangezogen wurde, könnte in Tat und Wahrheit eine Wert-Illusion sein. Womöglich hatten die Werte, die durch Wertverluste von Wertpapieren vernichtet, und durch Wertberichtigungen aus Bilanzen abgeschrieben wurden, gar nie wirklich existiert. Es waren Versprechungen auf eine Zukunft hin, die sich nicht als das erwies, wofür man sie gehalten, beziehungsweise verkauft hatte: Ein Zeitalter des Absolute Return, der ewig steigenden Immobilienpreise, der hohen Gewinne und tiefen Risiken. Die Finanzialisierung der Wirtschaft: Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrzehnte hat immense Vermögen geschaffen. Immer grössere Anteile dieser Vermögen suchen als Finanzkapital nach Renditen und werden nicht mehr direkt in unternehmerische Tätigkeit investiert: Pensionskassen, grosse Privatvermögen, Stiftungen, Versicherer – der Anteil des Finanzkapitals im Verhältnis zu direkt investiertem, unternehmerischem Kapital wird immer grösser. Damit steigt auch die Gefahr der Bildung spekulativer Blasen im globalen Finanzsystem. Die Auswirkungen dieser Entwicklung bekommen wir alle paar Jahre – und wie es scheint jedes Mal etwas heftiger – zu spüren. Der Ursprung der Wertekrise wäre demnach in den ökonomischen und nicht in den moralischen Werten zu suchen: Fehlbewertungen von Häusern, Policen, Fonds, Baskets, Bonds, CDOs und CDS, weil schlicht zu viel Finanzkapital nach Anlagen sucht. Auch diese Erklärung mag noch nicht zufriedenstellen. Die verkaufte Zukunft?In der Vergangenheit geschaffene Vermögenswerte sind nur so viel wert, wie sich in der Zukunft damit kaufen lässt. Geld – und viel mehr noch: Kapital – ist eine Zeitmaschine. Kapitalisierte Geldwerte transportieren wirtschaftlichen Wert aus der Vergangenheit in die Zukunft. Sie sind Versprechungen auf die Zukunft hin. Doch wenn die Zukunft nicht halten kann, was wir von ihr in die Gegenwart diskontieren, dann ist unser Geld, dann ist unser Kapital, im Grunde schon heute nichts mehr wert. Nur schon die Angst davor bringt Blasen zum Platzen. Es gab wohl noch nie eine Zeit in der Geschichte der Menschheit, in der so viel Geld und Finanzkapital im Umlauf war. Und gleichzeitig gab es wohl auch noch nie eine Zeit, die so sehr auf Kosten der Zukunft lebte. Ist das nicht paradox? So viel Versprechungen auf die Zukunft, und so wenig achtsamer Umgang mit Zukunft! Könnte die wahre Wertekrise darin ihren Ursprung haben, dass wir Zukunft heute verkaufen und leben, als gäb’s kein Morgen? Die Schulden der Einen (zum Beispiel des Staates) sind die Vermögen der Anderen (zum Beispiel der Pensionäre). Wer will da schon an morgen denken? Ich als Bürger lieber nicht: Mich und meine Kinder wird es irgendeinmal treffen. Ich als Anleger auch nicht. Sonst könnten die Bonds in meinem Portefeuille schon heute nichts mehr wert sein. Ist das nicht erstaunlich? Wenn die Blase der Geldwerte platzt, schrecken wir auf. Wir staunen und sind überrascht, wie leicht und in wie kurzer Zeit immense Finanzvermögen vernichtet werden konnten. Dass die Produktion von Geldwerten das bedrohen könnte, was unser Leben, unsere Zukunft und diejenige unserer Kinder lebenswert macht, das nehmen wir in der Regel recht gelassen hin. Doch Raubbau an der Zukunft ist keine Wertschöpfung. Jede Krise birgt die Chance, diese Erkenntnis zu gewinnen. Wenn Wirtschaften mit dem Schaffen von Werten zu tun haben soll, dann muss es nachhaltig geschehen. Alles andere ist ein Widerspruch in sich und wird zu immer heftigeren Krisen führen. Auch nach einigem Nachdenken können wir Klaus Schwab noch zustimmen: Die Wirtschaftskrise war und ist eine Wertekrise. Vielleicht könnten wir präzisieren: Sie deckte die nur leicht kaschierte Wertekrise einmal mehr in aller Deutlichkeit auf. Das würde sie eigentlich zur Chance machen – wenn wir sie nur packen würden. Zur Person: Christoph Weber-Berg ist Leiter des Corporate Social Responsibility Centers der HWZ Hochschule für Wirtschaft, Zürich. Er hat an der Universität Zürich Theologie studiert. Daneben arbeitete er im Bankensektor. Nach Studienabschluss nahm er die Tätigkeit als Pfarrer der Reformierten Landeskirche auf und verfasste eine Dissertation in Wirtschaftsethik. Für die Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich baute er die Fachstelle für Wirtschaftsethik auf. Seinen Executive MBA in Nonprofit Management erwarb er an der Universität Freiburg. An den Universitäten Zürich, Basel und Luzern engagiert er sich für den Auf- und Ausbau des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik ZRWP. Anschliessend leitete Weber-Berg den Nachhaltigkeitsresearch bei Forma Futura Invest AG in Zürich.
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