Verunsicherte demonstrieren nicht

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Geschrieben von: Raphael Corneo, St. Gallen 26.01.11
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Die Wirtschaftskrise scheint überstanden. Doch noch immer fürchten sich die Menschen vor ihren Auswirkungen, sagt der Soziologe Franz Schultheis von der Universität St. Gallen. Das sei auch ein Grund dafür, weshalb die Krise keine Massendemonstrationen ausgelöst habe.

Raphael Corneo: Welche Auswirkungen kann die Wirtschaftskrise auf die Psyche der Menschen haben?

Franz Schultheis: Lohnarbeit ist immer ein prekärer Zusammenhang. Sie ist immer bedroht von Risiko: Krankheit, Alter, Invalidität, Arbeitslosigkeit. Wenn es also ohnehin ein unsicherer Zustand ist, der durch den modernen Wohlfahrtsstaat etwas abgemildert wird, dann kann man sagen, dass in Zeiten von Wirtschaftskrisen dieses Risiko und damit auch das Bedrohungsgefühl der Menschen noch stärker zu nimmt. In den letzten zwei Jahren ist das passiert. Die Krise desorientiert die Menschen. Dinge, die immer als sicher galten, wie zum Beispiel die Banken in der Schweiz, sind es plötzlich nicht mehr. Es gibt darüber hinaus eine moralische Verunsicherung, dass selbst die als verlässlich geltenden moralischen Werte nicht mehr zählen. Das führt zu einer kognitiven Krise, zu einer Krise des Weltbildes.

Raphael Corneo:Wie äussert sich das?

Franz Schultheis:Die Leute leiden unter einem Zukunftspessimismus. Alle Umfragen zeigen, dass sie Angst vor der Zukunft haben. Eine Mehrheit der Bevölkerung glaubt auch, dass uns in Bezug auf die Wirtschaftskrise, das Schlimmste noch bevorsteht.

Raphael Corneo:Zieht das insbesondere Angst vor dem Jobverlust nach sich?

Franz Schultheis:Die Angst vor dem Jobverlust aber auch die Angst vor dem sozialen Abstieg, einer ökonomische Schlechterstellung oder die Sorge um die eigenen Kinder. Dies auch deshalb, weil sich die Formen der Arbeit massiv wandeln. Wir erleben, dass atypische Anstellungsverhältnisse immer typischer werden: Befristete Jobs, schlecht bezahlte Jobs oder die Leiharbeit. Das wirkt verunsichernd. Es gibt zwar mehr Jobs, aber damit einhergehend wird der rechtlich gesicherte Status des Arbeitnehmers unterminiert. Auch der Druck auf die Arbeitnehmer steigt. Quer durch alle Berufe werden die Menschen mit immer neuen Aufgaben bestückt, die vorher vor allem vom Kader erledigt wurden. Jetzt kann man sagen: „Ist doch wunderbar, wir nehmen diese Menschen ernst und geben ihnen Verantwortung.“ Aber das kann auch zu Überforderung führen. Gleichzeitig wird der Status des Arbeitnehmers immer mehr unterminiert. Man schätzt die Arbeitskräfte nicht mehr. Das zermürbt. Das macht die Leute wirklich kaputt.

Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren frei werdende Arbeitsplätze schlichtweg nicht ersetzt. Die Arbeitsprozesse sind dichter geworden. Man muss in der gleichen Zeit plötzlich ein Drittel oder 50 Prozent mehr leisten. Der kleine Arbeitnehmer trägt das dann auf seinen Schultern.

Raphael Corneo:Wie stark ist hiervon die Region des Rheintals betroffen, die nicht so stark im Dienstleistungssektor verwurzelt ist?

Franz Schultheis:Auch im Rheintal wissen die Leute, dass wir unsere Zukunft nicht mehr in Landesgrenzen abstecken können. Das Gefühl der Unsicherheit kommt auch daher, dass man exportabhängig ist. Wir leben nicht auf einer Insel. Die Leute sind sich bewusst, dass sie auch von der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung betroffen sind. Die Angst, dass Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden können ist gerade im Industriesektor sehr gross.

Raphael Corneo:Und das Vertrauen in Wirtschaft und Staat sinkt?

Franz Schultheis:In die Wirtschaft ganz massiv. Man verliert das Vertrauen, weil man merkt, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Weshalb ein Bankensystem, das Verluste eingefahren hat, weil es extreme Risiken eingegangen ist, vom Staat mit Steuergeldern gerettet wird, verstehen der kleine Mann, die kleine Frau nicht. Vertrauen in ein System zu haben, das auf diese Leute dermassen korrupt wirkt, ist schwer. Es kommt also zu einer doppelten Verunsicherung. Eine Verunsicherung betreffend materieller Existenzsicherung, Arbeitsplätzen, aber eben auch eine moralische Verunsicherung. In allen soziologischen Untersuchungen stellen wir fest, dass das Grundvertrauen in die sichernde Stellung des Staates erodiert.

Raphael Corneo:Löst der auf den Arbeitnehmern lastende Druck auch in der Schweiz mehr Selbstmorde aus?

Franz Schultheis:Darüber gibt es keine klaren Zahlen. Das ist eine seltsame Geschichte. Wir haben während der Umstrukturierungen der Schweizer Banken in den 90er Jahren grosse Untersuchungen gemacht und viele Betroffene dieser oft entscheidenden Prozesse mit vielen Entlassungen interviewt. Wir haben diese Frage immer wieder gestellt, aber da wurde ein Tuch drübergespannt. Das gesteht man nicht. Man hat das nur in Flurgesprächen irgendwie mitbekommen. Wir wissen aber durch frühere Studien, dass in Krisenzeiten, aber auch in Zeiten rasanter Aufschwünge, die Zahl der Selbstmorde steigt. Wir nennen es anomische Selbstmorde. Selbstmorde einer Orientierungslosigkeit. Das ist auch statistisch belegt. Für die letzten zwei Jahre gibt es aber für die Schweiz noch keine solchen Statistiken.

Raphael Corneo:Beugen sich die Arbeitnehmer ganz einfach dem Druck auf dem Arbeitsmarkt?

Franz Schultheis:Ja, das ist so. Man beobachtet das immer wieder in Krisen. Die Widerständigkeit und die Aufmüpfigkeit des Arbeitnehmers, sein Verhalten, wenn es auch einmal darum geht, mehr zu verlangen, das alles ist in Krisenzeiten viel schlechter ausgebildet. Wer verunsichert ist, macht den Mund nicht so weit auf. Diese Krise wird sehr fatalistisch durchlebt. Nach dem Prinzip, hoffentlich betrifft es mich nicht. Wenn der Blitz einschlägt, dann doch bitte beim Nachbarn.

Raphael Corneo:Trotzdem: Warum geht niemand zum Demonstrieren auf die Strasse?

Franz Schultheis:Menschen die verunsichert sind, die Angst haben um ihre Existenz, sind viel weniger bereit, sich aus dem Fenster zu lehnen, laut zu schreien und zu demonstrieren, zu fordern. Man bleibt lieber in seiner kleinen Ecke und hofft, dass der Sturm vorbeizieht. Das ist eine paradoxe Geschichte. In Zeiten von Fortschritt sind die Leute eher bereit, ihre Rechte einzufordern. Aber man muss bedenken, dass es von Gesellschaft zu Gesellschaft andere Traditionen und Mentalitäten gibt. In der Schweiz und in Deutschland ist die Haltung der Arbeitnehmer wenig politisiert und nicht fordernd. Die Franzosen haben eine andere Tradition, wo der Citoyen es nicht nur als sein Recht, sondern als seine Pflicht ansieht, Rechte einzufordern und auf die Strasse zu gehen.

Raphael Corneo:Erhöht sich der Druck in diesen Landen nicht zudem, da man im Rahmen der Unsicherheit Neuland betritt?

Franz Schultheis:Man muss ganz allgemein sagen, die Schweiz ist immer noch das gelobte Land. Phänomene, die man in unseren Nachbarsländern sieht, sind hier durch eine ganz andere Arbeitsmarktsituation immer etwas abgeschwächt. Auch hier gibt es eine Krisenstimmung. Diese ist aber nicht so stark wie im Ausland.

Das Sicherheits- oder Unsicherheitsgefühl des Menschen hängt jedoch bei weitem nicht  allein von der realen Bedrohung ab. Ein Beispiel dafür ist das Bedrohungsgefühl vor Gewalt, das Menschen in Städten erfahren. Meist sind es ältere Menschen in relativ sicheren Stadtvierteln, die sich bedroht fühlen. Sie fühlen sich bedrohter als junge Leute in den Vierteln, in denen wirklich etwas passiert. Auch bei der Arbeitsplatzangst ist es das so. Durch das, was in den Medien geschrieben wird, hat auch jemand, der nicht direkt betroffen ist das Gefühl, es könnte auch ihn treffen.

Raphael Corneo:Wie müssten die Unternehmen nun reagieren?

Franz Schultheis: Eine wünschenswerte Reaktion wäre, dass Unternehmer gegenüber ihren Mitarbeiter deutlich machten, dass die Stakeholder genau so wichtig sind wie die Shareholder. Und ihnen zeigen, dass das grösste Kapital eines Unternehmens seine Mitarbeiter sind. Es gibt in der letzten Krise auch ein paar positive Zeichen. Dass man zum Beispiel relativ wenig entlassen hat. Dass man sagt: „Bevor wir Menschen über Bord werfen, schnallen wir lieber die Gürtel etwas enger.“ Dass man dies den Menschen zeigt, ist wichtig. Dies führt auch zu einem Gefühl der Unternehmenszugehörigkeit.
Es gibt verschiedene Arbeitswelten. Aber in allen machen die Leute die Erfahrung, dass man immer weniger Anerkennung bekommt für das, was man tut. Menschen leben nicht vom Brot allein. Man muss sie auch loben. Es gibt hierzulande ein Desinteresse am Arbeitnehmer. Letztere  haben das Gefühl, dass man sie gar nicht mehr richtig zur Kenntnis nimmt, dass sie verzichtbar sind. Dinge, die dem Menschen Sicherheit geben, lösen sich auf. Das muss sich ändern.

 

Zur Person:
Franz Schultheis ist Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen. Er wurde 1953 im deutschen Bendorf geboren. Schultheis ist Präsident der Stiftung Pierre Bourdieu und Vizepräsident des Schweizer Wissenschaftsrates. Er studierte Soziologie an den Universitäten Freiburg i. Br. und Nancy und promovierte im Jahre 1986 an der Universität Konstanz. 2010 ist das Buch „Ein halbes Leben – Biografische Zeugnisse aus einer Arbeitswelt im Umbruch“ erschienen, das er mit Dr. Berthold Vogel und Michael Gemperle herausgegeben hat.

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