Das Weltwirtschaftsforum diskutiert in diesem Jahr über gemeinsame Werte für die Wirtschaft. Verantwortung für Mensch und Natur tritt heute neben Produktqualität und Gewinn. Dieser Wertewandel komme in der Unternehmenswelt an, sagt Klaus M. Leisinger von der Novartis-Stiftung.
Urs Fitze: Am diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos wird über Werte und Verantwortung diskutiert. Was wird heute von Unternehmen erwartet?
Verwandte Themen| { Nie wieder Krise, 20.01.11 } | | { Award für skrupellose Konzerne, 11.01.11 } | | { Die Welt schaut auf Europa, 01.12.10 } | | { Ethik gehört zu Nachhaltigkeit, 26.11.10 } | | { Geld und Moral: schwierige Freunde, 17.11.10 } | | { Club der grossen Zusammenhänge, 29.10.10 } | | { Belohnung für Wandel von unten, 01.10.10 } | | { Entspannt Euch!, 01.09.10 } | | { Ein Banker, der nicht spekuliert, 25.08.10 } | | { Bankgewerkschaft will Respekt, 14.07.10 } | | { Das Davos der Erneuerbaren, 25.06.10 } | | { Bereit für die gute Sache, 17.05.10 } | | { Einwanderung contra Klimagesetz, 27.04.10 } | | { Politik lässt Markt im Stich, 16.02.10 } |
Klaus M. Leisinger: Eine neue Untersuchung aus den USA zeigt, dass integres Wirtschaften und verantwortungsvoller Umgang mit den Menschen und der Natur heute an oberster Stelle der Erwartungen an Unternehmen stehen. Vor vier Jahren waren das noch möglichst gute Produkte und hohe Gewinne gewesen. Unternehmen haben zwar spezifische, nämlich wirtschaftliche Aufgaben, sie sind aber auch Teil der Gesellschaft und müssen im Einklang mit deren Normen arbeiten. Wo dies nicht der Fall ist, kommt es zu legalen, finanziellen und Reputationsschäden.
Urs Fitze:Wie lebt ein Unternehmen diese Verantwortung?
Klaus M. Leisinger: Inhaltlich bedeutet das in erster Linie, dass man sich zumindest an alle Gesetze hält und dort - wie in manchen Entwicklungsländern der Fall -, wo die Gesetze oder deren Durchsetzung mangelhaft sind, auf den Geist internationaler Normen abstellt.
Urs Fitze:Nehmen wir das Thema Menschenrechte. In einem Interview vor drei Jahren meinten sie, der Stand der Debatte in der Unternehmenswelt sei vergleichbar mit der Umweltdiskussion der frühen 70er-Jahre, stehe also noch ganz am Anfang. Sind die Unternehmen heute weiter?
Klaus M. Leisinger: Zumindest verändert sich gerade der äussere Rahmen. Die Vereinten Nationen setzen derzeit neue Standards, die von der Wirtschaft einiges an Eigenverantwortung abfordern. Unternehmen sind gut beraten, sich mit diesen veränderten Rahmenbedingungen vertraut zu machen und darüber nachzudenken, was der Respekt vor den Menschenrechten im spezifischen Kontext ihrer Geschäftstätigkeit bedeutet. Im übrigen hat die Wirtschafts- und Finanzkrise die Entwicklung der unternehmerischen Verantwortungsdebatte deutlich beschleunigt. Zu den positiven Entwicklungen der letzten Jahre gehört für mich, dass die meisten grossen Unternehmen das Thema gesellschaftliche Verantwortung ernst nehmen,. Sie beginnen ernsthaft, sich für ihre Anspruchsgruppen und deren Anliegen zu interessieren und zwischen verantwortlichem Wirtschaften und profitablem Wirtschaften keinen Widerspruch mehr zu sehen.
Urs Fitze:Hat die Weltwirtschaftskrise der Jahre 2008/2009 das Thema Verantwortung in den Hintergrund rücken lassen?
Klaus M. Leisinger: Nein, ganz im Gegenteil: Die meisten Menschen betrachten die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht als etwas, das unerwartet vom Himmel fiel, sondern als Resultat eines Mangels an verantwortungsvollem Handeln.
Urs Fitze:Welche Themen stehen heute ganz oben auf der Agenda?
Klaus M. Leisinger: Generell werden - erst recht nach dem Scheitern von Cancun - Umweltthemen Bedeutung behalten. Auch faire Arbeitsnormen und Antikorruptionsmaßnahmen sind Schwerpunkte. Zunehmen wird die Bedeutung von Gerechtigkeits-Themen, sei es in Bezug auf Einkommens-Disparitäten, Preise oder in der Geschlechterdebatte. Je nach Sektor wird dies zur Problematisierung verschiedener Sachverhalte führen. Für ein Pharma-Unternehmen wie Novartis wird das Thema “Zugang armer Patienten zu lebensnotwendigen Medikamenten” noch mehr an Bedeutung gewinnen.
Urs Fitze:Vor allem grosse Unternehmen sind wenig beweglich, wenn sie sich reformieren oder gar neu erfinden sollten. Trauen sie den Konzernen das zu?
Klaus M. Leisinger: Grosse Institutionen mit vielen Mitarbeitern sind immer schwerfällig. Hier ist die Metapher vom Ozeanriesen angebracht, der seine Richtung nicht so schnell ändern kann, auch wenn der Steuermann am Ruder dreht. Deshalb ist auch die Umsetzung des theoretischen Konzepts gesellschaftliche Verantwortung kein Projekt, das man so mal auf die Schnelle anfängt und drei Monate später aufhört, sondern ein nachhaltiges Programm mit offenem Ende. Ziel allen Handelns ist, eine Unternehmenskultur zu entwickeln, in der verantwortungsvolles Handeln eine Selbstverständlichkeit ist und abweichendes Handeln von den Kollegen und Kolleginnen mit Missbilligung bestraft wird.
Zur Person: Klaus M. Leisinger ist Geschäftsführer und Präsident der Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung. Der Sozialwissenschaftler und Ökonom forschte zum Thema Verantwortung von Unternehmen in Entwicklungsländern. Im Vordergrund seiner jüngsten Arbeiten steht die Spezialthematik Menschenrechte und Wirtschaft.
|