Russland will die Öl- und Gasvorkommen in der Arktis erschliessen. Dazu braucht es westliche Hilfe. Russlands Staatskonzern Rosneft und BP tauschen nun Aktien. Das britische Unternehmen wurde durch die Katastrophe im Golf von Mexiko gezwungen einzulenken.
BP und der russische Staatskonzern Rosneft wollen gemeinsam Öl- und Gasvorkommen auf dem Festlandsockel im nördlichen Eispolarmeer erschliessen. Die Vorräte würden auf fünf Milliarden Tonnen Öl und zehn Billionen Kubikmeter Gas geschätzt, sagte der russische Regierungschef Wladimir Putin bei einem Treffen mit der BP-Führung am Samstag in Moskau. Diese Zahlen erforderten Investitionen von Dutzenden Milliarden Dollar und modernste Technologien. Die Kooperation solle sich auch auf Drittländer erstrecken. Laut Putin unterstützt seine Regierung das Projekt, das „weltweit Auswirkungen im Öl- und Gasbereich zeitigen” werde. In Russland soll es unter anderem wesentliche Zollerleichterungen bekommen. BP- und Rosneftaktien seien bereits im Kurs gestiegen, sagte Putin sichtlich zufrieden.
Die beiden Konzerne wollen gegenseitig Anteile austauschen. Rosneft bekommt fünf Prozent der BP-Aktien, während der britische Konzern 9,5 Prozent Rosneftaktien übernimmt. Beide Anteile haben faktisch den gleichen Wert. Die BP-Aktien kosten 7,8 Milliarden Dollar und die von Rosneft schlagen mit 234,1 Milliarden Rubel (5,9 Milliarden Euro/7,5 Milliarden Franken) zu Buche. Eine entsprechende Absichtserklärung bestand schon seit 2006, das Geschäft kam aber erst jetzt zu Stande. Indirekt bestätigte Putin, dass BP infolge riesiger Verluste durch die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko dem Geschäft zustimmen musste. BP habe dort unschätzbare Erfahrungen gewonnen, sagte er. Nun gelte es, von Anfang an alles, was sich bei Projekten im Kontinentalschelf abspiele, sorgfältig gemeinsam zu analysieren, so Putin.
Forschungszentren in St. Petersburg und Murmansk
BP-Chef Robert Dudley betonte seinerseits, dass die modernsten Technologien bei Arbeiten in der russischen Arktis angewandt werden sollen. Zentren zur Erforschung des Festlandsockels sollen in St. Petersburg und Murmansk entstehen. Er hoffe, dass sich die geplante Kooperation auch insgesamt auf ausländische Investitionen in Russland positiv auswirken werde. Seine Ölgesellschaft arbeite schon lange erfolgreich in Russland, erklärte Dudley. Früher hatte er das russisch-britische Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP geleitet, das zu je 50 Prozent BP und der russischen Firma Alpha-Axess-Renova gehört. Rosneft befindet sich zu 75 Prozent im Besitz der Gesellschaft Rosneftegas, die wiederum zu 100 Prozent dem russischen Staat gehört. Rosneft gilt in Russland als „strategisches” Unternehmen. Es hatte seinerzeit den grössten Teil des zerschlagenen Yukos-Imperiums von Michail Chodorkowski übernommen. Nach Expertenmeinung könnte der neue Partner den russischen Konzern jetzt gegen Klagen von Yukos-Aktionären unterstützen.
Euphorische Reaktion aus London
Bei dem „historischen” Abkommen handle es sich um das erste gross angelegte Kooperationsprojekt, das vom Aktienaustausch zwischen einer internationalen und einer nationalen Ölgesellschaft begleitet werde, heisst es in einer gemeinsamen Erklärung von BP und Rosneft. Euphorische Stimmen waren nicht nur aus Moskau zu vernehmen. „Russisches Gas und Öl werden eine strategisch wichtige Rolle bei der Brennstoffversorgung Europas und der Welt spielen”, erklärte der britische Energieminister Chris Huhne. BP mache eine der schwierigsten Etappen in seiner Geschichte durch, und er freue sich, dass der Konzern für neue Geschäftsprojekte nach wie vor offen sei.
Kritik aus Amerika
Kritische Stimmen kamen aus Übersee. Der konservative amerikanische Abgeordnete Michael Burgess forderte in einer Sendung der Fernsehgesellschaft CNBC, das Rosneft-BP-Geschäft im Hinblick auf den Aktienaustausch „einer gewissen Analyse” zu unterziehen. Mögliche Folgen für die nationale Sicherheit der USA erforderten die Einschaltung des Kongressausschusses für ausländische Investitionen, weil BP America mit einer russischen Gesellschaft zusammenarbeite, so Burgess. Zwar habe der US-Kongress keine Kontrollmöglichkeit gegenüber der internationalen Ölgesellschaft British Petroleum, BP America sei aber eine US-Firma. Der demokratische Kongress-Abgeordnete Edward Markie forderte in einer schriftlichen Rückfrage, der Ausschuss für ausländische Investitionen und das US-Aussenministerium sollen sich der Sache sofort annehmen. Nach seiner Meinung werden die Vereinbarungen zwischen BP und Rosneft Ausgleichszahlungen nach der Ölpest im Golf von Mexiko „unweigerlich erschweren”. Laut Moskauer Experten werden aber diese Erklärungen keine Folgen haben. Fünf Prozent BP-Aktien gäben Rosneft keinerlei Vollmachten im Konzern-Management, heisst es.
Bild: BP
|