Depressionen und Burnout sind nicht das Problem einiger Weniger, die schlecht belastbar sind, sagt Ex-DRS1-Moderator Ruedi Josuran, der selbst betroffen ist. Sein Buch „Mittendrin und nicht dabei“ wurde ein Bestseller, vor kurzem hat er eine Stiftung zum Thema gegründet. Yvonne von Hunnius: Ist Burnout mittlerweile eine Auszeichnung – so viel gearbeitet zu haben, bis man nicht mehr kann? Ruedi Josuran: Nein. Meine Erfahrung ist, dass man sowohl mit Burnout als auch mit Depression immer zu den Verlierern gehört. Man traut dem Betroffenen weniger zu, grosse Fragezeichen tauchen bei der Arbeit auf, Aufgaben werden weggenommen. Aber der Begriff des Burnout hat vieles leichter gemacht, hierüber spricht es sich leichter als über Depression. Man kann einen Test auf einer Stehparty machen: Erzählt man vom eigenen Burnout, hört der ein oder andere noch zu, spricht man von der eigenen Depression, verabschieden sich die Gesprächspartner schnell unter fadenscheinigen Begründungen. Verwandte Themen| { Auch alte Besen kehren gut, 03.01.11 } | | { Mensch muss sich neu erfinden, 20.10.10 } | | { Auszeichnung für den Einsatz, 08.10.10 } | | { Zahl der Stiftungen wächst, 04.10.10 } | | { Frauen an die Macht, 22.09.10 } | | { Entspannt Euch!, 01.09.10 } | | { Bankgewerkschaft will Respekt, 14.07.10 } | | { Fussball als Spiegel der Seele, 11.06.10 } | | { Ausländer nehmen keine Arbeit weg, 07.06.10 } | | { Arbeitstempo ist selbstmörderisch, 02.06.10 } | | { Spiesser und Kreative im Zwist, 01.03.10 } |
Yvonne von Hunnius: Wie hängen Burnout und Depression zusammen?
Ruedi Josuran: Burnout ist ein Syndrom – eine Stressreaktion, die im Arbeitskontext steht, wobei es natürlich auch einen Hausmann oder eine Hausfrau betreffen kann. Lässt man es unbehandelt, hat es der Depression ähnliche Symptome und kann sich hierzu auswachsen. Burnout muss also nicht zur Krankheit werden, während Depression definitiv eine Krankheit ist. Yvonne von Hunnius: Im Sozialbereich wird recht offen über die Burnout gesprochen, sie kommen aus dem Journalismus – ist auch dieser Bereich prädestiniert dafür? Ruedi Josuran: Schwer zu sagen. Es geht nicht unbedingt um die Arbeitsmenge, sondern um die Bewertung und Massstäbe der Person selbst, um Perfektionismus oder übertriebenen Ehrgeiz. Die Arbeitsmenge war für mich nie ein Problem, eher eine vielleicht übertriebene Sorgfaltspflicht, eine Sensibilität gegenüber Kritik. Es muss eine Art der Disposition bestehen. Hinzu kommt dann vielleicht noch wenig Handlungsspielraum oder zu viel Bürokratie am Arbeitsplatz, die Menschen die Luft zum Atmen nimmt. Aber es hat sehr viel damit zu tun, wie ich als Person die Angelegenheit betrachte und nicht, wie viel Stress von aussen auf mich einprasselt. Die Psychologen sprechen hier von inneren Antreibern. Yvonne von Hunnius: Sie waren Ende 30, als Sie in Depressionen schlitterten – wer hat was zuvor falsch gemacht? Ruedi Josuran: Von aussen hat vielleicht niemand etwas falsch gemacht. Ich hatte immer wieder gute Arbeitgeber. Ich sehe hier zwei Ebenen: Ich habe im Laufe der Zeit immer mehr Energie ausgegeben als eingenommen. Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Energiegleichgewicht und ich habe mit überzogenem Konto gelebt. Ich wollte etwas erreichen, war ehrgeizig und habe das eigene Mass aus den Augen verloren. Bei mir kommt ein Aspekt hinzu, der Stärke und Schwäche zugleich ist: Ich laufe mit weit ausgefahrenen Antennen durch den Tag und bin sehr sensibel – ein Riesenplus, geht es darum, sich bei Interviewsituationen in Menschen hineinzuversetzen, ein Nachteil, geht es um Fragen der Abgrenzungen. Wenn diese beiden Faktoren zusammenkommen, kann es sich früher oder später nicht mehr ausgehen. Ich hatte lange Zeit kein Sinn für meinen Zustand. Ich dachte mir, ich hätte versagt, war voll von Schuldgefühlen und sah den grossen Karriereknick auf mich zukommen. Mich plagten Schlafstörungen. Und der Kreisel beginnt sich zu drehen, wenn man immer mehr leisten muss, um das gleiche zu erreichen. Und dann fragt man sich schon mittags: „Wie schaffe ich das bis zum Abend?“ Hätte ich damals rechtzeitig Hilfe angenommen, es hätte nicht soweit kommen müssen. Wenn solche Anzeichen über einige Wochen vorhanden sind, dann muss man unbedingt Hilfe annehmen. Für mich war es unmännlich, mir helfen zu lassen – und deshalb habe ich für meine Einstellung einen gewissen Preis bezahlt. Yvonne von Hunnius: Welche Hilfe hilft wirklich? Ruedi Josuran: Ich habe mich im Zuge meiner Tätigkeit als Coach gefragt, was ich damals als erstes gebraucht hätte. Und es wäre wohl ein Begleiter wichtig gewesen, kein Therapeut. Ein Freund auf Zeit, der sich mit mir in einer Kneipe auf Augenhöhe unterhält und sagt: „Geh zum Artzt.“ Die Niedrigschwelligkeit einer solchen Massnahme ist entscheidend. Weil es immer noch ein Tabu ist – und das, obwohl so viel darüber gesprochen und geschrieben wird. Yvonne von Hunnius: Welchen Antrieb hatten Sie, am Buchprojekt „Mittendrin und nicht dabei“ mitzuwirken und ihre Gefühle gänzlich öffentlich zu machen? Ruedi Josuran: Die Buchinitiative kam von einer Verlegerin und ohne sie hätte ich es wohl nicht getan. Es hatte durchaus seine Funktion, aber weder finanziell noch imagetechnisch hat das Buch grosse Vorteile gebracht. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, würde ich mir heute zweimal überlegen, ob ich es schreibe. Yvonne von Hunnius: Warum? Ruedi Josuran: Weil man anderen eine Art Waffe gegen sich in die Hand gibt, die sie in einer Konkurrenzsituation nutzen können. Ich habe erlebt, dass Menschen froh waren, meine Schwächen ausnutzen zu können. Bei meinem leichten Herzinfarkt vor eineinhalb Jahren habe ich das Positive erlebt – da kamen Menschen mit viel Verständnis au mich zu und rieten: „Hey, arbeite nicht so viel.“ Anders bei einer Depression, wo sich die Umwelt zurückzieht. Yvonne von Hunnius: Worauf führen sie das zurück? Schliesslich kann man sich noch nicht mal anstecken… Ruedi Josuran: Es steht stark im Umfeld von Versagen und genau das sind die Dinge, die man zwar bei anderen sieht, bei sich selbst aber um jeden Preis vermeiden will. Was ich verstehen kann, ist die Hilflosigkeit im Umgang damit. Gerade, wenn man Kollege oder Partner ist. Man sollte nicht in die Rolle eins Co-Therapeuten verfallen, sondern versuchen, dass die Person fachliche Hilfe annimmt. Wie oft habe ich gehört: „Ich lebe mit jemandem, der die Symptome hat, und ich bekomme ihn nicht zum Arzt.“ Ich hoffe, eines Tages geht man anders damit um, denn es handelt sich schliesslich um nichts anderes als eine Seelengrippe. Es muss sich niemand entschuldigen, der eine Grippe einfängt. Menschen, die Depressionen haben, fühlen sich oft schuldig für etwas, wofür sie sich nicht schuldig fühlen müssten. Deshalb nehmen sie oft keine Hilfe an, verschliessen sich und ermöglichen eine Entwicklung hin zu einem chronischen Verlauf. Yvonne von Hunnius: In der Folge haben Sie Ihr Leben auf den Kopf gestellt – eine Krankheitskonsequenz oder schlicht das Finden einer neuen Aufgabe? Ruedi Josuran: Beides. Einerseits ist es die Motivation, etwas Neues zu tun in diesem Lebensabschnitt – etwas, das Sinn macht und mit der eigenen Geschichte verknüpft ist. Somit geht es mir auch darum, meine Geschichte anderen verfügbar zu machen. Aber ich kann einfach immer noch nicht gut umgehen mit den Reaktionen, die kommen. Stimmen behaupten, man wolle sich an diesem Thema nur bereichern und Mitleid erheischen. Aber genau das ist es, was man partout nicht will, denn es geht darum, in der Sache ernst genommen zu werden. Mit Mitleid fühlt man sich eigentlich nur noch minderwertiger. Letztlich ging es darum, dass die Betroffenen nicht alleingelassen werden, ich fühlte mich damals extrem allein gelassen. Nur Betreuung kann einen Weg aus der Isolation bedeuten. Yvonne von Hunnius: Und welches Ziel hat sich die von Ihnen gegründete Ruedi Josuran Stiftung konkret gesetzt? Ruedi Josuran: Es geht um die Enttabuisierung des Themas. Wir wollen mit Aktionen an die Öffentlichkeit, um das Thema aus der Ecke herauszuholen. Ich möchte, dass Menschen über diese Dinge in einer normalen Tonalität sprechen. Denn es ist viel verbreiteter, als man das annehmen mag. In einer zweiten Phase möchten wir kostenlos auch Menschen Coaching, Begleitung und Unterstützung anbieten, die auch finanziell durch alle Maschen gefallen sind. Yvonne von Hunnius: Muss die Krankheit einen Betroffenen sein Leben lang begleiten oder gibt es Heilung? Ruedi Josuran: Wer eine richtige Depression einmal erlebt hat, der kann eine gewisse Symptomfreiheit wiedererlangen. Aber das Thema bleibt unterschwellig erhalten und man muss einen Umgang mit sich finden. Wenn ich zehn Prozent weniger bringe, kann ich dann immer noch ein gutes Selbstwertgefühl haben? Mit diesen Fragen wird man konfrontiert. Ich selbst bin weitestgehend symptomfrei. Was ich konkret noch lernen will, ist mich besser abzugrenzen, am richtigen Ort „nein“ zu sagen. Yvonne von Hunnius: Viele schreiben Depressionen vielleicht auch aufgrund dieses Unvermögens eher Frauen zu – wo liegt Ihrer Meinung nach der Geschlechterunterschied im Umgang mit der Krankheit? Ruedi Josuran: Frauen tun sich immer noch leichter, direkte Hilfe anzunehmen. Sie gehen zum Arzt, wenn etwas nicht stimmt. Männer machen immer noch einen Umweg beispielsweise über Süchte – man trinkt zuhause oder läuft einen Marathon – das ist eine Art von Selbstmedikation. Extremsport ist nichts Schlechtes, doch Männer haben eher den Hang zum Extremen oder zu Aggressionen. Gerade Alkohol ist ein grosses Problem. Experten sagen, dass deshalb auch Statistiken irren, die Depressionen als grösstenteils weiblich darstellen. Männer verstecken sich hinter den Sucht-Statistiken. Wenn die Depression behandelt wird, rückt hier oft die Sucht in den Hintergrund. Zur Person: Ruedi Josuran ist Gründer der „Stiftung Ruedi Josuran“. Zudem arbeitet er als Personal-Coach und moderiert die TV-Sendung „Fenster zum Sonntag“. Bis 2007 war er als Moderator für verschiedene Schweizer Radiostationen tätig – zuletzt mehrere Jahre für DRS1. Bild: zvg
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