Schweizerinnen und Schweizer spenden viel. Daher dringen auch ausländische Hilfsorganisationen auf den Schweizer „Markt”. Das störe die Arbeit der einheimischen Hilfswerke, sagt Roland Jeanneret. Er war während 19 Jahren das Sprachrohr der Glückskette.
Raphael Corneo: Wer spendet in der Schweiz?
Roland Jeanneret: Es ist die Bevölkerung in der Schweiz - wir haben ja einen fünftel Ausländer und auch sie spenden. Die Bevölkerung ist sehr grosszügig. Sie gehört zu den grosszügigsten weltweit. Wenn die USA nach dem Tsunami 300 Millionen Dollar sammeln, dann ist das eine beeindruckende Zahl. Aber das ist 1 Dollar pro Kopf. Die Schweiz hat 227 Millionen Franken gesammelt. Das sind etwa 30 Franken pro Einwohner, also dreissig Mal mehr. Generell darf die Schweiz auf ihre Grossherzigkeit stolz sein!
Raphael Corneo: Wo zeigen sich die Spender am solidarischsten?
Roland Jeanneret: Besondern wenn es um Kinder geht. Sehr grosszügig auch in Krankheitsfragen. Etwas zurückgegangen ist es dafür im Umweltbereich. Es kommt aber auch sehr auf die Generation an. Junge Leute engagieren sich eher für Umweltfragen. Auch bei Katastrophen wird immer wieder sehr viel gespendet.
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Raphael Corneo: Bei einigen Katastrophen wird weniger gespendet als bei anderen, obwohl sie schlimmer sind. Hat Sie das manchmal wütend gemacht?
Roland Jeanneret: Manchmal muss man mit Tatsachen leben. Ich möchte darüber nicht urteilen. Natürlich finde ich es ungerecht. Ich war aber zum Teil erstaunt, dass wir zum Beispiel für Pakistan so viel Spenden erhalten haben, nachdem man uns laufend gesagt hat „da könnt ihr nicht viel erwarten, da spendet niemand”. Ich habe immer gesagt, ich möchte Spender und Spenderinnen nicht bevormunden. Spenden ist eine freiwillige Sache. Ich habe auch Verständnis, wenn jemand sagt, ich spende jetzt hier nicht oder überhaupt nicht. Das ist das Recht eines jeden. Jeder muss das mit seinem Gewissen ausmachen, ob er helfen will, Ungerechtigkeit auf dieser Welt auszugleichen.
Raphael Corneo: Welche Katastrophe oder welches Problem bekommt noch immer zu wenig Beachtung?
Roland Jeanneret: Die Leute spenden dann am liebsten, wenn es keine Schuldigen gibt. Bei einer Naturkatastrophe zum Beispiel. Bei Kriegen oder Krisen gibt es aber „angebliche” Schuldige. Ich glaube hier wird oft zu oberflächlich geurteilt. Die Leute denken sich, „die sollen doch bloss Frieden machen”. Die Konflikte sind jedoch häufig sehr komplex. Ich hätte mir oft gewünscht, dass wir hier ein wenig toleranter sind und uns etwas mehr bemühen, die wahren Umstände oder Hintergründe einer Krise zu erfahren. Gerade bei Kriegs- und Konfliktsituationen sind wir oft mitschuldig - das wird häufig vergessen. Ausserdem muss man zwischen Machthabern und der betroffener Bevölkerung unterscheiden. Man unterteilt immer gerne in Schwarz und Weiss. Aber so einfach ist das meist nicht.
Raphael Corneo: Es dringen immer mehr ausländische Hilfswerke mit grossem Werbeaufwand in die Schweiz. Wird es für Schweizer Hilfswerke eng?
Roland Jeanneret: Ja, und das ist ärgerlich. Die Schweizer Hilfsszene ist so vielfältig, dass wir keine ausländischen Hilfswerke brauchen, die nur hierher kommen, um Geld abzuholen. Oft sind das Sammelmaschinerien. Sie wissen, dass in der Schweiz viel gespendet wird. Wir können dann meist nicht mitbestimmen, was mit dem Geld passieren soll. Bei Schweizer Hilfswerken sieht man, was getan wird. Man kann die Verwendung von Spendengeldern kontrollieren, sieht den Projektverlauf und die Erfolge.
Raphael Corneo: Wie sollen die Hilfswerke damit umgehen?
Jeanneret: Das ärgerliche ist, dass die Geldpumpen, die aus dem Ausland kommen, viel aufwändiger werben. Sie machen z.B. teure Fernsehwerbung oder ganze Beilagen in Zeitschriften. Schlussendlich zwingt das die Schweizer Hilfswerke, auch mehr auszugeben für Werbung und Marketing, und so steigen die Administrationskosten. Das wollen aber wiederum die Spender nicht. Die ausländische Konkurrenz führt letztlich zu Ineffizienz.
Raphael Corneo: Muss sich auch die Glückskette verändern?
Roland Jeanneret: Sie muss sich an die neue Mediensituation anpassen. Unsere Arbeit wandelt sich ständig, weil sich die Medien sehr stark verändert haben. Deshalb kann ich mich nun auch ganz gut anderen Dingen widmen. Denn den einen Mister Glückskette braucht es heute so nicht mehr. Heute braucht es viele verschiedene Identifikationsfiguren. Die Reputationsumfragen zeigen, dass die Glückskette den besten Ruf geniesst. Wir können also nicht viel verbessern. Wir müssen einfach darauf achten, dass wir uns nicht verschlechtern.
Zur Person: Roland Jeanneret (63) wurde in Bern geboren, studierte deutsche Literatur, Theaterwissenschaften und Publizistik. Er arbeitet seit über 30 Jahren als Journalist, vor allem in elektronischen Medien. Er wurde im Lauf der Jahre zur “Stimme der Glückskette” und war seit 1992 für diese Stiftung der SRG SSR als Kommunikationsleiter tätig. Jeanneret ist Dozent an der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern, war Präsident und jahrelang engagiert im Vorstand des Journalistenverbands impressum.
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