In den vergangenen Jahren hat sich Südafrika zum Schwellenland gemausert. Doch Wirtschaftsexperten warnen, dass es dabei nicht bleiben wird, falls das Land es nicht schafft, seinen beträchtlichen Bildungsrückstand zu vermindern.
Analphabetismus und Massen von dürftig ausgebildeten oder ungebildeten Arbeitskräften in Südafrika schrecken zunehmend ausländische Investoren ab, obwohl Südafrikas Bruttoinlandprodukt dieses Jahr trotz Wirtschaftskrise einen vierprozentigen Aufschwung erleben soll. „Unsere grösste Hürde ist das Erbe der Apartheid, das der grossen Mehrheit von Südafrikanern gute Bildung verwehrte“, sagte Ravi Naidoo, Gründer der südafrikanischen Projektmanagementberatung Interactive Africa. Er adressierte 350 Investoren und Geschäftsleute aus 38 Ländern während der Entrepeneurs Organisation (EO) Konferenz in Kapstadt.
Sechzehn Jahre nach der Abschaffung der Apartheid sind immer noch 18 Prozent aller Südafrikaner Analphabeten. Besonders ausserhalb städtischer Zentren bleibt das Bildungsniveau erschreckend niedrig. Weniger als ein Fünftel der Bevölkerung erreicht hier einen Hauptschulabschluss.
Das muss sich ändern, will Südafrika mit den vier am schnellsten wachsenden Wirtschaften, den BRIC-Ländern Brasilien, Russland, Indien und China, mithalten.
Massnahmen wie Black Economic Empowerment und Affirmative Action - wirtschaftliche Förderungsmassnahmen, die für unter Apartheid sozial Benachteiligten geschaffen wurden - sind bislang weitgehend fehlgeschlagen. Von der angestrebten Vermögensumverteilung ist daher immer noch wenig zu spüren. Südafrika ist weiterhin das Land mit den grössten wirtschaftlichen Ungleichheiten der Welt. Die reichsten vier Prozent der Bevölkerung, von denen ein Viertel Schwarz sind, haben ein Einkommen von rund 60.000 Euro im Jahr, während der Grossteil der Einwohnerschaft nicht einmal ein Hundertstel davon verdient. Südafrikas neue politische und wirtschaftliche Elite – Schwarze Diamanten genannt – wird weitgehend dafür kritisiert, sich in der vergangenen Dekade selbst zu bereichert zu haben, während Arbeitslosigkeit und Armut im Grossteil des Landes anstiegen.
Englisch – ein Standortvorteil
Abgesehen von klaffenden Bildungslöchern, schrecken potentielle Investoren von Südafrikas Kriminalität und geographischer Entfernung ab. Auch mit Chinas und Indiens niedrigen Löhnen kann Südafrika nicht konkurrieren. Von Vorteil ist allerdings, dass Südafrika im Gegensatz zu China und Brasilien englischsprachig ist und dass es (abgesehen von einer Stunde Zeitverschiebung in den Wintermonaten) mit Europa in der gleichen Zeitzone liegt.
Südafrika, das ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts des Kontinents erwirtschaftet, wird ausserdem als Sprungbrett in den Rest des Kontinents angesehen. „In Südafrika trifft die erste auf die dritte Welt und macht es zum idealen Testgebiet für neue Geschäftsideen in Afrika“, glaubte Naidoo.
Weitere Vorteile sind Südafrikas gute Infrastruktur, politische Stabilität und stabile Währung, obwohl die Stärke des Rands in 2010 für ausländische Investoren zum Nachteil war. Deutsche Firmen haben sich allerdings in den letzten Jahren bereits als mutige Investoren in Südafrika bewiesen. 2008 investierten sie 12,6 Milliarden Euro (2007: 11,5 Milliarden). Circa 600 deutsche Firmen haben sich in Südafrika niedergelassen und stellen dort insgesamt mehr als 90.000 Arbeitskräfte ein.
Deutsche Investoren interessiert
Deutschland war Ende 2009 Südafrikas grösster Handelspartner, gefolgt von den USA und Japan. China könnte jedoch Deutschland bald als Haupthandelpartner überholen. China hat dieses Jahr heftig in Südafrika investiert, vor allem im Bergbausektor.
Deutsche Teilnehmer der EO Konferenz schienen die Investitionsmöglichkeiten Südafrikas bereits ausgeschnuppert zu haben. Christoph Herrmann, Geschäftsführer des Chemnitzer Agrarhandelsportals gruuna.com, das weltweit landwirtschaftliche Produkte übers Internet verkauft, plant Ende nächsten Jahres ein Callcenter in Südafrika zu etablieren.
Anreiz sei die umfangreiche Agrarproduktion Südafrikas und seiner Nachbarländer. Die Landwirtschaft macht 30 Prozent des afrikanischen Bruttoinlandsprodukts aus. „Uns ist klar, dass wir die Leute sehr gut ausbilden müssen und viel Zeit mit Probe- und Testarbeiten verbringen müssen um ein hohes Leistungsniveau zu erhalten. Solch zusätzliche Kosten muss man halt von vornherein einplanen“, erklärte Herrmann.
Dr. Ulrich Kohl, technischer Direktor der Lebensberatung Questico AG in Berlin ist allerdings skeptisch. „Wir fühlen uns Südafrika gegenüber ambivalent. Das Land hat sicherlich eine grosse Zukunft, doch wir sehen noch viele Probleme, wie die hohe Kriminalität, Armut und vor allem mangelnde Bildung“, erklärte er. Südafrika könne wirtschaftlich noch nicht mit den BRIC-Ländern mithalten. Vom reinen Geschäftsstandpunkt sei Südafrika nicht die erste Option.
Bild: Universität Salzburg
|