Ohne Wasser gibt es kein Leben

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Geschrieben von: Kristin Palitza, Bol 04.01.11
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Die Flüchtlingswelle, die der Klimawandel, mit sich bringen wird, hat begonnen. Besonders betroffen ist die Sahelzone. Der Tschadsee ist um 95 Prozent geschrumpft. Es gibt kaum noch Fische, die Felder verdorren. Die Menschen wandern ab.

Vom Austrocknen bedrohte Seen. Stetig wachsende Wüsten. Temperaturen, die bis zu 50 Grad Celsius erreichen. Anhaltende Dürre, in der sogar Kamele verdursten. 

Was sich wie das Horrorszenario eines Science-Fiction Romans anhört, ist bereits zur Wirklichkeit der Menschen in der Sahelzone geworden. Aufgrund von Klimawandel sind 20 Millionen vom Hungertod bedroht. Im zentralafrikanischen Tschad ist die Situation besonders prekär. Tausende wandern ab, um den harschen Wetterbedingungen zu entfliehen.

Vier winzige Fische im Netz

Für die, die zurückbleiben ist das Überleben beschwerlich. Fischer Paul Mbayon, der auf einer kleinen Insel im Tschadsee wohnt, dem größten Süßwasserreservoir der Sahelzone, kann kaum seine Frau und zwei Kinder ernähren – denn das Wasser ist so gut wie leer von Fischen. Jeden Morgen watet Mbayon mit großen Schritten in den See, um sein Netz einzuholen. Doch seine Fänge sind kläglich. Heute zappeln nur vier winzige Fische in den Maschen. „In den letzten zwei Tagen habe ich gar nichts gefangen“, seufzt der 39jährige.

Der Tschadsee, der an den Grenzen von Nigeria, Niger und Kamerun liegt, ist seit den 60er Jahren um 95 Prozent geschrumpft. Die Gründe sind vielfältig: fortschreitender Klimawandel, klimatische Instabilität, landwirtschaftliche Übernutzung und Bevölkerungsdruck. Innerhalb der nächsten zwei Dekaden könnte der See vollkommen austrocknen.

Immer mehr Menschen kämpfen um die schrumpfenden Ressourcen. Nur noch ein Dutzend Fischarten sind heute im See vorzufinden. Ursprünglich waren es mehr als 150. Fischerei ging demzufolge um 60 Prozent zurück, und viele Fischer mussten die Ufer des Sees verlassen.

Die Hälfte ist bereits weg

Mbayon, der seit 17 Jahren am Tschadsee lebt, kann sich gut an bessere Zeiten erinnern. „Vor einigen Jahren waren unsere Netze jeden Tag voll mit großen Fischen. Wir haben so viel gefangen, dass wir sogar in Nigeria verkauften“, sagt er. Falls sich seine Situation weiter verschlechtert, könnte seine Familie bald zu der stetig wachsenden Gruppe von Klimaflüchtlingen gehören.

„Immer mehr Menschen wandern aufgrund von Wetterveränderungen ab. Da es hier kaum regnet, sind wir vom See abhängig. Doch ohne Wasser gibt es kein Leben“, erklärt Ahmat Boukar, Bürgermeister von Bol, dem größten Ort am Ufer des Sees. Wo der See früher 25 Meter tief war, steht das Wasser nur noch einen Meter hoch, beschreibt er. Und wo einstmals Leute fischten, liegt jetzt verdorrtes Land.

Bol hat in den letzten 20 Jahren die Hälfte seiner Bevölkerung verloren. Boukar zufolge gehen Männer nach Nigeria, Libyen oder Saudi-Arabien, um Arbeit zu finden. Dort schuften sie als Hilfsarbeiter oder Wachmänner. Andere verpflichten sich als Soldaten der Tschadischen Armee. In den Dörfern Tschads bleiben hauptsächlich Frauen, Kinder und Senioren zurück. 

Norden verschmutzt, Süden leidet

Die Lebensumstände im Tschad illustrieren die prognostizierten Auswirkungen des Klimawechsels über die Experten und Politiker seit Jahren debattieren. Die Befürchtung, dass Klimawechsel unkontrollierbare Massenmigration hervorrufen wird, ist im Tschad bereits Realität. Wenn sich nichts ändert, wird die Sahelzone bald unbewohnbar werden: Durchschnittstemperaturen steigen jährlich, während es immer weniger regnet.

Unter Kommunalpolitikern, die eng mit ihren Gemeinden in Verbindung stehen, ist Sorge weit verbreitet. Sie appellieren an den Rest der Welt, Tschad im Kampf gegen den Klimawandel zu unterstützen. „Ohne globale Mobilisierung gegen die Austrocknung des Sees werden wir dessen Verschwinden nicht verhindern können“, sagt Mournady Karuba, Gouverneur der Le Lac Provinz, in der der Tschadsee liegt.

Was ihn besonders ärgert ist, dass Industrieländer für den Großteil der globalen Umweltverschmutzung verantwortlich sind, während der Süden von den Auswirkungen des Klimawechsels leidet. „Die Länder des Nordens sind die größten Umweltverschmutzer und sollten uns daher Schadenersatz zahlen“, fordert er. „Die Menschen hier zahlen für Klimawechsel mit ihrem Leben.“

Brotkorb versiegt

Doch Hilfe scheint – wenn überhaupt – zu spät zu kommen. Als der Weltklimagipfel in Cancun, Mexico, Mitte Dezember endete, gab es weder eine verbindliche Vorgaben zur Verringerung von CO2-Emissionen noch eine Verpflichtung, das bald ablaufende Kyoto-Protokoll zu erneuern. Allerdings beschlossen die 190 teilnehmenden Nationen, bis 2020 mit 100 Milliarden Dollar jährlich einen Fond für Entwicklungsländer zu schaffen, um die Auswirkungen des Klimawechsels zu mäßigen. Doch in zehn Jahren könnte es für die Region um den Tschadsee bereits zu spät sein. 

Die schrumpfenden Wasservorräte des Sees haben nicht nur negative Auswirkungen auf die Fischerei. Sie führen auch zu wachsender Wüstenbildung, zur Degradierung von Feldern und bedrohen den Viehbestand. Einstmals der Brotkorb für den Rest des Landes, kann die Le Lac Provinz sich heutzutage kaum selbst ernähren.

Hoher Wasserverbrauch leert See

Große, schlecht geplante Bewässerungsprojekte in Niger, Nigeria, Kamerun und Tschad haben große Wassermengen aus dem See umgeleitet. Allein auf Tschads Seite wurden drei große Flussarme mit Dämmen abgeriegelt, die der Bewässerung von 140.000 Hektar Feldern dienen sollte. Doch wenige Jahre später reicht die Kapazität des Sees nicht mehr aus, um die Dämme zu füllen. Die Kanäle sind ausgetrocknet.

„Wir befinden uns in einer Zwickmühle“, erklärt Faradj Dembell, landwirtschaftlicher Produktionsleiter der halbstaatlichen Gesellschaft für die Entwicklung der Le Lac Provinz (Soc-du-Lac). „Wir brauchen den See zur Bewässerung unserer Felder. Doch gleichzeitig bedroht der hohe Wasserverbrauch den See.“

Landwirt Moussa Bulari, 49, aus Matafo, einem kleinen Dorf zehn Kilometer außerhalb Bols, hat dies bereits zu spüren bekommen. Vor gut drei Jahrzehnten, als er begann, seinem Vater auf dem Feld zu helfen, lag Matafo am Ufer des Tschadsees. „Wir hatten soviel Wasser wie wir wollten. Heutzutage müssen wir graben, um Wasser zu finden und mit jedem Jahr tiefer“, sagt er.

Erträge schrumpfen

Fruchtbare Felder haben sich in öde Erde verwandelt. Bularis Erträge sind drastisch geschrumpft. Vor zehn Jahren erntete er 5.000 Kilo Getreide pro Hektar. Heutzutage bringt er nur knapp die Hälfte ein. Seine Kühe, die täglich durchschnittlich zehn Liter Milch gaben, geben jetzt nur noch zwei. Bulari, der drei Ehefrauen hat, sagt die meisten seiner 15 Kinder sind unterernährt. Vier musste er bereits beerdigen. „Wir essen hauptsächlich Getreidebrei. Sogar als Bauer kann ich mir kein Gemüse oder Fleisch leisten“, klagt er.

Auf Regen kann er sich auch nicht verlassen. Laut Berichten von Bauern hat es in der Gegend um Bol in diesem Jahr zum ersten Mal seit zehn Jahren geregnet. Doch dies half Landwirten wenig: sintflutartige Niederschläge zerstörten Felder und spülten die Saat aus dem Boden.

Nahrungsmittelpreise steigen

In andren Provinzen Tschads sieht es kaum besser aus. Getreideproduktion in der Sahelregion verringerte sich in der Erntesaison 2009/2010 um 34 Prozent. Nahrungsmittelpreise schossen aufgrund erhöhter Nachfrage in den Himmel.

„Falls sich die Lebensbedingungen in der Sahelzone weiter aufgrund von klimatischen Veränderungen verschlechtern, wird die Region die derzeitige Anzahl von Menschen nicht länger ernähren können. Dies könnte zu einer Masse von Klimaflüchtlingen führen“, warnt Jean-Luc Siblot, Landesdirektor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) im Tschad.

Um dies zu verhindern, müsse die Agrarpolitik des Landes dringend überholt werden, besonders Wassermanagement betreffend, sagt er. Siblot glaubt, die Sahelzone habe Potential, ausreichende landwirtschaftliche Erträge zu erbringen, wenn die bestehenden Wasservorräte besser verwalten würden. Inmitten ihrer sandigen Dünen liegen beispielsweise hunderte von Oasen, die landwirtschaftlich genutzt werden könnten. Doch weniger als zehn Prozent der Bevölkerung at Zugang zu dem fruchtbaren Land, das einer privilegierten Minderheit gehört.

Selbst die Kamele sterben

In Zusammenarbeit mit der Welternährungsorganisation (FAO) will WFP dies ändern und die landwirtschaftliche Bebauung in Oasen fördern. „Wir sind im Begriff, mit den Eigentümern der Oasen Nutzungsrechte zu verhandeln, sodass viele arme Kleinbauern, deren Felder verdorrt sind, Äcker in Oasen mieten können“, sagt Belembaye Tongongar, Leiter der FAO- Kriseneinheit im Tschad.

Adji Goukouni, stellvertretendes Oberhaupt des Dorfes Mampel, das am Rande der Sahelzone liegt, hofft, dass die Verhandlungen werden bald positive Ergebnisse bringen werden. Denn mit jeder Dürreperiode dringt die Sahel ein kleines Stück weiter vor. „Wir haben nichts zu essen, denn es ist seit Jahren zu trocken, um Getreide anzupflanzen”, klagt der 71jährige, der im Schatten seines klapprigen Strohhauses sitzt. “Der Großteil unserer Viehbestände ist verhungert. Sogar unsere Kamele sind tot.”

 

Bild: Frauen reiten auf Eseln durch die verdörrte Landschaft am Rande der Sahelzone. Es hat seit Jahren nicht mehr geregnet. (Kristin Palitza)

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