Amerikaner zu arm zum Heiraten

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Geschrieben von: John Dyer, Boston 30.12.10
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Die zwar offiziell beendete aber gefühlt fortdauernde grosse Rezession in den USA wirkt sich auf das tägliche Leben der Amerikaner aus. So ist der Anteil der Menschen, die landesweit unter der Armutsgrenze leben, 2009 auf 14,3 Prozent gestiegen.

Patricia Alulema wird ihren Freund nicht heiraten. Und das, obwohl beide schon seit mehr als einem Jahr ein Paar sind und er auf Hochzeit drängt. Patricia wohnt in Newark, auf der anderen Seite des Hudson River, der New York und New Jersey teilt. Keine besonders gute Gegend. Aber man lebt. Und man will von dort fort. So auch Patricia Alulema, die als Producerin in einem Fernsehsender in Manhattan einen  festen Job hat. Ihr Freund hat keinen, er ist freier Filmemacher. Und das ist das Problem. Denn er hat in den Tagen der Krise nur noch selten Aufträge.

Immer mehr Unverheiratete

„In dieser Unsicherheit kann ich nicht leben“, bekennt Alulema freimütig. „Wenn ich heirate, dann will ich in der Lage sein, ein Haus zu kaufen und Kinder zu haben. Er sagt, wir könnten in seinem Appartement zusammenleben. Aber das ist nichts für mich.“ Die Fernsehmacherin steht mit ihrer Meinung nicht allein. Sie passt in den Trend, der sich seit Beginn der Rezession – der Grossen Rezession, wie man jetzt allgemein in den USA sagt – beschleunigt hat. Aus dem vorgelegten Bericht für 2010 des U.S. Census (US-Bundesrechnungshof) geht hervor, dass die Zahl der Eheschliessungen 2009 auf ein Rekordtief gesunken ist. Nur noch 52 Prozent der Erwachsenen im heiratsfähigen Alter fanden vergangenes Jahr den Weg zu Traualtar oder Standesamt. Vor zehn Jahren lag die Zahl der Eheschliessungen noch bei 57 Prozent. Weniger die Hälfte der amerikanischen Frauen wie Patricia Alulema sind verheiratet. Das ist der niedrigste Stand seit Beginn der Erhebungen des U.S. Census. Mehr als 46 Prozent der Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren sind unverheiratet, verglichen mit nur 34 Prozent im Jahre 2000.

Kurze Krise – langfristige Folgen

„Die Menschen sind verunsichert, haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Und viele haben ihre Jobs verloren“, sagt Bevölkerungswissenschaftler Mark Mather vom Washingtoner Forschungsinstitut Population Reference Bureau. „Zu Heiraten ist offenbar ein grosser Schritt. Wenn man sich nicht sicher für seine Zukunft fühlt, dann macht es Sinn, wenn man eine derart wichtige Entscheidung verschiebt.“
Der Rückgang der Eheschliessungen ist nur eines der gesellschaftlichen Nachbeben der grossen Krise seit dem Beinahezusammenbruch der Wall Street 2008 in den Vereinigten Staaten. Auch wenn die Rezession offiziell seit einem Jahr vorbei ist, so bleibt das Leben für die Amerikaner schwierig und die Zahl der Arbeitslosen will und will nicht sinken, scheint sich an den Zehn-Prozent-Marke festzuklammern.
„Dies ist eigentlich eine kurze Krise. Aber sie verändert die langfristigen Erwartungen“, sagt der Soziologe Robert Lang von der Universität Nevada-Las Vegas. „So wie die Grosse Depression noch in die Jahre nach dem Weltkrieg nachgewirkt hat, kann diese tiefe Rezession mehrere Jahrzehnte dieses Jahrhunderts beeinträchtigen.“

Einkommen der Haushalte sinkt

Das mittlere Haushaltseinkommen ist in den USA von 51.730 Dollar in 2008 auf 50.220 Dollar in 2009 gefallen – um fast drei Prozent. Die Armut ist auf ihr schlimmstes Niveau in 51 Jahren angewachsen. 2009 lebten in den Vereinigten Staaten knapp 44 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze. Ein Jahr zuvor lag diese Zahl 2008 noch bei unter 40 Millionen. Die Zahl für die gesamten USA liegt bei 14,3 Prozent. Besonders schlecht ist die Situation in den Südstaaten. In Mississippi leben 21,9 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze. Ähnlich ist die Lage in anderen Bundesstaaten mit einem hohen Anteil an afroamerikanischer Bevölkerung wie die Hauptstadt Washington, Kentucky, Arkansas und South Carolina.

„Rezession macht USA kleiner“

Die Schere zwischen den Gutverdienenden und Normalbürgern wird ebenfalls immer weiter. Amerikaner mit einem Jahreseinkommen von mehr als 100.000 Dollar – die obersten 20 Prozent der Beschäftigten – haben 2009 fast die Hälfte des Volkseinkommens verdient, die unteren 20 Prozent gerade 3,4 Prozent.
Das Verhältnis von Topverdienern zu den Geringverdienern hat sich ebenfalls von 2008 zu 2009 verändert: von 13,5 zu eins auf jetzt 14,5 zu eins. Der Abstand hat sich gegenüber 1968 fast verdoppelt. Damals verdienten die Reichsten für jeden Dollar eines Armen 7,70 Dollar.
Andere Statistiken zeigen, wie sehr die Amerikaner ihre Ansprüche zurückschrauben. In den Haushalten gibt es weniger Autos. Früher war es üblich, für einen neuen Job auch umzuziehen. Heute bleibt man lieber am Ort. Viele Menschen versuchen auch, von zuhause aus zu arbeiten, nicht als Selbständiger, der ein eigenes Geschäft aufbaut, sondern als freier, und damit wenig gesicherter, Mitarbeiter über das Internet. „Die Rezession ändert das Verhalten“, sagt Demograph Lang. „Sie macht Amerika kleiner.“

 

Bild: Aus dem Bericht für 2010 des U.S. Census (US-Bundesrechnungshof) geht hervor, dass die Zahl der Eheschliessungen 2009 auf ein Rekordtief gesunken ist. Nur noch 52 Prozent der Erwachsenen im heiratsfähigen Alter fanden vergangenes Jahr den Weg zu Traualtar oder Standesamt. (ZvG)

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