In Washington ist der Eisbär los

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Geschrieben von: John Dyer, Boston 27.12.10
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Zwischen Umweltschützern in den USA und der Öl-, Gas- und Energiewirtschaft wird heftig um den Eisbären gestritten. Die Regierung will, dass er nur „bedroht“, aber nicht „vom Aussterben bedroht“ ist. Dann muss sie nicht handeln.

Präsident Barack Obama hat sich mit einer weiteren Entscheidung zum Festhalten an einer Regelung aus der Amtszeit seines Vorgängers George W. Bus den Ärger seines linken Parteifreunds eingehandelt. Diesmal kommt aber noch der Zorn der Umweltschützer hinzu, die von ihm eine durchgängig „grüne Politik“ erwartet hatten. Konkreter Anlass ist die Einstufung der Eisbären als „bedroht“, nicht aber als „vom Aussterben bedroht“. 

Regierung Obama will nicht handeln

Der für den Schutz bedrohter Tierarten zuständige „United States Fish and Wildlife Service“ stellte in dieser Woche in einem Gerichtsverfahren fest, dass die Eisbären nach dem Gesetz zum Schutz bedrohter Tierarten von 1970 nur „bedroht“ seien. Damit vermeidet die Regierung Obama, noch vor der Einführung eines Emissionshandels zur Schadstoffreduzierung der Industrie weitere Auflagen zum Schutz der Eisbären zu machen. Die wären weitgehend, weil alles, was das Klima beeinträchtigt, zur Erderwärmung, damit zum Abschmelzen des nordpolaren Eises und in der Folge zum Verschwinden des Lebensraumes für Eisbären führen könnte. 

Emissionshandel im Senat gestoppt

Ein System des Handels mit Emissionsrechten für Schadstoffe nach europäischem Muster würde auch nach Meinung der Umweltschützer langfristig den bedrohten Weißen Bären helfen. Das Abgeordnetenhaus hat dem entsprechenden Gesetz nach Vorlage aus dem Weißen Haus längst zugestimmt. Der Vorgang liegt allerdings im Senat fest und kann erst im kommenden Jahr vom neu konstituierten Kongress behandelt werden. Für 2010 haben sich beide Häuser des Kongresses am Mittwoch vertagt.

Der staatliche Fischerei- und Wildtiere-Dienst argumentiert bei seiner Entscheidung, die aus der Bush-Ära stammende Gefährdungseinstufung der Eisbären unverändert beizubehalten: „Die Biologen sind 2008 zu dem Schluss gekommen, dass der Eisbär keinen akuten und katastrophalen Gefährdungen ausgesetzt ist.“ Es gebe noch eine große und weit verstreut lebende Eisbärenpopulation. Von kritisch geringen Bestandszahlen könne keine rede sein.

Das Gericht hat sich mit einer Klage von Umweltschützern zu befassen, die eine Einstufung der Bären als akut vom Aussterben bedroht verlangen.

Regierung müsste Ursachen erforschen

Bei der höheren Einstufung muss nicht nur die Industrie in ihrem unmittelbaren Einzugsbereich die Eisbären schützen. Dann muss auch die Bundesregierung in Washington die Ursachen für das vermutlich bevorstehende Aussterben untersuchen, herausfinden und beseitigen. Im Grunde sind dann alle Industriezweige betroffen, die Treibhausgase absondern, weil die zur Erderwärmung und damit dem Wegschmelzen des Eises beitragen, auf dem die Eisbären sich ihre Robben fangen, um zu überleben.

Die amerikanische Industrie, vor allem Ölfirmen aber auch die mächtige, politisch konservative US-Handelskammer setzten alles daran, um es nicht zur dieser Kette von Zusammenhängen kommen zu lassen. „Die Wissenschaft ist nicht dazu da, eine Verbindung zwischen einzelnen Aktivitäten, der Industrie oder Anderer, und einem klar identifizierbaren Effekt auf das Meeres-Eis herzustellen“, argumentiert Analyst Richard Ranger vom amerikanischen Erdölinstitut. „Angesicht der Unmöglichkeit, einen Kausalzusammenhang zwischen dem Ausbau des Hafens von Los Angeles und dem Verlust an Meeres-Eis nachzuweisen, fragt man sich, warum sollen der US-Industrie weitere Auflagen aufgebürdet werden, aber der chinesischen Industrie nicht?“

Alaska stellt sich quer

Die Umweltschützer in den USA sind über die Haltung der Obama-Regierung schockiert. „Das ist eine verlorene Gelegenheit, das richtige zu tun“, sagt Umwelt-Anwältin Kassie Siegel aus Washington. Schließlich gingen auch Studien der Regierung von einer 80-prozentigen Chance aus, dass zwei Drittel des Weltbestandes der Eisbären aussterben könnten, in 40 Jahren.
Andere Umweltschützer und linke Demokraten sind befremdet darüber, dass Obama an der wirtschaftsfreundlichen Politik aus der Bush-Amtszeit festhalten will.

Konservativen Politikern wie dem republikanischen Gouverneur von Alaska, Sean Parnell, geht schon zu weit, was die Obama-Administration bisher zum Schutz des Eisbären, des größten Landraubtieres der Welt, tun will. Der Nachfolger von Sarah Palin in Alaska will sich gegen das Vorhaben Obamas stellen, 484 Quadratkilometer Schutzgebiet für die Eisbären einzurichten. Die Regierung in Washington masse sich wieder Zuständigkeiten an, die bei Alaska lägen und „unsere Gemeineigentum gefährden“, sagte Parnell. „Wir werden das nicht hinnehmen.“

 

Bild: Ausgewachsene Eisbären leben zwar die meiste Zeit auf dem Eis, doch sie sind auch vorzügliche Schwimmer. Dieses Bild von Flip Nicklin und Joseph S. Stancampiano war auf der Foto-Ausstellung „Die 100 besten Wildlife-Fotos“ von „National Geographic Deutschland“ zu sehen. (Flip Nicklin und Joseph S. Stancampiano, 1998)

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