Der Schweizer Gebäudepark muss rasch saniert werden, damit CO2-Emissionen sinken. Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) hat laut Gebäudetechniker Urs Rieder nun eine Strategie eingeläutet, nach der das Ziel der CO2-Senkung wichtiger als der Weg ist.
Yvonne von Hunnius: Wo sehen Sie die grösste Herausforderung bei der Sanierung des bestehenden Gebäudeparks der Schweiz?
Urs Rieder: Die grosse Masse der zu renovierenden Gebäude wurde zwischen 1950 und 1980 erstellt und liegt in dicht besiedeltem Gebiet. Und hier ist teilweise nicht möglich, die Gebäudehüllen so zu verändern, dass sie beispielsweise MINERGIE-P-Anforderungen entsprechen. Gemäss dem SIA-Transformationspfad ist das auch nicht das primäre Ziel, wohl aber muss das Ziel des kleinstmöglichen CO2-Ausstosses erreicht werden.
Yvonne von Hunnius: Doch niedriger Energieverbrauch bei Gebäuden führt auch zu geringem CO2-Ausstoss…
Urs Rieder: Es gibt zur Erreichung eines geringen CO2-Ausstosses ganz unterschiedliche Wege. Alle sind notwendig, weil die unterschiedlichen Gebäudekategorien ganz unterschiedlich angegangen werden müssen. Die energetische Sicht ist selbstverständlich eine zentrale. Bei den Gebäudesanierungen ist es jedoch einfacher und zielführender, liegt der Hauptfokus auf die CO2-Emissionen. Langfristig gehen wir davon aus, dass wir bei den Gebäuden praktisch nur noch Strom als Energieträger haben. In einem kleinen Randbereich wird Holz eine Rolle spielen – fossile Energieträger werden weitgehend eliminiert. Und beim Strom geht es darum: Wie viel brauchen wir und aus welcher Quelle kommt er?
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Yvonne von Hunnius: Und welches Instrument hilft nun, die CO2-Emissionen zu reduzieren?
Urs Rieder: In dem von uns erarbeiteten Diagramm wird nun eingetragen, wie viel Energie dem Gebäude zugeführt wird und welche CO2-Belastung die Energie hat. Das ergibt dann den Punkt, an dem mein Gebäude momentan steht und erkennbar ist der CO2-Ausstoss pro Quadratmeter Energiebezugsfläche. Das langfristige Ziel ist es, den CO2-Ausstos unter einen Wert von circa fünf Kilogramm CO2 pro Quadratmeter Energiebezugsfläche zu bringen. Diesen Weg erreiche ich durch eine Kombination aus Effizienzsteigerung (Reduktion der netto zugeführten Energie) und des Einsatzes von CO2-arm produzierten Energie. Dadurch eröffnen sich beliebig viele Wege, das Ziel zu erreichen.
Yvonne von Hunnius: Welche Mittel stehen hierfür abgesehen von einer optimierten Gebäudehülle zur Verfügung?
Urs Rieder: Das ist eine Frage der Gebäudetechnik, deren Möglichkeiten man in der Vergangenheit eher unterschätzt hat. Wenn man bei einem bestehenden Gebäude die Hülle so gut als möglich saniert und dann beispielsweise mit einer Erdsonden- oder Grundwasserwärmepumpe arbeitet, kommt man bereits sehr weit. Zudem ist bei der Betrachtung immer vom Gesamtenergieverbrauch inklusive Elektroenergiebedarf für Beleuchtung und Geräte auszugehen. Entscheidend ist dann, wie die elektrische Energie produziert wird. Wenn ich die Gebäudehülle nur bedingt sanieren kann und auch mit den technischen Massnahmen an Grenzen stosse, kann ein Ansatz sein, meine Zielsetzung trotzdem zu erreichen, wenn die erforderliche Energie ökologischer hergestellt wird.
Yvonne von Hunnius: Aber nicht jedes Haus kann mit Solarpanelen die elektrische Energie selber herstellen…
Urs Rieder: Es geht weiter, als die Energie vor Ort beispielsweise mittels Photovoltaik zu erzeugen. Es kann auch ein Ansatz sein, dass Anteilscheine für ökologische Stromproduktion gekauft, vergrundbucht und dem Gebäude zugewiesen werden. Damit steigt der Wert meiner Liegenschaft, ich habe sichergestellt, dass diese Energie produziert wird und das Gebäude entspricht einem höheren Energiestandard, als es vor Ort der Fall sein kann. Diese Öffnung der Grenzen hin zum Globalen und dennoch der fixen Zuteilung zum Gebäude eröffnet vielfältige Perspektiven ohne auf ambitiöse Zielsetzungen zu verzichten.
Yvonne von Hunnius: Welche Rolle hat der Transformationspfad im Rahmen des Regelwerkes der SIA?
Urs Rieder: Der Transformationspfad ist das Ergebnis einer Expertengruppe aus der Berufsgruppe Technik und Industrie des SIA’s. Dabei handelt es sich weder um eine Norm, noch will der Transformationspfad bestehende Normen wie den SIA Effizienzpfad konkurrenzieren. Die Absicht ist, bei der grössten Herausforderung, der Transformation des bestehenden Gebäudeparks in eine nachhaltige Zukunft, neue Handlungsperspektiven zu eröffnen und damit der Transformation mehr Schub zu geben. Zudem gibt es nun auch vermehrt Weiterbildungen des SIA in diesem Bereich. Und der Transformationspfad fliesst in Nachdiplomkurse ein, wie auch in die neue Weiterbildung CAS Gebäudesanierung der Hochschule Luzern. Er soll die Branche infiltrieren.
Yvonne von Hunnius: Wie verbindlich ist der SIA Effizienzpfad?
Urs Rieder: Verbindlich sind nur die gesetzlichen Vorgaben. Der Pfad ist nur eine Richtschnur. Damit kann man aber erreichen, dass die gesetzlichen Vorgaben immer weiter gehen. Die Stadt Zürich zum Beispiel hat sich die 2000-Watt-Gesellschaft zum Ziel gesetzt und deshalb baut er nur noch nach dem Effizienzpfad.
Yvonne von Hunnius: Ist der Effizienzpfad als Konkurrenz zu MINERGIE zu sehen?
Urs Rieder: Es ist ein ergänzendes Instrument. Man darf die Labels nicht gegeneinander ausspielen. Diese Werkzeuge haben letztlich dieselbe Zielsetzung: Ob Richtung Energieeffizienz oder CO2-Reduktion, das sind nur unterschiedliche Wege. Der Effizienzpfad nimmt einen breiteren Weg als MINERGIE und inkludiert Mobilität sowie graue Energie, während historisch gesehen MINERGIE eher auf Betriebsenergie, Heizen und Warmwasser setzt. MINERGIE ist einfacher, somit auch einfacher zu kommunizieren und hat eine unglaubliche Breitenwirkung erzielt, insbesondere bei Neubauten. Und bei MINERGIE-P sieht man, dass die Kriterien in vielerlei Hinsicht mit denen des Effizienzpfads deckungsgleich sind.
Yvonne von Hunnius: Reichen die bestehenden Instrumente, um die Branche zu CO2-Reduktion zu motivieren?
Urs Rieder: Die bisherigen werden nicht reichen, 30 Prozent bis 2020 zu reduzieren. Wir werden nicht umhin kommen, neue Steuerungsinstrumente sowie zusätzliche staatliche Anreize zu schaffen. Denn der Gebäudepark ist überproportional in der Pflicht. Je mehr Anreize kommen, desto stärker wird es ökonomisch interessant und es kann langfristig geplant werden. Ein einfaches Beurteilungstool wie das Diagramm des Transformationspfades, bei dem es um die CO2-Ausstoss pro Nutzfläche geht, könnte als als ganzheitliche Betrachtungsgrundlage dienen. Es ist nicht mehr relevant, ob ich die Ziele über die Gebäudehülle, bessere Wärmepumpen oder die Sicherstellung der ökologischen Stromproduktion erreiche. Es gilt abzuwägen, welches Mittel an welchem Ort das Beste ist. So hätte ich als Investor die Freiheit, wie ich es mache, ich muss es nur machen.
Yvonne von Hunnius: Sehen Sie jetzt schon einen positiven Trend in der Sanierungsrate?
Urs Rieder: Nein. Wir sind immer noch bei unter 1,5 Prozent viel zu tief. Es ist eine grosse Herausforderung, das zu beschleunigen. Denn es ist auch eine Frage der Ressourcen: Wir haben heute als Gebäudetechnikbranche gar nicht die Kapazität, das zu steigern, die gesamte Baubranche ist am Limit. Da ist Effizienzsteigerung dringend notwendig. Auch deshalb muss Ziel sein, die Transformation einfacher, modularer zu gestalten, sonst sind wir nicht in der Lage, die Sanierungsrate zu erhöhen.
Zur Person: Prof. Urs Rieder ist Leiter der Abteilung Gebäudetechnik der Hochschule Luzern - Technik & Architektur in Horw. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Fachgesellschaft für Haustechnik und Energie im Bauwesen des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA FHE) und Mitglied der Energie- und Bildungskommissionen des SIA.
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