In den USA ist die Rassentrennung in Wohngebieten wieder auf dem Vormarsch. In den Vororten der Grossstädte wohnen Weisse weiter zu drei Vierteln unter sich. Am deutlichsten ist die Trennung bei den Schwarzen, gefolgt von Hispanics und Asiaten.
Vicky Dang ist das Gesicht des neuen Amerika. Die aus Vietnam eingewanderte Vicky arbeitet als Apothekerin in Shrewsbury, einer schmucken kleinen Stadt, etwa 50 Kilometer westlich von Boston im Bundesstaat Massachusetts. Die nette Vietnamesin Anfang 30 ist beliebt bei ihren fast ausschliesslich weissen Kunden. Viele grüsst sie beim Hereinkommen mit Namen. Sie kennt ihre Kunden, weiss von gebrechlichen Eltern, kranken Kindern und von den Plänen für die nächsten Ferien.
Aber Vicky Dang lebt nicht unter ihren weissen Kunden. Sie wohnt einige Meilen weiter westlich in Worcester, einer Stadt mit 200.000 Einwohnern. Dort ist es nicht so schön wie in Shrewsbury, aber es gibt hier billige Wohnungen. Als sie vor vielen Jahren in die Vereinigten Staaten kamen, zogen ihre Eltern hier her. Und Vicky will dort bleiben. „In Shrewsbury ist alles so adrett”, sagt sie. „Dort könnte ich nicht leben. Es ist so langweilig. In Worcester gibt es mehr Menschen, aus Vietnam, Afrika, Albanien.”
Es liesse sich darüber streiten, ob Shrewsbury wirklich so langweilig ist. Aber Dangs Entscheidung, nicht in einer fast ausschliesslich aus Weissen bestehenden Gemeinde zu wohnen, scheint ein Verhaltensmuster anderer Immigranten in den vergangenen fünf Jahren gewesen zu sein. Das jedenfalls geht aus den Zahlen hervor, die das U.S. Census Bureau in dieser Woche veröffentlicht hat. Die Zahlen sind die jüngsten veröffentlichten Daten des Statistikamtes über die demographische Entwicklung in den USA.
Weisse leben zu 79 Prozent unter Weissen
Seit dem Jahr 2000 haben sich die ethnischen Gruppen demnach weiter auseinander gelebt. Die meisten weissen Familien leben weiterhin weit entfernt von den Vierteln der Schwarzen und der Zuwanderer aus Lateinamerika, den Hispanics, und der Asiaten. In einem Viertel der 100 grössten Städte der USA wurde die Rassentrennung zwischen Weiss und Schwarz in den vergangenen fünf Jahren deutlicher, ermittelte U.S. Census. In der Hälfte der Städte wurde auch die Trennung zwischen Hispanics und Weissen verschärft. Ähnliches gilt für die Asiaten. In drei Vierteln der Städte ist die Rassentrennung nach Wohngebieten so deutlich wie vor hundert Jahren, vor dem Beginn der Bürgerrechtsbewegung.
„Im Durchschnitt stellen die Weissen, da wo sie leben, auch die grosse Mehrheit. Und die Schwarzen und Hispanics ebenfalls in ihren Vierteln”, sagt der Soziologe John Logan von der Brown University, der die Census-Zahlen ausgewertet hat. „Das legte nahe, dass das ganze Gerede von einer post-rassistischen Gesellschaft keine Bedeutung hat, wenn es ums Wohnen geht.” Die Zahlen des Statistikamtes seien überraschend, erklärt Logan. Denn sie zeigten, dass die Integration seit 80er Jahren keine Fortschritte mehr gemacht hat. Heute lebten Weisse Amerikaner in Umgebungen, die zu 79 Prozent weiss seien. 2000 lag der Durchschnitt bei 81 Prozent, 1980 bei 88 Prozent.
Der Ghetto-Gürtel
Mittelgrosse Städte wie Worcester mit schwierigem sozialem Umfeld in Zeiten hohe Arbeitslosigkeit sind besonders anfällig für ein Auseinanderleben der Bevölkerungsgruppen. Sie bieten zwar billige Wohnungen, aber nur wenig Arbeitsplätze als blühende Gemeinden wie Shrewsbury. Das Census Bureau ermittelte Detroit, Milwaukee und Syracuse im Bundesstaat New York als Städte mit besonders auffälliger Rassentrennung. Soziologe Logan spricht sogar von einem „Ghetto-Gürtel”, der sich durch die Gebiete ziehe, wo in den letzten Jahren die Industrie abbaute oder zusammenbrach.
In den Städten des Sonnengürtels, wie Atlanta, Honolulu oder Miami gibt es weniger Rassentrennung nach Wohngebieten. Ihr rasches wirtschaftliches Wachstum ermöglichte es vor allem den, dadurch etwas wohlhabenderen Immigranten, sich auch in oder nahe den überwiegend von Weissen bewohnten Vierteln niederzulassen. Logan sieht in der Trennung der Wohngebiete auch einen historischen Trend. „Immigranten rücken ganz natürlich lieber mit Ihresgleichen zusammen”, sagt der Soziologe. Das gelte für Latinos wie für Asiaten Dass die Schwarzen noch immer mehrheitlich zusammen wohnten sei ein Relikt aus der Zeit strikter Rassentrennung.
Bild: Focus Missions
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