Cleantech ist in Fahrt

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 13.12.10
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Der Wirtschaftsverband swisscleantech ist gerade mal ein Jahr alt. Doch er hat bereits im Parlament die Debatte über den CO2-Ausstoss der Schweiz mitgeprägt und die Global Cleantech Cluster Association mit gegründet. Präsident Nick Beglinger sieht Cleantech weltweit weiter im Aufwind.

Yvonne von Hunnius: Was hat swisscleantech im ersten Jahr erreicht?

Nick Beglinger:Einiges! Wir konnten uns als Stimme der nachhaltigen Wirtschaft etablieren und werden zunehmend nach unserer Meinung gefragt. Der Beschluss des Nationalrates zum 20-Prozent-CO2-Reduktionsziel bis 2020 ist auch dank unseres Einsatzes zustande gekommen. Zum ersten Mal haben sich über 70 Schweizer Firmen in einem Zeitungsinserat für ein ambitioniertes Klimaziel eingesetzt. Auch haben wir mit der Cleantech Strategie Schweiz ein Dokument vorgelegt, das die Inhalte des Masterplan Cleantech Schweiz des Bundes sichtbar mitgeprägt hat.

Nebst nationalen Erfolgen konnten wir auch international unsere Fühler ausstrecken, so gehört swisscleantech zu den Gründungsmitgliedern der Global Cleantech Cluster Association (GCCA). Auch arbeiten wir an verschiedenen, attraktiven Referenzprojekten - wie die Green Embassies, das Swiss Village, und einige mehr!

Das Wichtigste für mich persönlich ist zu merken, dass langsam aber sicher ein Umdenken stattfindet und unsere Standpunkte von anderen Akteuren aufgenommen werden. Der Bund bezeichnet in seinem Masterplan Cleantech als Chance, als Erfolgsfaktor für den Schweizer Werkplatz und als Qualitätsmerkmal für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Zudem betont er die Wichtigkeit von Regulationen und Rahmenbedingungen für Cleantech-Innovation. Immer mehr Firmen merken dies auch und sehen neue Regeln durchaus als sinnvoll an. Sie erkennen, dass auch für die Wirtschaft eine neue Partnerschaft mit der Regierung der richtige Weg ist. All dies haben wir bereits bei unserer Gründung vor einem Jahr im Brief an die Parlamentarier verkündet.

Yvonne von Hunnius:swisscleantech ist klein und neu. Welche Vorteile und welche Nachteile kann das bergen?

Nick Beglinger:Vorteile sind sicherlich eine grössere Flexibilität, mehr Transparenz und die Möglichkeit, schneller und dynamischer zu handeln. Die Nachteile sind etwa, dass wir bisher erst einen kleinen Teil der Wirtschaft vertreten und daher noch nicht genügend Gewicht haben. Als Neuling ist man nicht selbstverständlich im Entscheidungsprozess integriert und muss sich überall zuerst beweisen und einbringen. Zum Beispiel wendet sich die Verwaltung aus Gewohnheit bei Wirtschaftsfragen und Wirtschaftsdelegationen in erster Linie an die economiesuisse  - sie muss sich nun Fragen, ob dies in allen Fällen adäquat ist. 

Yvonne von Hunnius:Wie sehen Sie das Verhältnis von swisscleantech zu economiesuisse? Die Diskussionen auf Podien sind zumindest immer sehr anregend…

Nick Beglinger:Dies ist auch gut so und wichtig für die Bündelung der Kräfte in der Schweiz. So was wie Feindschaft gibt es nicht. In der Tat stimmen wir in zahlreichen Punkten mit economiesuisse überein und sind froh über die Arbeit einer immer noch ungefähr 20 mal grösseren Organisation. Uns fehlen eben auch noch die Mittel, um alle Politikthemen abzudecken. Wir fokussieren uns auf diejenigen Punkte, die wir als zentral erachten und bei denen unseres Erachtens economiesuisse nicht im Interesse einer zukunftsfähigen Schweizer Wirtschaft handelt.

Dort widersprechen wir - und machen das auch glasklar - wie beim CO2-Gesetz. Dort ist es wichtig für die Meinungsbildung, dass wir eine neue Sichtweise deutlich aufzeigen, wir auch mal vorne liegen und die anderen nachziehen. Es ist für uns schön zu sehen, wie economiesuisse auch von 'Cleantech' und 'grüner Wirtschaft' zu reden beginnt, Mitte Jahr eine 'Umwelt- & Technologie Gruppe' gegründet hat und derzeit auch eine Studie zum Thema plant.

Yvonne von Hunnius:Der Verband hat inzwischen 160 Mitglieder. Sind Sie schon zufrieden damit?

Nick Beglinger:Nein. Bezüglich Mitglieder werde ich wohl nie zufrieden sein. Es sind noch zu wenige - und viele Firmen, von denen ich sehr viel halte und die für uns eine grosse Bereicherung darstellen würden, sind noch nicht Mitglied. Wenn man aber bedenkt, dass wir als ganz junger Verband in einem neuen Themenfeld in rund eineinhalb Jahren von null auf 160 Mitglieder anwachsen konnten, bin ich zufrieden.

Yvonne von Hunnius:Aber bisher sind kaum grosse Unternehmen dabei. Ist Trägheit der Grund oder haben diese Akteure selbst genug Einfluss?

Nick Beglinger:Diese Faktoren spielen in der Tat eine Rolle. Als Verband sind wir auch nicht billig und mit einem Beitritt positioniert sich eine Firma klar. Beides trägt dazu bei, dass auch in grossen Firmen eine Beitrittsentscheidung in den allerhöchsten Rängen getroffen wird. Bezogen auf die Mittel und Einfluss hätten wir sicher gerne mehr grosse Mitglieder. Aber mit Playern wie SIG, EWB, ABB, Tetrapak, Cisco, Doodle, Biketec und anderen sind wir bereits nicht schlecht unterwegs.

Bei kleineren und grösseren Firmen spielt aber auch die Schweizerische Mentalität - zuerst mal beobachten - sicherlich eine Rolle. Wir sind mit immer mehr kleinen, mittleren und grossen Firmen in Kontakt und spüren deren Bedürfnis nach einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik ganz klar. Ich bin daher zuversichtlich, dass wir betreffend Firmengrösse und Mitgliederzahl uns kontinuierlich steigern werden. Die baldige Unterstützung einiger Grossen, mit denen wir schon ein Weilchen in Kontakt sind, wäre auf jeden Fall sehr hilfreich!

Yvonne von Hunnius:Der Verband vertritt Schweizer Unternehmen im Ausland und führt Referenzprojekte. Wird er in der Hinsicht nicht von der Osec-Exportplattform Cleantech überflüssig gemacht?

Nick Beglinger:Grundsätzlich geht es hier nicht ums 'Überflüssigmachen', sondern darum, wer im Interesse der Schweizer Firmen und insbesondere der KMU handelt. Das heisst, wer das entsprechende Cleantech Wissen hat, wer die relevanten Cleantech Players (wozu Firmen, Unis, Regierungen, Experten zählen) kennt, auf welche Märkte man fokussiert und wie man Marktentwicklung betreibt. Bei uns ist Exportförderung eine von vielen Dienstleistungen, die wir unseren Mitgliedern bieten. Wir betrachten unsere Aktivitäten in erster Line auch nicht als 'Exportförderung' sondern als Gesamtpaket von Tools, Netzwerk- und Projektmanagement rund um Cleantech im Interesse unserer Mitglieder.

Wir sind auf Informationen und Unterstützung der Osec angewiesen wenn es um internationale Märkte geht, um Formalitäten und anderes. Aber ebenso ist die Osec auf Ansprechpartner aus der Wirtschaft wie auch swisscleantech angewiesen. Nur so und gemeinsam können Firmen effizient unterstützt werden. Für Osec, ebenso wie für die Plattform, gilt und ist auch so in den jeweiligen Leistungsaufträgen definiert, dass sie keinen privatwirtschaftlich bereits angebotenen Service mit ihren staatlichen Mitteln konkurrenzieren dürfen. Mit der Osec wäre eine Zusammenarbeit klar geregelt. Für die Plattform Cleantech Switzerland ist das etwas schwieriger. Ich bin ja selbst im Vorstand und mache mich da manchmal leider unbeliebt!

Wir möchten in Zusammenarbeit mit der Osec eine optimale Exportförderung für die Schweizer Cleantech Firmen erreichen. Als Präsident von swisscleantech und Mitglied des Verwaltungsrates der Exportplattform setze ich mich dafür ein, dass dies umgesetzt wird.

Yvonne von Hunnius:swisscleantech hat die Gründung der Global Cleantech Cluster Association massgeblich mitgetragen. Warum?

Nick Beglinger:Cleantech ist in Fahrt, in der Schweiz und international. Im Interesse der nachhaltigen Entwicklung und unserer Mitglieder gilt es in erster Linie, die nationalen Märkte untereinander zu vernetzen. Das ist die effizienteste 'Exportförderung' - man bringt die Firmen zusammen und lässt sie untereinander direkt walten. Da Cleantech sich dermassen rasant entwickelt und die einzelnen Märkte derart wachsen, darf sich die Schweiz von möglichen Wettbewerbern nicht abgrenzen. Es geht vielmehr darum, vorne dabei zu sein, die Richtung der Entwicklung zu lenken und so zu profitieren. Dies ist wiederum nur in Zusammenarbeit mit anderen zu erreichen. Die globalen Herausforderungen sind zu gross und zu wichtig, um sie im Alleingang anzupacken. GCCA ermöglicht global eine effiziente Vernetzung - und somit Innovation.  Durch swisscleantech ist die Schweiz Gründungsmitglied von GCCA (in Partnerschaft mit Finnland und den USA). Wir können GCCA prägen und gestützt auf deren Netzwerk Schweizer Cleantech Firmen neue Möglichkeiten eröffnen.

Yvonne von Hunnius:Das erste Jahr bedeutete auch „von Kopenhagen nach Cancun“ – wie bewerten Sie die Konsequenzen von Cancun in Schweizer Perspektive?

Nick Beglinger:Für swisscleantech gibt es nach Cancun und nach der peinlichen Positionierung im neuen Germanwatch-Klimaschutz-Index, wo die Schweiz Rang 13 erreichte, klar Handlungsbedarf. Der Vorschlag von swisscleantech ist: 20 Prozent Inland und 20 Prozent Auslandsreduktion bis ins Jahr 2020. Unglaublicherweise propagieren einige Entscheidungsträger immer noch die 10/10-Lösung, obschon sie zu zwei Grad ja sagen und erfreulicherweise jetzt auch wirtschaftliche Chancen sehen. Auch im Parlament ist unseres Erachtens noch zu wenig Entschlossenheit vorhanden. Mit einer, für die Wirtschaft klar gangbaren Politik mit Zielen und Rahmenbedingungen können wir die Schweiz auf dem Weg von Cancun nach Durban auf Platz Eins des Klimaschutz-Indexes plazieren - und werden wirtschaftlich davon profitieren. Was viel für unsere Glaubwürdigkeit bedeuten und die Schweizer Stärken mit dem Cleantech Potential verbinden würde!

Yvonne von Hunnius:Und was sind Ihre anderen Ziele im nächsten Jahr?

Nick Beglinger:Wir machen uns an die Umsetzung der Cleantech Strategie Schweiz - und nehmen kontinuierlich Trends und Mitglieder-Feedback auf. Wir stärken unsere Mitgliederbasis und bauen das Dienstleistungsangebot kontinuierlich aus. Wir möchten Input für den Masterplan liefern und an der Umsetzung der Massnahmen mithelfen. Wir fokussieren uns auf Investment & Innovation, Energie, Bauen, Stadtplanung sowie Mobilität.

Bei der Energie wird sich das KKW Thema zuspitzen. Für uns liegt der Schwerpunkt klar bei Cleantech-Lösungen, also pro Erneuerbare und Effizienz. Ein genauso wichtiger Punkt ist die Versorgungssicherheit.  Vor diesem Hintergrund kommt allenfalls eine Verlängerung bestehender KKW in Frage, jedoch kein Neubau. Ebenfalls ist eine Steuerreform prüfenswert, wobei hier für energieintensive Branchen im Exportbereich Lösungen auf internationaler Ebene gefunden werden müssen. Dem Thema gebührt grosse Wichtigkeit. Allein in der Atomfrage geht es um beinahe 30 Milliarden - Geld das mit Blick in die Zukunft investiert werden soll.

Und natürlich hoffen wir, dass die Schweiz mit einem neuen Mandat nach Durban kann und swisscleantech einen Beitrag an COP-17 leisten kann.

Yvonne von Hunnius:Zu guter Letzt: Würden Sie sich je einen Offroader zulegen?

Nick Beglinger:Obwohl swisscleantech den Gegenvorschlag zur Offroader Initiative unterstützt, kommt für mich als Stadtzürcher und Velofan ein Offroader nicht in Frage. Bei privater motorisierter Mobilität setze ich klar auf Elektro und freue mich auf meinen erstes eMobil.

 

Zur Person:
Nick Beglinger ist Initiant und Präsident von swisscleantech. Er ist zugleich Präsident der Foundation for Global Sustainability in Zürich. Beglinger war zuvor Managing partner der Zürcher Planungsfirma Maxmakers. Nach dem Studium an der London School of Economics war Beglinger für die Beratungsfirma McKinsey tätig und länger Zeit in Asien.

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