In Südafrika werden jährlich tausende Neugeborene von ihren Eltern ermordet, Tendenz steigend. Armut, sexuelle Gewalt und die Immunschwäche AIDS tragen dazu bei. Zumindest die Provinz Westkap will jetzt handeln.
Eine junge Frau blickt mit tränenüberströmten Gesicht in die Fernsehkamera. Jemand habe ihr Neugeborenes aus dem Krankenhaus entführt, lamentiert die 17jährige. Ganz Südafrika ist von Mitgefühl überwältigt und sucht nach dem Täter. Doch einige Tage später stößt die Polizei auf den Leichnam des Babys unter einem Haufen Wellblechplanen in der Nähe des Hauses der Mutter. Damit wird klar, dass die Jugendliche ihr eigenes Baby getötet hat.
Das ist kein Einzelfall. Die Zahl junger Mütter, die ihre Babys nach der Geburt buchstäblich auf den Müll werfen, steigt in Südafrika drastisch an. In diesem Jahr wurden mehr als 500 Neugeborene allein im Raum Kapstadt von ihren Müttern getötet. Obwohl keine landesweiten Statistiken dazu erhältlich sind, glauben Experten dass Hunderte, wenn nicht Tausende von Neugeborenen jedes Jahr von ihren Eltern getötet werden. Die kleinen Körper werden regelmäßig auf Müllhalden, in Mülleimern, Gullys, öffentlichen Toiletten oder in Abwasserkanälen „entsorgt“. In einigen Teilen des Landes mussten Müllmänner bereits therapiert werden, nachdem sie mehrfach tote Babys in Müllsäcken fanden.
Provinz Westkap ist alarmiert
Die Oppositionspartei Demokratische Allianz (DA), in der Provinz Westkap an der Macht ist, hat diese Woche einen Dringlichkeitsgipfel abgehalten. Politiker, Gesundheits- und Bildungsexperten, Sozialarbeiter und Polizisten kamen zusammen, um die Ursachen zu diskutieren und Lösungen zu finden. Patricia de Lille, Sozialentwicklungsministerin der Provinz, nannte den Trend eine „Plage“ die schnellstmöglich ausgerottet werden müsse. „Wir leben in einer funktionsgestörten Gesellschaft“, sagte die Politikerin. „Dies ist eine Notsituation. Die hohe Anzahl von ermordeten Neugeborenen ist überaus alarmierend. Wir brauchen energische und praktische Methoden, um die Situation ein für alle Mal zu ändern. Ein totes Kind ist eines zu viel.“
De Lille geht davon aus, das bislang nur Spitze des Eisbergs sichtbar ist. Für jedes ermordete Baby, über das die Medien berichten, gebe es mindestens 50 weitere getötete Kinder, deren Leichname nie gefunden werden, glaubt sie.
Sozialgefüge gestört
Hilfsorganisationen rätseln über die Gründe. „Ein Kind einfach auf den Müll zu werfen, steht im drastischen Gegensatz zur menschlichen Natur. Es muss etwas ganz schrecklich schief gelaufen sein im südafrikanischen Sozialgefüge“, sagt Niresh Ramklass, Leiter der Kinderschutzorganisation Child Welfare.
Die Regierungspartei ANC verurteilte Kindermord ebenfalls. „Wir wollen eine fürsorgliche Gesellschaft aufbauen. Es kann daher nicht sein, dass Eltern ihre ungewollten Kinder einfach wegschmeißen“, sagte ANC Gauteng Pressesprecher Dumisa Ntuli, Pressesprecher des ANC in der Provinz Gauteng, zu der auch die Metropole Johannesburg gehört.
Gewalt und Armut
Ein wichtiger Grund ist die hohe Anzahl jungendlicher Mütter. Jede dritte Frau unter 20 ist mindestens einmal schwanger. Obwohl es im öffentlichen Gesundheitssystem zumindest theoretisch kostenfreien Zugriff zu Verhütungsmethoden gibt, Abtreibungen legal sind und Babys zur Adoption freigegeben werden können, wissen viele junge Frauen nicht darüber Bescheid. Auch der verbreitete Missbrauch und Vergewaltigungen führen zu ungewollten Schwangerschaften.
In einem Land, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt, glauben viele Mütter, dass sie kein Geld haben, um Kinder aufzuziehen. Kindergeld von monatlich 25 Euro, dass das Sozialamt zur Verfügung stellt, reicht nicht lange. Allein ein Liter Milch kostet 1.25 Euro.
Behörden müssen zusammenarbeiten
Es überrascht wenig, dass Depression, Verzweiflung und Angstzustände weit verbreitet sind. „Depression ist Südafrikas schleichende Seuche. Ein Drittel aller Mütter leidet unter Schwermut und Angst“, sagt Dr. Simone Honikman, die in der Abteilung für Psychiatrie an der Universität Kapstadt arbeitet. Armut und Depression bildeten einen Teufelskreis. „In Entwicklungsländern ist Depression unter Müttern weitgehend verbreitet, zwischen 30 und 47 Prozent, während in Industrieländern nur 10 bis 15 Prozent von Müttern an Depression leiden“, sagte sie.
Auch AIDS trage zu den Kindermorden bei, sagen Gesundheitsexperten. In Südafrika sind 18.1 Prozent aller 15- bis 49jährigen –sechs Millionen Menschen – mit dem Virus infiziert. „Viele junge Frauen finden heraus, dass sie HIV-positiv sind, wenn sie ihr erstes Kind gebären“, erklärte Kinderärztin Dr. Michelle Meiring.
Die einzelnen Behörden und Organisationen sind überfordert. Gesundheits-, Erziehungs-, Sozial- und Sicherheitsministerien müssen zusammenarbeiten, um das durchlöcherte soziale Netz des Landes zu stopfen. „Wir müssen die vorhandenen Finanzmittel bestmöglich aufteilen. Die Regierung muss in Arbeitsbeschaffung, Bildung, Gesundheit, Wohnungsbau sowie viele andere Faktoren investieren, die alle das Problem der Babymorde indirekt beeinflussen“, sagte de Lille.
Doch letztendlich müsse jeder Südafrikaner einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten. „Wir müssen die traditionell afrikanische ’Dein Kind ist mein Kind‛ Kultur wiederaufbauen.“
Bild: Kapstadt.org
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