Noch ist die Welt abhängig vom "schwarzen Gold". Und ob Erdöl eines Tages ersetzt werden könne, hänge von Preis, Technik sowie letztlich dem Konsumenten ab, sagt Rolf Hartl, Geschäftsführer der Erdöl Vereinigung Schweiz. Für internationale Öl- und Gasgesellschaften werde die Schweiz derweil immer attraktiver.
Raphael Corneo: Kritiker betrachten die Ölindustrie als Hemmschuh hin zu einer CO2-armen Energiepolitik. Wie gehen Sie damit um?
Rolf Hartl: Locker. Der Erdölverbrauch wird nicht durch unsere Industrie, sondern durch den Konsumenten bestimmt. Die Nachfrage nach fossilen Energien steigt wegen der Demografie und dem höheren Wohlstand an. Die Aufgabe der Energiewirtschaft ist nicht, Politik zu machen, sondern die Energienachfrage zu befriedigen, - mit bester Qualität, günstig, sicher und umweltverträglich
Raphael Corneo: Aber was entgegnen Sie den Kritikern?
Rolf Hartl: Ihnen entgegne ich beispielsweise, dass mehrere Ölgesellschaften zu den grössten Investoren im Bereich der erneuerbaren Energien zählen und sich somit für die Förderung von erneuerbarer Energie einsetzen.
Raphael Corneo: Welches Argument der Erdölwidersacher stört Sie am meisten?
Rolf Hartl: Speziell um das Öl ranken sich jede Menge Vorurteile. Das skurrilste, das ich manchmal zu hören bekomme, lautet, dass die Ölwirtschaft die Lösung des Energieproblems kenne, das "perpetuum mobile" und alle Patente aber unter Verschluss halte, weil wir weiter Öl und Gas verkaufen wollten.
Raphael Corneo: Was kann die Industrie tun, um das ramponierte Image wieder aufzuwerten?
Rolf Hartl: Ich glaube nicht, dass unser Ruf beim Mann auf der Strasse ramponierter ist als es Durchschnitt "der Wirtschaft" ist. Im Übrigen ist eine solche Branche wie die unsere keine PR-Veranstaltung. Unser Auftrag ist die funktionierende Versorgung der Schweizer Konsumenten mit Ölprodukten, zu gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch akzeptablen Bedingungen. Und diese Mission erfüllen wir sehr gut.
Raphael Corneo: Welche Rolle hat die Erdölindustrie denn generell in der Schweiz?
Rolf Hartl: Die Firmen, die physisch Öl in die Schweiz bringen, tragen zu einem der wichtigen Standortvorteile, nämlich einer kostengünstigen, sicheren Energieversorgung bei. In Punkto volkswirtschaftlicher Wertschöpfung geht aber die Post eher im Trading-Bereich ab, wo Plätze wie Genf und Zug international immer wichtiger werden. Und schliesslich scheint die Schweiz für internationale Öl- und Gasgesellschaften, die upstream tätig sind, immer attraktiver zu werden.
Raphael Corneo: Sind wir wirtschaftlich abhängig von der Erdölindustrie?
Rolf Hartl: Solange Ölprodukte hierzulande nachgefragt werden, zweifellos. Ein volkswirtschaftlicher Wertschöpfungsschlager ist die hiesige Ölindustrie – mit Ausnahme der erwähnten Trader – wohl kaum. Wir sind aber andersherum wohl noch stärker abhängig: Weil reichlich Petrodollars in unser Bankenystem und in unsere Exportwirtschaft, wie zum Beispiel der Uhren und Mem-Industrie, zurückfliessen. In einer globalisierten Welt müssen auch diese Kreisläufe berücksichtigt werden.
Raphael Corneo: Haben Sie denn das Gefühl, dass gerade wirtschaftlich der Wert des Industriezweigs zu wenig geschätzt wird?
Rolf Hartl: Ja, wobei es aber nicht Aufgabe der Wirtschaft ist, nach Streicheleinheiten zu lechzen. Im Übrigen wissen die Leute im Innersten sehr wohl, dass ihr Energiekonsum Ausdruck ihres eigenen "way of life" ist, für den sie letztlich selber verantwortlich sind.
Raphael Corneo: Woher kommt das?
Rolf Hartl: Das Publikum nimmt die heutige Energieversorgung als etwas Selbstverständliches wahr: Das Benzin kommt aus der Tankstelle, der Strom aus der Steckdose. In diesem Sinne sind wir PR-mässig Opfer unseres eigenen hohen Qualitäts-Standards.
Raphael Corneo: Wie sieht die Zukunft der Erdölindustrie aus?
Rolf Hartl: Global dürfte der Erdölkonsum noch weiter steigen. Rasant in den Entwicklungs- und Schwellenländern, während in der OECD und auch bei uns die Verbräuche zurückgehen werden. Ein Ressourcenproblem "unter dem Boden" besteht nicht, aber es muss in die Förderung investiert werden. Hier gibt es einige Herausforderungen.
Raphael Corneo: Trotzdem gehen die Erdölreserven irgendwann zu neige. Wie soll Erdöl in Zukunft ersetzt werden?
Rolf Hartl: Die gesicherten Reserven sind im Verlaufe der letzten Jahre gestiegen! Der Ersatz hängt ab von Preis und Technik. Auch hier gilt: Nur das Bessere kann der Feind des Guten sein.
Zur Person: Dr. Rolf Hartl ist seit 1994 Geschäftsführer der Erdöl-Vereinigung Schweiz. Hartl schloss die juristische Fakultät der Universität Zürich mit dem Doktorat ab. Bis 1984 arbeitet er als Gerichtssekretär am Bundesgericht, anschliessend als Wirtschaftsjurist einer Treuhandfirma und bis 1993 als Wirtschaftsjurist bei der Elektrowatt AG.
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