Wikileaks inspiriert Journalismus

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 30.11.10
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Die Wikileaks-Form der Veröffentlichung von geheimen Informationen bedeute nicht den Tod der klassischen Presse, sondern belebe diese sogar, sagt der Zürcher Medienforscher Michael Brüggemann. Es bestehe grosser Bedarf an solchen Vermittlersystemen.

Yvonne von Hunnius: Werden Informationskanäle wie Wikileaks den klassischen Journalismus bald abgelöst haben?

Michael Brüggemann:Keinesfalls. Wikileaks trägt einen belebenden Beitrag zur Wiederauferstehung des investigativen Journalismus bei. Es war schon immer so, dass Journalisten auf sogenannte „Whistleblowers” angewiesen waren - also Menschen, die ihnen Geheimnisse verrieten. Und Wikileaks ist eine zeitgemässe Plattform, die zwischen Geheimnisträgern und dem Journalismus steht. Es braucht Journalisten, denn es gibt immer noch einen grossen Unterschied zwischen dem Zur-Verfügung-Stellen und Aufbereiten. Journalisten stellen die Informationen in den Kontext, evaluieren und interpretieren. Wikileaks kann das nicht leisten.

Yvonne von Hunnius: Doch warum wenden sich die Personen nicht gleich an eine Redaktion?

Michael Brüggemann:Ich könnte mir vorstellen, dass sie dem System der Redaktion weniger vertrauen als dem anonymisierenden Informationsträger Wikileaks. Gerade der Quellenschutz wird in verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich gehandhabt und bei internationalen Themen lauern hier Gefahren für die Informationsträger.

Yvonne von Hunnius: Aber ist es nicht die Funktion des Journalisten, selbst investigativ tätig zu werden?

Michael Brüggemann:Natürlich. Doch im Zuge der Sparmassnahmen werden Redaktionen verkleinert und immer weniger fest angestellte Journalisten können dafür freigestellt werden, um eine gewisse Zeit zu einem Thema zu recherchieren. Somit erfüllt Wikileaks eine Kompensationsaufgabe. Sie erledigen den Job, für den in Redaktionen kein Geld mehr zur Verfügung steht. In den USA und in Grossbritannien wird damit experimentiert, dass Stiftungen Recherchestipendien vergeben, doch bei diesen alternativen Finanzierungsmodellen ist man hierzulande noch nicht sehr weit.

Yvonne von Hunnius: Kritische Stimmen bemängeln, dass nun den Journalisten Themen diktiert würden, statt dass diese von ihnen selektiert werden könnten…

Michael Brüggemann:Der Journalismus ist mehr denn je unter Aktualitäts- und Konkurrenzdruck. Und ich denke, der investigative Journalismus kann sich anhand von Wikileaks sogar selbst noch weiterentwickeln. Durch ihre Informationspolitik kommt die Presse nicht daran vorbei, auch über Themen zu berichten, die sie sonst vielleicht nicht berücksichtigt hätten, weil sie ihnen zu heiss gewesen wären. So kommt an diesen brennenden Fragen niemand mehr vorbei und die Öffentlichkeit wird informiert. Somit inspiriert Wikileaks sogar.

Yvonne von Hunnius: Wikileaks-Kopf Julian Assange behauptet, das Schicksal der internationalen Medien läge in seinen Händen. Hat er recht?

Michael Brüggemann:Nein. Es gibt einen Bedarf an einer Informationsübermittlung dieser Art, denn die Gesellschaft wird immer komplexer und für Redaktionen unübersichtlicher. Und Wikileaks ist nur die am häufigsten momentan diskutierte Plattform, die diese Aufgabe erfüllt. Zerschlägt sie sich aus irgendeinem Grund, wird eine andere an ihre Stelle treten.

Yvonne von Hunnius: Dann ist es kein Schlag wider den Journalismus, wenn Wikileaks juristisch zu Fall gebracht wird?

Michael Brüggemann:Doch, das wäre es, wenn Wikileaks als Vorwand dafür verwandt wird, die Freiheit der Verwendung von Quellen zu beschneiden. Investigativer Journalismus lebt davon, auch geheime Quellen zu benutzen - selbstverständlich unter der Prämisse, dass hiermit verantwortungsvoll umgegangen wird. Wird diese Möglichkeit generell anhand des Aufhängers Wikileaks beschnitten, dann wäre das ein harter Schlag für den investigativen Journalismus.

Yvonne von Hunnius: Sehen Sie die Gefahr aktuell?

Michael Brüggemann:Das Risiko besteht. Doch niemand kann jetzt absehen, ob die neuen Veröffentlichungen politischen Akteuren einen Vorwand liefern, um die Pressefreiheit zu beschneiden. Die Entwicklung hängt auch davon ab, inwieweit Wikileaks Fehler macht und halbprivate Meinungsäusserungen ohne publizistischen Mehrwert publiziert. Man kann durchaus Strategien von „Information Warfare” erkennen, einen Informationskrieg, in dem es darum geht, die Quelle Wikileaks zu diskreditieren. Und hier macht es leider Julian Assange den Gegnern viel zu einfach, indem er stark polarisiert. Es geht nicht um ihn als Person, sondern um das System, durch das anonyme Quellen Informationen preisgeben können.

Yvonne von Hunnius: Das System sollte also im Sinne des guten Journalismus erhalten bleiben?

Michael Brüggemann: Wikileaks ist kein Ersatz für guten Journalismus. Aber es stellt Informationen zur Verfügung, die investigativen Journalismus als Recherchequelle unterstützen können. Die investigative Recherche kommt ursprünglich aus dem amerikanischen Journalismus und hat in unseren Breitengraden keine allzu grosse Tradition. Er darf ruhig noch mutiger werden. Für das politische System bieten gerade die aktuellen Veröffentlichungen von Wikileaks umgekehrt die Chance, die Schwächen in den eigenen Kommunikationssystemen zu identifizieren.

 

Zur Person:
Dr. Michael Brüggemann ist am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung Zürich (IPMZ) im Bereich der international vergleichenden Medienforschung tätig. Er studierte in Washington und München und ist zudem Absolvent der Deutschen Journalismusschule München.

 

Bild:  IPMZ

 

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