Mikrokredite in der Krise

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Geschrieben von: Georg Ackermann, Singapur 30.11.10
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Das Geschäft mit der Armut: In Indien stecken Mikrofinanzinstitute in einer Glaubwürdigkeitskrise. Lange galten Mikrokredite als ein Allheilmittel gegen Armut. Doch das rasche Wachstum der Branche in Ländern wie Indien und Bangladesch lädt auch zu Missbrauch ein. Der indische Bundesstaat Andra Pradesh will die Branche nun von schwarzen Schafen säubern.

Mikrokredite sind ein Beweis, dass Banken und Kreditwesen auch einen wichtigen sozialen und humanen Auftrag haben. Muhammed Yunus, der damit bereits Millionen von Menschen aus der Armut befreit hat, erhielt dafür sogar den Friedensnobelpreis. Das internationale Kapital begeisterte sich daran und sorgte für den Aufstieg einer neuen Industrie, besonders in den Schwellenländern. Doch jetzt scheint das Modell in Indien in eine ernsthafte Krise geraten zu sein. "Der Markt steht vor einer Nahtoderfahrung," kommentiert Sam Daley Harris, einer der weltweit angesehenen Experten auf dem Gebiet, die Situation.

Marktführer geht an die Börse

Indien ist zusammen mit Bangladesch, der Heimat von Muhammed Yunus, mit jeweils 30 Millionen Nutzern der weltweit grösste Markt für diese Art von Kleinstkrediten. Im ostindischen Bundesstaat Andhra Pradesh gedieh die Idee besonders prächtig. Die dortigen MFIs, wie die Mikrofinanzinstitute hier heissen, stehen für 40 Prozent des Geschäfts in Indien. Andhra Pradesh ist auch Sitz des Marktführers SKS Microfinance. Das Unternehmen kann auf namhafte Investoren zählen, darunter Fondsmanager George Soros. Im August wagte es sich auch an die Börse.

Das Geschäft mit der Armut

Der Börsengang wurde zu einem grossen Erfolg, vor allem weil das Kreditinstitut auf ein Gewinnwachstum von rund 100 Prozent verweisen konnte. Manch einer rümpfte da die Nase. Wie kann es sein, dass eine Branche, die grösstenteils aus Nicht-Profit-Organisationen besteht und ihr Geschäft mit den Armen macht, gleichzeitig Börsenmillionäre hervorbringt? Das Ministerium für ländliche Entwicklung führte Untersuchungen durch und stiess tatsächlich auf zweifelhafte Praktiken. Die Studie zeigte unter anderem auch, dass 54 Selbstmorde in Andhra Pradesh im Zusammenhang mit Kreditgeschäften der MFIs standen. “Sie verführen arme Menschen dazu, Kredite aufzunehmen, ob sie sie brauchen oder nicht”, sagt der zuständige Minister V. Vasant Kumar. “Es geht ihnen nur darum, Geld zu machen.”

Wucherzinsen bei Kleinkrediten

Andhra Pradesh arbeitet nun an einer Regulierung des Sektors. Wer künftig Mikrokredite vergeben will, muss sich bei der Regierung registrieren lassen. Der Aufschwung hat auch viele Trittbrettfahrer angezogen, die im grauen Bereich agieren. Vor allem aber geht es um eine bessere Transparenz bei den Kreditzinsen. Bangladesch hat die Höchstgrenze bereits auf 27 Prozent pro Jahr festgelegt. Die Organisation “Microfinance Transparency” deckte den bereits einige Jahre zurückliegenden Fall der mexikanischen Banco Compartamos auf, die Kleinkredite zu einem Monatszins von 4 Prozent vergab. Unter dem Strich kam dabei eine effektive Jahresrate von 129 Prozent heraus.

Wenn es sich auch um einen Extremfall handelte, so sind hohe Raten in der Branche dennoch eher die Regel. Die Margen im Mikrokreditgeschäft sind äusserst gering, insbesondere wegen der hohen Verwaltungskosten, die entstehen, wenn das Geld ausgeteilt und vor allem wieder eingetrieben werden muss. Das Erfolgsmodell von SKS Microfinance beruht auf einem sehr standardisierten Produkt, einem Kredit von 12.000 Rupien (193 Euro), der in 50 gleichen Raten zurückzuzahlen ist. Die Unsicherheit über die geplante Regulierung liess den Kurs des Unternehmens zwischenzeitlich deutlich abstürzen.

Empörung stoppt Rückzahlung

Denn die öffentliche Empörung über die MFIs ging so weit, dass selbst Politiker sie mit Kredithaien in eine Ecke stellte und Schuldner dazu aufforderten, ihre Kredite nicht weiter zurückzuzahlen. Die Folge: Lediglich ein Viertel der Kredite werden gegenwärtig in Andra Pradesh noch bedient. Die Mikrofinanzinstitute geraten in bedrohende Liquiditätsengpässe. Die Branchenorganisation MFIN warnt bereits: “Sobald nur ein Institut seine Verpflichtungen gegenüber den Banken nicht mehr erfüllen kann, wird die Kreditwürdigkeit aller MFIs herabgestuft.”

Zu schnell gewachsen

Deren Vorsitzender Vijay Mahajan gesteht ein, dass manche der Institute zu schnell gewachsen und zu aggressiv vorgegangen seien. “Das hat zu einer grösseren Verschuldung geführt und in einigen Fällen auch zu Selbstmord.” Dennoch sei die Überschuldung deutlich geringer. Nur 20 Prozent hätten mehr geliehen, als sie sich erlauben konnten. Nur ein Prozent sei wirklich in Schwierigkeiten.

Einige der MFIs rudern nun zurück und senken ihre Zinsen. Sudipta Banerjee, der gleich zwei mittelständischen Instituten vorsteht, erklärt: “Unsere Unternehmen richten sich nach den Prinzipien von Nicht-Regierungsorganisationen und sozial motivierten Einrichtungen. Wir haben entschieden, einen Teil der Skaleneffekte an unsere Kunden weiterzugeben.”

Es braucht auch mehr Bescheidenheit in der Branche. “Warum müssen sie 100 Prozent wachsen, wenn es doch auch 20 Prozent pro Jahr sein können,” sagt der Banker eines der in Not geratenen Mikrokreditinstitute dazu. “Wir haben ihnen gesagt, es für ein Jahr lang mal etwas langsamer angehen zu lassen.”

 

Bild: www.transitionsabroad.com / Matthew Guttentag

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