Bauen mit dem Klima

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Zürich 29.11.10
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Wer baut, muss das Klima berücksichtigen, sagt Bob Gysin. Sein Büro hat das Forum Chriesbach der Eawag gebaut und macht nun das Vorprojekt für das Swiss Village in Masdar bei Abu Dhabi. Das Schweizer Quartier in der Ökostadt soll funktional und dem Klima angepasst sein – und architektonisch überzeugen.

Steffen Klatt: Warum hat sich Ihr Büro um den Auftrag für das Vorprojekt des Swiss Village in Masdar bemüht?

Bob Gysin: Unser Büro geht seit langem dem Thema Architektur und Nachhaltigkeit nach. Mich persönlich hat das Thema Nachhaltigkeit schon beschäftigt, als ich noch nicht Architekt war. Ich erinnere mich an einen Wiederholungskurs in der Schweizer Armee. Ich war damals Motorradfahrer, und selbst wir hatten kein Benzin. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Denn ich hatte bis dahin nur eine Welt erlebt, in der es immer bergauf ging. Damals war sichtbar, dass Öl nicht unendlich verfügbar ist.
Aber die Wurzeln reichen noch weiter zurück: Ich habe eine schöne Sammlung der allgemeinen Bauzeitung von Wien; sie beginnt 1836. Schon damals gab es klare Beschreibungen, wie ein Haus in die Landschaft zu stellen ist, und zwar in Bezug auf das Klima: Wie kann ich es am besten so hinstellen, dass die Bewohner im Sommer nicht schwitzen und im Winter gewärmt werden.

Steffen Klatt: Klima in der Architektur hat Sie also schon früh beschäftigt?

Bob Gysin:Ja. Die Architektur kann schon mit einfachsten Mitteln sehr viel erreichen, noch vor dem Einsatz der modernsten Technik. Klima war stets ein Thema in der Architektur: Ich baue mir eine Hütte, um nicht verregnet zu werden oder um mich vor der Sonne und der Kälte zu schützen. Ich hatte dann schon früh die Gelegenheit, ein Haus zu bauen für jemanden, der sich solche Überlegungen auch gemacht hat. Ich habe das Haus in relativ einfacher Weise konstruiert und so in die Landschaft integriert, dass es nicht nur in die Umgebung passte, sondern auch von der Orientierung her möglichst viel von der passiven Sonneneinstrahlung profitierte. Zweitens ging es bei diesem Haus um verschiedene Qualitäten: Die Leute hatten nicht sehr viel Geld, also mussten wir so bauen, dass es lange hält. Auch das ist im Sinn des nachhaltigen Denkens: Das Haus soll lange halten und nicht ständig Unterhaltskosten und hohe Betriebskosten verursachen. Schliesslich hatten diese Leute ein bisschen Wald geerbt. Und sie fragten sich, ob man nicht das Holz für die Heizung in der Übergangszeit verwenden könnte. Das haben wir dann so gemacht und den Primär- Energieverbrauch reduzieren können.
Später hat es immer wieder ähnliche Situationen gegeben. Ich habe in fast jedem Haus, das ich gebaut habe, Ansätze gefunden, wie man ohne viel Technik gut und relativ günstig bauen kann.
Für uns wurde das Versuchslabor für Wasserreinigung der Eawag, dem Wasserforschungs-Institut des ETH Bereiches in Dübendorf zu einem weiteren Schlüsselerlebnis. Die Aufgabe bestand darin, ein Haus für Forscher zu errichten, das nur ca.20 Jahre zu stehen hatte.

Steffen Klatt: Das klingt sehr unschweizerisch. Normalerweise wird hier für die Ewigkeit gebaut…

Bob Gysin:So ist es. Aber in diesem Fall war es ein Forschungsprojekt. Wir haben es so konzipiert, dass die Versuchshallen viel Tageslicht bekommen. Die Hülle war zu einem guten Teil aus durchsichtigem Kunststoff, der wieder verwendbar ist. Von April bis Oktober braucht man dort praktisch kein künstliches Licht. Die eigentlichen Labors wurden als fertige Container eingekauft , die mit dem Kran in das einfache, als Holzkonstruktion errichtete Gebäude gehoben wurden. Das ganze lässt sich auseinandernehmen, die Einzelteile wiederverwenden und im Extremfall auch verbrennen.

Steffen Klatt: Das hört sich nach einer „Schoggi-Aufgabe“ für einen Architekten an, wenn ein Bauherr solche Spezialwünsche hat und dann auch noch bereit ist, dafür zu zahlen.

Bob Gysin:Das kann man so sehen, und ich habe es auch so gesehen. Solche „Schoggi“ sind heute selten. Viele Kollegen fühlen sich leider heute von der Forderung nach Nachhaltigkeit eher behindert als inspiriert.
Mein drittes Schlüsselergebnis – und wahrscheinlich dasjenige, das dazu geführt hat, dass wir jetzt in Masdar dabei sind – war das „Null-Energiehaus“ für die Eawag (Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz, stk), die weltweit tätigen Schweizer Wasserforscher. Der Wettbewerb war international ausgeschrieben worden. Das Hauptquartier ist seit  vier Jahren in Betrieb, es funktioniert einwandfrei. Wir haben einen Energieverbrauch, der in etwa dem eines Einfamilienhauses entspricht, bei einem Bauvolumen von ca. sechzig Einfamilienhäusern. Es ist warm im Winter und kühl im Sommer, hat aber keine normale Heizung oder Kühlanlage.

Steffen Klatt: Kann man das auch bauen, wenn man nicht soviel Geld hat wie der Bund für seine Forschungseinrichtungen?

Bob Gysin:Man kann dieses Haus nicht kopieren und irgendwo aufstellen. Architektur steht immer in einem Kontext. Aber es gibt Prinzipien, die man auch anderswo anwenden kann. Es ist wie in Masdar: Dort will ein Bauherr eine kohlendioxidneutrale Stadt bauen. Das geht nur, wenn er konsequent ist. Bei der Umsetzung braucht man dann Partner, dort steht der Teamgedanke  im Vordergrund. Das Bild des allmächtigen Architekten, der alles kann und alles weiss, muss man hinter sich lassen.

Steffen Klatt: Welche Partner brauchen Sie?

Bob Gysin:Der Architekt ist der Generalist, der sich mit der Funktion, der Ästhetik, der Architektur beschäftigt. Die Partner bearbeiten unter seiner Leitung technische Probleme. Sie sollen sich nicht zu „Rechenknechten“ degradieren, sondern innovativ mitarbeiten. Der klassische Partner des Architekten ist der Bauingenieur. Dazu kommen Haustechniker, Physiker, Energieberater, Baustoffspezialisten. Das Team des Architekten ist grösser, als es vor 20 Jahre war. Und das ganze soll dann auch architektonisch gut sein, und nicht nur energetisch.

Steffen Klatt: Können Sie Prinzipien aus der Schweiz in die Wüste übertragen?

Bob Gysin:Die Prinzipien schon, aber nicht ohne weiteres die Technik. Hier ziehen wir die Sonne möglichst ins Haus. In warmen Ländern machen wir das Gegenteil. In jungen Jahren habe ich in Nordafrika in einem Team mitgebaut. Damals habe ich gelernt, was Wüste und was Hitze sind. Im Süden will man Licht, aber keine Wärme im Haus.

Steffen Klatt: Wie kann man Licht ohne Wärme ins Haus holen?

Bob Gysin:Das muss man nicht neu erfinden, da gibt es viele Möglichkeiten: richtige Orientierung des Gebäudes, natürliche Ventilation, Beschattung durch grosse Vordächer, hohe Räume. Heute kommt noch etwas Technik dazu.

Steffen Klatt: Wie kann man sich das Swiss Village in Masdar vorstellen? Wird man auf den ersten Blick sehen, dass man in einem Schweizer Quartier ist?

Bob Gysin:Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Das Hauptquartier der Eawag etwa ist in dem Sinn nicht ein Schweizer Gebäude. Vielleicht kann man es noch unter dem Stichwort „Schweizer Kiste“ fassen, weil es relativ klar und einfach ist. Aber die Ausstrahlung, die das Gebäude hat, ist nicht einfach Schweizerisch.
Wir haben in der Hamburger Hafencity einen Wettbewerb gewonnen, wo wir nach den ähnlichen Prinzipien wie beim Eawag-Gebäude bauen. Dort darf kein Kohlendioxid ausgestossen werden. Einer der Hauptnutzer des Gebäudes ist Greenpeace Deutschland. Das Gebäude, dessen Bau jetzt begonnen worden ist, geht auf den historischen Kontext der Stadt Hamburg ein, mit Backstein in einer wunderbaren Umgebung.
Jetzt kommt Masdar, eine Stadt in der Wüste. Das wird anders aussehen als das Eawag-Gebäude in Dübendorf und anders als das Gebäude in Hamburg.

Steffen Klatt: Welche Anforderungen werden in Masdar gestellt?

Bob Gysin:Es ist relativ klar, was dort sein darf und was nicht. Masdar ist eine kohlendioxidneutrale Stadt. Die Projekte dürfen nur mit erneuerbaren Energien klimatisiert werden. Wir sind aber erst am Anfang, was die Vorstellungen über die Gestaltung betrifft. Wir haben uns die traditionelle Architektur sehr genau angesehen. Dazu kommt die Technik, die es heute gibt.
Wie wissen jetzt genau, wo der Standort innerhalb von Masdar ist.

Steffen Klatt: Wo?

Bob Gysin:Der Standort war im Fluss. Inzwischen hat Foster und Partner die Anpassungen im Masterplanes gemacht. Wir haben ein Grundstück für den Swiss Sprinter Komplex zugewiesen bekommen. Es liegt sehr zentral und ziemlich nahe am Hauptquartier von Masdar und unweit der Universität, die schon gebaut ist.

Steffen Klatt: Also dort, wo das Swiss Village auch ursprünglich vorgesehen war?

Bob Gysin:Ja. - Ein Teil des Grundstücks soll für Dienstleistungen und für Forschung genutzt werden, ein anderer Teil für Wohnungen. Auch die Schweizer Botschaft soll dorthin kommen.

Steffen Klatt: Wie gehen Sie bei der Planung vor?

Bob Gysin:Zuerst schaue wir, wie wir das Gebäude ins Gelände integrieren. Dabei ist eine wichtige Frage die Sonneneinstrahlung auf die Fassade. Ob  1000 oder 7000 Watt Einstrahlung auf die Fassade treffen, hat Folgen für die Wärmebelastung und für die ideale Lage.

Steffen Klatt: Wie viel Spielraum haben Sie, wenn das Grundstück feststeht?

Bob Gysin:Ziemlich viel. Innerhalb der Grundstücksgrenzen können wir entscheiden, in welche Richtung die Hauptausrichtung zeigt. Die Computertechnik gibt die Möglichkeit, das in allen Monaten zu simulieren. Wir haben jetzt eine Vorstellung davon, wissen die Abstände und dergleichen.

Steffen Klatt: Gibt es innerhalb des Schweizer Quartiers Gassen geben?

Bob Gysin:Ja, aber das werden nicht öffentliche Gassen sein. – Parallel zur Gebäudeausrichtung prüfen wir die Gebäudetiefe, um eine optimale Nutzung zu erhalten. Was ist die optimale Tiefe, um genug Licht am Arbeitsplatz zu haben? Wie nutzen wir den vorhandenen Platz am besten? Welche Arbeitsplatzmodule können wir anbieten? Mit Einzelarbeitsplätzen oder mit mehreren zusammen? Wie funktioniert die interne Erschliessung am sinnvollsten? Wo kommen die Nebenräume hin? Das hängt natürlich von der Kultur der Nutzer ab. Wahrscheinlich wird zumindest ein Teil der Nutzer aus der Schweiz kommen. Die Standards der Arbeitsplätze werden also ähnlich sein wie in der Schweiz. Wir machen dafür Vorschläge. Auf Seiten von Masdar gibt es Projektentwickler, das sind Engländer. Wir haben jede Woche Videokonferenzen.

Steffen Klatt: Gibt es auch ein Hotel oder dergleichen?

Bob Gysin:In diesem Programm nicht. Das wird aber von der statischen Struktur so aufgebaut, dass man erstens eine lange Planungsflexibilität hat. Zweitens hat man auch nachher die Möglichkeit zur Umnutzung ohne Eingriffe ins statische System. Tragen und trennen sind getrennt, die Installationen sind jederzeit zugänglich für Anpassungen.

Steffen Klatt: Wann wird das Swiss Village fertig gestellt sein?

Bob Gysin:Das weiss ich nicht. Wenn es nach dem Willen der Bauherren geht und wenn genug Schweizer Unternehmen als Mieter kommen, dann kann es schnell gehen. Unsere Aufgabe ist es, jetzt ein Vorprojekt zu machen, die weiteren Planungsschritte werden folgen. Es soll den Anforderungen genügen, die an es gestellt sind, auf der Seite der Funktion, auf der Seite der Architektur und auf der Seite des Klimas und der Nachhaltigkeit.


Zum Architektenteam:

Bob Gysin hat 1976 das Architekturbüro Bob Gysin und Partner Zürich gegründet, heute besteht BGP Architekten ETH BSA SIA aus den drei Partnern Bob Gysin Marco Giuliani und Rudolf Trachsel und einem Team von 35 Mitarbeiterinnen. Zu den zuletzt realisierten Bauten gehören ausser dem Eawag-Hauptquartier in Dübendorf unter vielen anderen, das Produktions- und Bürogebäude für Belimo in Hinwil, die Wohnüberbauung auf dem Fehlmann-Areal in Winterthur und das Alterszentrum Neue Lanzeln in Stäfa. Im entstehen ist der neue Hauptsitz von Greenpeace Deutschland, der Designport und über 100 Wohnungen in der Hamburger Hafencity. BGP wurde mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

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