Der Golfstrom bringt weniger Wärme als in vergangenen Jahren. Europas „Heizung” ist gedrosselt und es steht ein Eiswinter ins Haus. Auch die Erderwärmung soll schuld sein. Schmelzendes Eis der Pole für - auf Umwegen - zu kalten Wintern in Europa.
Es gibt den Hundertjährigen Kalender, Bauernregeln und die Wissenschaft. Die ersten beiden vermelden nichts Auffälliges, aber die meteorologische Wissenschaft ist sich einig wie selten: Der bevorstehende Winter wird lang, sehr kalt und kommt mit viel Schnee und Eis. Sie wagen übereinstimmend konkrete langfristige Wettervorhersagen für Ende 2010, Anfang 2011. Weil sie alle exakt die Wetterentwicklung in diesem Jahr ausgewertet haben.
„Mit eisiger Polarluft überschüttet”
So prophezeit Dominik Jung vom Wetterdienst wetter.net für diesen Winter zwei lang anhaltende Kälteperioden. Die Wahrscheinlichkeit liegt für ihn bei mindestens 65 Prozent. Demnach wird es demnächst viel Schnee geben, wir erleben mit ziemlicher Sicherheit eine weisse Weihnacht. Zum Jahreswechsel wird es aber tauen. Doch schon an den ersten Januartagen kehrt die Kälte mit Macht zurück, tagsüber wird überwiegend Frost herrschen, für die Nächte liegen die Tiefstwerte bei minus 20 Grad. Der Februar startet milde, bevor Mitte des Monats die zweite Kältewelle anrollt. Auch der März wird überwiegend kühl sein, der Frühling kommt erst im April. Es könnte, so Jung, der härteste Winter seit hundert Jahren werden. „Wir werden in den kommenden Monaten mit eisiger Polarluft überschüttet”, erklärt der Experte.
Andere Fachleute stimmen zu. Aus zwei Gründen: Zum einen baut sich derzeit im Norden Europas ein riesiges Kältepolster auf. Zum anderen transportiert der Golfstrom deutlich weniger Wärme als im statistischen Mittel. Entscheidend für die Wintermonate sind nämlich die Herbstmonate Oktober und November. Der Oktober war kälter als üblich, der November, obwohl er zum Ende hin kalt wird, viel zu warm, 4,5 Grad über dem Durchschnitt. Kalter Oktober plus warmer November ist gleich harter Winter. Diese Formel trifft seit Jahren zu.
Der Golfstrom schwächelt
So war das auch im Rekordwinter 1962/63, da fror der Rhein zum letzten Mal zu. An der Loreley staute sich das Eis so massiv, dass keine Eisbrecher mehr durchkamen. Die dicke Eisschicht musste gesprengt werden. Die Abweichung von der Norm belief sich damals auf 5,7 Grad nach unten. Im letzten Januar und Februar dagegen, den viele als sehr kalt in Erinnerung haben, war es im Vergleich zum langjährigen Durchschnittswert nur um 1,5 Grad kälter. Die üppige Kältewalze im Norden und über Sibirien dürfte die Garantie für einen Extremwinter sein. „Tendenziell wird es wohl ein kalter Winter”, sagt auch Diplommeteorologe Jürgen Schmidt von Wetterkontor. Er verweist auf die Westwindzone über dem Atlantik, die im Winter oft milde Luft nach Deutschland schwappen lässt, sich aber schon stark abgeschwächt hat. Der warme Meereswind wird es voraussichtlich nicht bis in unsere Breitengrade schaffen. Das hat mit dem Golfstrom zu tun. Dieses gewaltige Strömungssystem im Atlantik und der Nordsee mit einer Wärmeleistung von 250.000 Atomkraftwerken sorgt dafür, dass das warme Wasser der Tropen mit dem kalten der Polarregionen vermengt wird. Doch der Golfstrom ist in diesem Jahr um etwa zehn Prozent geschwächt. „Schon in den letzten zwei Jahren hat er deutlich weniger Wärme transportiert, in diesem noch weniger”, so Meteorologe Karsten Brandt von donnerwetter.de.
Europas Heizung ist zurückgedreht. Warum, darüber streiten die Gelehrten. Schuld daran könnte die Ölkatastrophe von April im Golf von Mexiko sein. Der Verursacher BP schüttete 7,5 Millionen Liter der Chemikalie Corexit ins Meer, um das ausgelaufene Öl aufzusaugen. Dadurch ist der Golfstrom, der am äusseren Küstenabschnitt von North Carolina vorbeifliesst, aus dem Takt geraten. Würde der Golfstrom ganz ausfallen, käme eine neue Eiszeit über Europa. Darauf deutet jedoch bisher nichts hin.
Eiswinter durch Erderwärmung
Eine andere Theorie, in einer Studie der renommierten Experten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, erklärt die kälteren Winter mit der globalen Erderwärmung. Im Computermodell wurde errechnet, dass der Schwund des Meereises in nördlichen Gefilden - etwa der Barentsee oder um Grönland - sich auf das Klima in unseren Breitengraden direkt auswirkt. Das freiliegende Wasser gibt Wärme an die kalte Polarluft ab, die unteren Atmosphäreschichten heizen sich auf. So entstehen grossräumige Luftströmungen über Nordeuropa sowie Nord- und Zentralasien. Die Wahrscheinlichkeit sehr harter Winter dort wird dadurch um das Dreifache gesteigert. Auffällig für Zentraleuropa ist, dass es 2010 fünf Monate gab, in denen es teilweise deutlich zu kalt war: Januar, Februar, Mai, September, Oktober. Das gab es seit zehn Jahren nicht mehr.
Bild: Das Filmdorf in Vorarlberg an der Grenze zur Schweiz für den Film "Atem des Himmels", in dem die Ereignisse der Schneekatastrophe des unvorhergesehen harten Winters 1954 erzählt werden. (Yvonne von Hunnius)
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