Geld und Moral: schwierige Freunde

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Wolfsberg 17.11.10
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Der Finanzsektor kommt an Nachhaltigkeitsprinzipien nicht mehr vorbei. Meist werden sie als Reputationsfaktor und Geschäftsfeld betrachtet. Doch der Prozess der Nachhaltigkeit muss weiter gehen und Moral in den Markt integrieren, sonst steht die nächste Krise just bevor.

Geldscheine können nach faulen Eiern stinken, genauso wie sie nach Rosenwasser duften können. Doch Geld ist geruchlos, wird es zu Nullen, die auf einem Bildschirm von der einen Spalte in die andere verschoben werden. Der Ethiker Christoph Weber-Berg sagt: „Viele Akteure im Finanzsystem gehen davon aus, dass es amoralisch ist, seine eigenen Gesetzlichkeiten hat, die nichts mit Moral zu tun haben.“ Weber-Berg ist Leiter des Center for Corporate Social Responsibility der Hochschule für Wirtschaft, Zürich, und plädiert schon lange für mehr nachhaltiges Denken im Finanzwesen. Doch er steht nicht allein auf weiter Flur. Verschiedenste Anspruchsgruppen, unter denen auch die Banken selbst sind, haben einen Prozess losgetreten, der zum Ziel hat, den Geruch des Geldes ins Bewusstsein zu rufen. Klimawandel, Finanzkrise und eine stärkere Rolle der Zivilgesellschaft stehen Pate. Als ethisches Konzept wird Nachhaltigkeit jedoch noch von den wenigsten verstanden.

Unmoralisches Handeln bringt Vorteile

Bis auf weiteres gilt: Als amoralische Akteure ist es nicht die Aufgabe von Finanzinstituten, sich für den Eisbär oder den fairen Umgang mit natürlichen Ressourcen einzusetzen. Eine Bankerin stellt trocken fest: „Faktisch ist es meinem Unternehmen egal, ob ich mit geringen Mengen an Ressourcen zu einem hohen Preis handele, oder mit grossen Mengen zu einem geringen Preis.“ Sie ist Teilnehmerin der Veranstaltung „Wertewandel und Wertepraxis im Finanzsektor“, organisiert von den UN und dem Verein für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten (VfU) - eine Diskussionsrunde, die zum ersten Mal in der Schweiz stattfand, wobei die UBS im Konferenzzentrum Wolfsberg Gastgeber war. Die Bankerin betont, selbst andere Wertvorstellungen zu haben, doch sie hat aus der Perspektive des Arbeitgebers recht: Wer anders handelt, hat einen Wettbewerbsnachteil. Unmoralische Akteure haben einen systematischen Vorteil, denn sie müssen ihr Handeln nicht legitimieren, solange sie sich an die Gesetze halten. Aus diesem Dilemma sollen Nachhaltigkeitsprinzipien heraushelfen. VfU-Vorstand Bernd Wagner sagt: „Niemand kann behaupten, der Nachhaltigkeitsbegriff sei nicht präsent. Nur muss er noch mit Werten gefüllt werden.“

Selbstverpflichtung in Sachen Biodiversität

Sein Verein will dazu beitragen, ihn zu füllen. Der VfU steht als deutsches branchenspezifisches Organ für Umweltmanagement bei Finanzdienstleistern für kontinuierliche Impulse. Aus einer vergangenen Veranstaltung des VfU heraus hat sich eine Gruppe Experten gebildet, die ein Papier zu „Biodiversitäts-Prinzipien im Finanzsektor“ entwickelt hat. Diese sollen im Management-System und den Geschäftsfeldern verankert werden. Es ist zu lesen: „Ziel ist es, die aus dem Verlust an Biodiversität resultierenden Risiken zu managen und die mit der Erhaltung verbundenen unternehmerischen Chancen zu nutzen.“ Risiken vermindern, Chancen nutzen – eine Strategie, die einen Einstieg darstellen kann, indem ökonomische Vorteile herausgeschält werden.

Denn Gier ist schlecht, doch Profit keineswegs. So sieht es auch der Menschenrechtsexperte Nils Rosemann vom Eidgenössischen Department für auswärtige Angelegenheiten (EDA). „In diesen Fragen darf es kein Entweder-Oder geben“, sagt er. Aspekte der Menschenrechte könnten für alle Wirtschaftbereiche nur dank viel Fingerspitzengefühl stärker miteinbezogen werden. Aber globale Regelwerke für die Finanzbranche gibt es bisher keine.

Internationale Debatte läuft

Auf internationaler Ebene zählt als Fortschritt, wird allein die Debatte angeregt. Paul Clements-Hunt, Leiter des Hauptausschusses der Finanz-Initiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP FI), sieht genau das als Aufgabe. Über 190 Institutionen haben sich der Initiative angeschlossen und alle müssen sich an die eigene Nase fassen, hören sie von Clements-Hunt: „Wir spielen mit dem Feuer.“ Damit meint er nicht nur die Finanzkrise, sondern auch Aspekte wie Klimawandel und Ressourcenknappheit. Nichtsdestotrotz sehen viele der Unternehmen in der Argumentation um Reputationsgewinn und neue Geschäftschancen bereits eine Antwort auf die Gefahr.

Pflicht des Stärkeren

Es ist etwas anderes gemeint, zitiert Christian Leitz, Leiter Unternehmensverantwortung der UBS, den Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer. Er ruft dazu auf, Darwin neu verstehen zu lernen: „Es gibt nicht ein Recht, sondern eine Pflicht des Stärkeren. Die Stärkeren haben heute vergessen, dass sie Pflichten haben.“

Ein Aspekt, bei dem sich Ethiker und Banker treffen könnten. Weber-Berg sagt: „Wir müssen noch mehr verstehen, dass Nachhaltigkeit im Kern ein ethisches Konzept ist.“ Und sieht eine Teilschuld des fehlenden Verständnisses auch bei den Hochschulen, die in den letzten Jahrzehnten versäumten, den grossen Rahmen zu stecken. „Die Logik des Wirtschaftssystems ist nicht genug Grund, um nachhaltig zu sein. Also muss es jenseits des Geschäftsfelds an sich Gründe für Nachhaltigkeit geben. Und die haben wir noch viel zu wenig untersucht.“ Ohne religiös zu sein oder andere Werte zu vertreten, könnte man laut Weber-Berg beispielsweise ein Interesse an einer stabilen Weltordnung haben. Und somit vielleicht auch an einem fairen Handel mit natürlichen Ressourcen.

 

Bild: UBS

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