Deutschland, Österreich und die Schweiz dürfen sich freuen: Bald wollen tausende Ärzte aus Tschechien im deutschsprachigen Ausland arbeiten. Sie drohen mit einer Massenkündigung zum Jahresende. Deutsche Kliniken gehen bereits auf Talentefang. Mit einer massenhaften Abwanderung ins deutschsprachige Ausland wollen tschechische Ärzte auf die schlechten Bedingungen im Prager Gesundheitssystem reagieren. Die Krankenhausärzte haben ein Ultimatum an die Regierung gestellt: Sollte sich zum Jahresende die Situation in Tschechien nicht verbessern, wollen sie kollektiv kündigen. Während das für das tschechische Gesundheitssystem einen Kollaps zur Folge hätte, wittern zahlreiche Kliniken im deutschsprachigen Ausland schon jetzt ihre Chance, qualifizierte Ärzte abzuwerben. „Schon seit 21 Jahren werden wir tschechischen Ärzte von der Politik ignoriert. Wir lassen nicht zu, dass sich die Situation weiter verschlimmert”, sagt Martin Engel, Vorsitzender der tschechischen Ärztegewerkschaft. Seine Organisation steht hinter der Kampagne, die inzwischen auch von der Ärztekammer unterstützt wird. Bereits ein Viertel aller Krankenhausärzte hat schriftlich angekündigt, am Jahresende zu kündigen und das Land zu verlassen. Wenn sie ihr Vorhaben umsetzen, wäre das ein schwerer Schlag für das tschechische Gesundheitswesen: Im Land gibt es kaum private Arztpraxen, selbst die hausärztliche Versorgung findet überwiegend in den Krankenhäusern statt. Dort herrscht schon jetzt personeller Notstand. Das Gesundheitsministerium zieht offenbar bereits die Schliessung mehrerer Kliniken in Betracht, wenn es tatsächlich zu einer massenhaften Abwanderung der Ärzte kommt. Stundenlohn von 4 Euro Das Einstiegsgehalt der tschechischen Ärzte liegt bei umgerechnet etwa 700 Euro (950 Franken) brutto im Monat, was sogar noch unter dem durchschnittlichen Einkommen im Land liegt. Nach zehn Berufsjahren liegt das Gehalt bei etwa 1.200 Euro, hinzu kommen einige hundert Euro für Nachtschichten und Überstunden. Das entspricht nach Gewerkschaftsangaben einem Stundenlohn zwischen vier und acht Euro. Neben einer Gehaltserhöhung fordern die Mediziner auch ein besseres Fort- und Weiterbildungsangebot sowie eine Einschränkung der Überstunden. „Die Regierung hat sich seit der Wende so gut wie gar nicht um das Gesundheitssystem gekümmert”, heisst es bei der Gewerkschaft. Nach zahlreichen Protesten und auch Streiks in der Vergangenheit sei den Medizinern jetzt die Geduld ausgegangen, so Initiator Martin Engel: „So wie ein Chirurg seinen Eingriff zeitlich exakt planen muss, so greifen auch wir jetzt zur richtigen Zeit ein!” Ab März sind die Kliniken leer Das Kalkül der Ärzte ist, dass die Regierung spätestens nach einer massenhaften Kündigung zu Zugeständnissen bereit sein dürfte. „Die Mediziner haben eine zweimonatige Kündigungsfrist, so dass ab März die Krankenhäuser leer sind, wenn wir zum Jahresende kündigen”, so die Initiatoren. Wenn die Regierung im Januar sehe, dass die Ärzte ernst machen, hätte sie noch einige Wochen zum Gegensteuern. „Wenn wir zusammenhalten, können wir dabei alles das lösen, was uns seit zwei Jahrzehnten stört”, so Martin Engel. Die Regierung hat bislang allerdings kein Einlenken signalisiert: „Wir können mit den Gehältern keine Wunder bewirken”, sagte der tschechische Gesundheitsminister Leos Heger in einem Gespräch mit Prager Journalisten. Deutschsprachiges Ausland als Ziel Die grossangelegte Protestaktion fällt in eine Zeit, in der die Abwanderung an gut ausgebildeten Ärzten in Tschechien so hoch ist wie noch nie. Uni-Absolventen gehen häufig gleich nach dem Examen ins Ausland, zuletzt waren es 15 Prozent eines ganzen Medizinerjahrgangs. Hinzu kommen zahlreiche Bewerber, die einige Jahre später abwandern. Arbeitsrechtlich ist ihre Aufnahme in Ländern wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz kein Problem, weil dort notorischer Ärztemangel herrscht. Einzige Voraussetzungen sind gute Sprachkenntnisse und ein Zertifikat, das die ärztliche Qualifikation bescheinigt. Wie gross das Interesse an einer Beschäftigung im deutschsprachigen Ausland ist, zeigt eine Jobmesse für Ärzte, die jetzt in Prag stattgefunden hat und von Interessenten regelrecht überflutet wurde: Einige Dutzend Kliniken aus dem deutschsprachigen Raum haben sich dort an Infoständen als Arbeitgeber vorgestellt - und damit nach Angaben der Veranstalter rund 6.000 erfahrene Mediziner aus ganz Tschechien angelockt. Viele von ihnen hatten schon gleich ihre Bewerbungsunterlagen dabei. Bild: Techniker Krankenkasse
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