In der öffentlichen Diskussion wird Migration oft als Problem dargestellt. Dabei wird vergessen, dass sich viele Menschen erst durch den Wegzug persönlich und beruflich weiterentwickeln können. Davon profitieren sowohl Heimat- wie auch Gastland. Zum 40-jährigen Bestehen diskutierte das Nachdiplomstudium für Entwicklungsländer (NADEL) an einem Podium über dieses Thema. 210 Millionen Menschen leben heute ausserhalb ihres Heimatlands. Aus Armut, Not oder wegen fehlender Möglichkeiten zur wirtschaftlichen oder kulturellen Entfaltung, verliessen sie ihr Land. Migration wird in den Gastländern häufig einzig als Bedrohung wahrgenommen. Aktuelles Beispiel ist die Debatte um Griechenlands «Migrationsprobleme». Vor wenigen Tagen hat der Staat die EU um Hilfe bei der Sicherung seiner Landesgrenzen ersucht. Griechenland werde mit den Migrationsströmen, vor allem aus der Türkei, nicht mehr alleine fertig, hiess es. Bei solchen Meldungen wird oft vergessen, dass Migration eine Jahrtausend alte Tradition hat und ein integraler Bestandteil der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist. «Bezüglich Migration besteht oft eine sehr einseitige Sicht, dies obwohl empirische Daten aus der Forschung heute die positiven Seiten der Migration belegen», sagt Rolf Kappel, Leiter des Nachdiplomstudiums für Entwicklungsländer (NADEL). Migration war deshalb auch das Thema an der NADEL-Jubiläumsveranstaltung (siehe Kasten) vom vergangenen Freitag. 40 Jahre NADEL Am vergangenen Freitag wurde an der ETH Zürich das 40-jährige Jubiläum des Nachdiplomstudiums für Entwicklungsländer (NADEL) gefeiert. In den Ausbildungs- und Weiterbildungsprogrammen des NADEL werden Hochschulabsolventen und Fachkräfte auf die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern vorbereitet. Dies unter anderem mit einen «Master of Advanced Studies». Das Nachdiplomstudium ist eine Einheit des Departements für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften (D-GESS) der ETH Zürich und betreibt neben Lehre auch Forschung, vor allem zu wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fragen der Entwicklungszusammenarbeit. Darüber hinaus übernehmen Mitarbeiter des NADEL immer wieder wissenschaftliche Beratungsmandate für Entwicklungsorganisationen. In den Nachdiplomstudiengängen des NADEL (und des Vorgängers INDEL) wurden in den vergangenen 40 Jahren über 600 Nachwuchskräfte ausgebildet. Im Weiterbildungsprogramm haben 700 Teilnehmer Einzelkurse besucht und rund 250 Studierende einen Zertifikatslehrgang absolviert. Derzeit beschäftigt das NADEL 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, zehn Lehrbeauftragte sowie ein ständig wachsender Pool von mehr als 60 Gastreferenten aus dem In- und Ausland. Von Simbabwe nach Genf An der halbtägigen Veranstaltung an der ETH Zürich wurden dann auch einige Vorurteile zerschlagen. Petina Gappah, eine gefeierte Schriftstellerin und Rechtsanwältin aus Simbabwe, machte mit ihrer eigenen Geschichte deutlich, dass Migrantinnen ihr Land nicht zwangsläufig aus Verzweiflung, sondern auch aus Ehrgeiz verlassen. Sie selber kehrte Simbabwe den Rücken, als das Land ökonomisch und politisch im Aufschwung war und sie eine Stelle in einer renommierten Anwaltskanzlei besetzte. Als sie damals nach Österreich aufbrach, um dort und später auch in Cambridge ihr Studium fortzuführen, meinten viele ihrer Freunde sie sei verrückt. Doch für die junge Anwältin war klar, dass sie sich auf internationales Recht spezialisieren will; eine Möglichkeit, die ihr ihre Heimat nicht bot. Lange Zeit lebte Gappah in Genf und half Entwicklungsländern mit den komplexen Regulationen der World Trade Organisation (WTO) zurecht zu kommen. Gleichzeitig arbeitete sie als Autorin und landete mit der Geschichtensammlung «An Elegy for Easterly» letztes Jahr einen internationalen Erfolg. Ronald Skeldon zerschlug dann in seinem Vortrag auch die Mär von der Migration als neues Phänomen. Skeldon ist ein international anerkannter Experte in Sachen Migration und Berater der britischen Regierung. Seit der Homo sapiens Afrika verliess, sei der Drang nach Weiterentwicklung und die Suche nach neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten immer ein wichtiger Motivator für Migration gewesen. Dadurch eröffneten sich nicht nur für die Migranten selbst, sondern auch für deren Heimat- und Gastländer neue Chancen. Man schätzt, dass heute jährlich 360 Milliarden Dollar Rücküberweisungen von Migranten an ihre Angehörigen in der Heimat geleistet werden; das ist mehr als für die jährliche Entwicklungshilfe weltweit ausgegeben wird. 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Wie solche Gelder auch längerfristig zum Aufbau von Entwicklungsländern beitragen können, zeigt wiederum das Beispiel von Petina Gappah. Als Simbabwe Ende der 90er-Jahre in eine politische und wirtschaftliche Krise geriet und Gappahs Vater innert kürzester Zeit all seine Ersparnisse durch die Inflation verlor, waren ihre Eltern und vier Geschwister, praktisch vollkommen auf ihre Unterstützung angewiesen. Die Beiträge ermöglichten den Geschwistern das Studium und nur deswegen besetzen diese heute in Simbabwe und im Ausland gute Posten. Migration als Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit Skeldon mockierte sich darüber, dass viele Regierungen Migration in erster Linie als nationale Angelegenheit behandeln, während deren Entwicklungszusammenarbeit global ausgerichtet ist. Diese Diskrepanz gelte es zu überbrücken; Migration über Landesgrenzen hinweg könne nur als globales Phänomen betrachtet werden. Anders bei der innerstaatlichen Migration, der bislang in den Regierungsprogrammen noch fast keine Bedeutung zukomme, obwohl sie mit 740 Millionen Betroffenen die internationale Migration bei weitem übersteigt. Nur durch Migration innerhalb der Landesgrenzen seien zum Beispiel die Reformen Chinas überhaupt möglich gewesen, die in den vergangenen Jahren 500 Millionen Leute aus der Armut befreit haben. Der Experte kritisierte weiter den Trugschluss vieler Regierungen, dass über effiziente Entwicklungszusammenarbeit automatisch auch die Migrationsströme versiegen würden. Migration sei ein integraler Bestandteil von Staaten auf ihrem Weg zu mehr Wohlstand, daran würden auch Entwicklungsprogramme nichts ändern. Solche Erkenntnisse haben auch Konsequenzen für staatliche und nichtstaatliche Hilfsorganisationen. Bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes (DEZA) befasst sich deshalb seit einem Jahr eine eigene Gruppe mit dem Zusammenspiel von Entwicklungszusammenarbeit und Migration, wie Martin Dahinden, Direktor der DEZA, am NADEL-Podium erläuterte. Dahinden sieht neben der finanziellen Hilfeleistung von Migranten an ihre Heimatländer vor allem auch ein Gewinn über den Austausch von Ideen, die der Entwicklung von Drittweltländern zugute kommen. Für die alternden Gesellschaften der westlichen Länder wiederum, übernähmen Migranten eine immer wichtigere Rolle für die Sicherung des Wohlstandes. Dahinden ist überzeugt, dass das Thema in Zukunft in der Entwicklungszusammenarbeit noch an Gewicht gewinnen wird. Insbesondere der Klimawandel und dadurch verursachte humanitäre Krisen würden die Migration voraussichtlich weiter antreiben. Ziel der DEZA sei es, die positiven Auswirkungen der Migration innerhalb der Hilfeleistungen zu nutzen und gleichzeitig die negativen, wie zum Beispiel den Menschenhandel, einzudämmen.
Weitere Informationen: ETH-Life Samuel Schläfli, Hochschulkommunikation Telefon: +41 44 632 61 20 E-Mail:
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Bild: Ronald Skeldon von der University of Sussex, räumte während seines Vortrags an der NADEL-Jubiläumsveranstaltung mit einigen Vorurteilen bezüglich Migration auf. (Bild: P. Rüegg / ETH Zürich)
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