Das Ringen um die arktischen Energieressourcen geht weiter. Russland will mit Norwegen im Energiebereich verstärkt zusammenarbeiten. Eine visumsfreie Zone soll den Weg ebnen. Nördlich der Kolahalbinsel wartet das grösste bekannte Erdgasfeld im Meer.
Eigentlich hätten die Bewohner des Örtchens Teriberka auf der russischen Kolahalbinsel beim Spiel um die arktischen Ressourcen die großen Gewinner sein sollen. Doch vorläufig deutet wenig in Teriberka auf ein baldiges Erdgasabenteuer hin. Noch ist nicht spürbar, dass hier bald einmal aus dem Shtokman-Feld Gas in riesigen Mengen strömen soll. Wracks von Fischerbooten machen den arktischen Strand vom Teriberka zu einem Schiffsfriedhof. Seite an Seiten mit den Fischerbootleichen liegen rote und gelbe Lada-Autowracks.
Fischer dürfen nicht fischen
Teriberka liegt 120 Kilometer nordöstlich von Murmansk. Einst lebten im Fischerort am Rand der arktischen Barentssee 12 000 Menschen, heute haben kaum mehr 1 000 Menschen im verfallenen Ort ihr Zuhause, sehr viele davon ohne Arbeit. Vergeblich richten sich die Augen der Fischer von Teriberka in Richtung des offenen arktischen Meeres. Neue Verwaltungsregeln machen es ihnen unmöglich, ihren Beruf auf dem Meer auszuüben. Von den im Moment stark ansteigenden Dorschbeständen in der Barentssee können nur die großen Fabrikschiffe aus Murmansk profitieren.
Dennoch gehen hoffnungsvolle Blicke Richtung Norden: 500 Kilometer von Teriberka entfernt liegt das riesige Gasfeld Shtokman, das 1988 entdeckt worden war. Ein Konsortium bestehend aus der russischen Gesellschaft Gasprom als Mehrheitspartner, der französischen Total und der norwegischen staatlichen Erdölgesellschaft Statoil will dieses Gasfeld ausbauen und betreiben. Der Hauptsitz des Konsortiums von Shtokman liegt in Zug in der Schweiz.
Mindestens 3, 9 Billionen Kubikmeter Gas liegen tief im Meeresboden unter der eisigen und zeitweise eisbedeckten Barentssee und machen Shtokman damit zum größten bekannten Gasfeld auf dem Meer. Der Ausbau dieses Gasfeldes wird wegen des extremen Klimas, des Eises und großen Entfernung vom Land an die Betreiber extreme Herausforderungen stellen.
Der Beschluss, das Gasfeld von Shtokman auszubeuten, und die Unterzeichnung des Abkommens über die neue Grenzlinie in der Barentssee zwischen Russland und Norwegen im September hat in Nordnorwegen und Nordwestrussland Optimismus ausgelöst. Insbesondere eben auch in Teriberka, das vom Shtokman-Konsortium als Landepunkt der Pipeline und als Standort für die Flüssiggasfabrik ausgewählt worden ist. Die verbliebenen Einwohner hoffen auf tausende neue Arbeitsplätze während des Aufbaus und hunderte Arbeitsplätze nach der Fertigstellung des Projektes.
So gross wie Belgien
Doch bis auf ein paar Meter Strasse, die gebaut worden sind, ist in Teriberka bisher nichts passiert. „Bis jetzt hat das Projekt weder der Gemeinde noch der Bevölkerung etwas Gutes gebracht”, meint Valeri Jarantsew, ehemaliger Bürgermeister von Teriberka. „Alles nur leere Versprechen.” Jarantsew ist ein Fischerbootkapitän. Er erlangte in Norwegen und Russland Berühmtheit, als er 2006 mit zwei norwegischen Fischinspekteuren an Bord vor einer Kontrolle der norwegischen Küstenwache flüchtete. Die Leute von Teriberka haben den Kapitän wegen seiner Tatkraft vor zwei Jahren zum Bürgermeister gewählt.
Inzwischen ist der freimütige Jarantsew aber in Ungnade der zentralen Behörden gefallen und abgesetzt worden. Jarantsew hat eine einfache Erklärung, warum auch er es beispielsweise nicht geschafft hat, der ein funktionsfähiges zentrales Heizsystem zu schaffen. „Unsere Gemeinde hat die Grösse Belgiens, unser Finanzhaushalt hat die Dimension einer Tankstelle in Belgien.”
Planung in Gang
Nikolai Bereschnoi, Vizechef der Murmansker Filiale des Shtokman-Konsortiums, versprüht dagegen Optimismus. Geoanalysen sowohl an Land wie auch auf See seien fertig. „Der Planung des ersten Teils von Phase 1 wird im Moment überarbeitet und kann Ende Jahr eingereicht werden”, sagt Bereschnoi.
Der Ausbau des Shtokman-Gasfeldes ist in zwei Phasen aufgeteilt worden. In einer ersten Phase soll das Feld ausgebaut, das Gas mit einer Pipeline bei Teriberka an Land geführt und eine Pipeline nach Murmansk gebaut werden. In einer späteren Ausbaustufe soll dann eine Flüssiggasfabrik gebaut und eine Pipeline bis nach St. Petersburg erstellt werden, um von dort aus „Sthokman” an direkt an den energiehungrigen europäischen Markt anschliessen zu können.
Die Lokalbevölkerung sei dem Projekt weitgehend positiv gegenüber, meint Bereschnoi. Man habe den Leuten die Flüssiggasfabrik von Melköy im norwegischen Hammerfest gezeigt. Die Leute seien beeindruckt gewesen, welche Wirkungen das Projekt dort auf die lokale Wirtschaft gehabt hat.
Er glaube nicht, dass es hier in Teriberka wirklich Widerstand gegen das Projekt gibt, die meisten hießen es willkommen, sagt denn auch der 82 Jahre alte pensionierte Fischer Modest Michailowitsch Urpin. „Ist das Projekt positiv für Russland, ist es auch positiv für die Leute”, meint Urpin, während er zwischen verfallen Häuser und Autowracks zum kleinen improvisierten Markt geht.
Ersatz für Shtokman?
Spätestens 2016 soll in Teriberka das Gas strömen. Doch der Baubeschluss ist immer wieder hinausgezögert worden. Erst im März des kommenden Jahres soll nun ein Investierungsbeschluss gefasst werden. Tatsächlich stößt der Ausbau des Shtokman-Gasfeldes auf immer mehr Hindernisse. So steigt der Bedarf an teurem importierten Flüssiggas weltweit nicht wie erwartet, gleichzeitig sind die Produktions- und Transportkosten für Flüssiggas sind zu hoch geworden.
Russland hat darauf reagiert. Mitte September bot Präsident Dimitri Medwedew Norwegen an, sich an der Ausbeutung der Gasfelder auf der sibirischen Jamalhalbinsel zu beteiligen. Auf der Jamalhalbinsel werden fünf Mal größere Erdgasreserven vermutet als im Shtokmanfeld. Das Gas liegt in Feldern an Land und ist deshalb wesentlich billiger auszubauen. Es kann mit bestehenden Gasleitungen auf den europäischen Markt geleitet werden.
Norwegen führt Probebohrungen durch
Ob und wann das Gasfeld von Sthokman ausgebaut wird, ist daher unsicher. Wie die norwegische Industrie am Ausbau der riesigen Erdgasfelder der Jamalhalbinsel beitragen wird, ist ebenfalls ungeklärt. Sicher ist jedoch, dass Russland und Norwegen weiter intensiv nach neuen Erdöl- und Erdgasquellen in den arktischen Gebieten jagen werden.
Nach der Festlegung der gemeinsamen Grenze in der Barentssee haben sie dafür freie Hand. Die Besitzverhältnisse auf dem Meeresboden werden nach der Ratifizierung klar sein, und damit die Spielregeln für eventuelle neue Erdöl- und Erdgasfunde. Im norwegischen Teil der Barentssee laufen bereits Probebohrungen.
Visumfreie Zone
Auch sonst wollen beide Länder ihre Zusammenarbeit im hohen Norden vertiefen. Ein Schritt dazu ist eine visumsfreie Zone von 30 Kilometern im Grenzbereich der beiden Länder. Ein Abkommen dazu wurde Mitte September angekündigt. Am Dienstag kommt der russische Außenminister Sergei Lawrow in die norwegische Hauptstadt Oslo, um am Treffen von nordeuropäischen Außenministern teilzunehmen. Es wird angenommen, dass bei diesem Anlass das Abkommen von Lawrow und seinem norwegischen Kollegen Jona Gahr Störe unterzeichnet wird.
Die Visumsfreiheit wird als Startschuss für einen norwegisch-russischen Arbeitsmarkt im hohen Norden angesehen. Er ist damit ein Meilenstein für das Shtokman-Vorhaben und weitere norwegisch-russische Erdöl- oder Erdgasprojekte in der Arktis.
Bild: Fischerboote und Autos verfallen in Terberka (Thomas Hug)
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