Artenvielfalt erhält einen Wert

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Geschrieben von: Christian Mihatsch, Bangkok 01.11.10
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Meer, Yvonne von HunniusEinigung um halb zwei Uhr am Morgen: In Nagoya haben sich die Länder der Welt auf ein neues Abkommen zum Schutz der Artenvielfalt geeinigt. 17 Prozent der Land- und zehn Prozent der Meeresfläche werden bis 2020 unter Schutz gestellt. Unternehmen müssen künftig für die Nutzung von Erbgut zahlen. Das ist ein historischer Erfolg zum Schutz der Artenvielfalt in Nagoya.

Die Früchte von Rio

Die Mauer war gefallen und der kalte Krieg zu Ende. Es herrschte weltweite Euphorie. Und so beschlossen die Staatschefs 1992 bei einer Konferenz in Rio de Janeiro: „Jetzt retten wir die Welt.“ Das Ergebnis des „Erdgipfels“ waren zwei UN-Konventionen: Die Klimakonvention UNFCCC und die Konvention über die biologische Vielfalt CBD. Im Rahmen des UNFCCC wurde dann das Kyoto Protokoll beschlossen über dessen Verlängerung im Dezember in Cancun, Mexiko, wieder verhandelt wird. Ausserdem wurde der IPCC geschaffen, ein Wissenschaftlergremium das im Auftrag der Regierungen den Klimawandel und dessen Folgen erforscht. Doch im Rahmen der Biodiversitätskonvention wird nun schon seit 18 Jahren über ein Protokoll verhandelt. Nagoya war hier die letzte Chance, um ein Protokoll zu verabschieden, wenn dieses noch vor dem nächsten Erdgipfel in Rio im Jahre 2012 in Kraft treten soll.
Der erfolgreichste, weltweit gültige Umweltvertrag wurde hingegen nicht in Rio initiiert. Das Montreal Protokoll zum Schutz der Ozonschicht wurde noch während des kalten Krieges verhandelt und trat bereits 1989 in Kraft.

In wenigen Tagen wird er aus dem Amt scheiden, doch am Freitag konnte er nochmal einen grossen Erfolg feiern: Lula da Silva der Präsident Brasiliens. Bis zuletzt haben die Brasilianer bei den Verhandlungen über den Schutz der Artenvielfalt gegen die „Biopiraterie“ gekämpft, die unentgeltliche Nutzung von genetischen Ressourcen.

Brasilien profitiert

Und nun gibt es eine Einigung: Wer in Zukunft das Erbgut einer Pflanze oder eines Tieres nutzt, um Medikamente oder Kosmetika herzustellen, muss die Herkunftsländer an den Gewinnen beteiligen. Davon profitiert insbesondere Brasilien, das Land mit der wohl grössten Artenvielfalt. Im Gegenzug müssen die Pharmamultis in den Industriestaaten nicht länger fürchten, auch für die Nutzung von Pflanzen und Tieren in der Vergangenheit zur Kasse gebeten zu werden.

Schutzzonen werden ausgeweitet

Dank dieses Durchbruchs kam dann Bewegung in den eigentlichen Kern der Verhandlungen, den Schutz der Artenvielfalt. Und um halb zwei Uhr am Samstag Morgen war es dann soweit: Alle Elemente des Puzzles hatten ihren Platz gefunden. Der Ausgleich zwischen den Interessen der Industriestaaten und den Entwicklungsländern war geglückt. Niederschlag findet dieser Ausgleich in zwei Dokumenten: Dem „Nagoya Protokoll über den Zugang zu genetischen Ressourcen und die gerechte Verteilung der Gewinne aus deren Nutzung“ und dem „Strategischen Plan“ der UN-Konvention über die biologische Vielfalt CBD. Während ersteres die Biopiraterie regelt, betrifft zweites den eigentlichen Arten- und Naturschutz. Und hier wurden wesentliche Fortschritte erzielt. Weltweit sollen 17 (heute 15 Prozent) Prozent der Land- und 10 Prozent der Meeresfläche (heute 1,3 Prozent) unter Schutz gestellt werden. Ausserdem sollen bis 2020 die Überfischung der Meere gestoppt und umweltschädliche Subventionen abgeschafft werden. Und schliesslich haben die 193 Länder beschlossen, den ökonomische Wert der Natur in ihre nationalen Buchhaltungen aufzunehmen. Wie das Bruttoinlandsprodukt wird dadurch auch der Gewinn oder Verlust an Umweltkapital Eingang in politische Entscheidungen finden.

Suche nach Geld für Artenschutz

Ungeklärt blieb hingegen die Frage der Finanzierung von Naturschutzmassnahmen. Brasilien hatte ursprünglich gefordert, dass die Industriestaaten ab 2020 jährlich 200 Milliarden Dollar in den Artenschutz investieren. Fast hundertmal soviel wie heute. Doch von dieser Forderung haben die Entwicklungsländer schliesslich abgesehen. Nun soll bis 2012 das nötige Geld für die Umsetzung des Planes gefunden werden. Ein WWF-Vertreter meinte denn auch: „Wir sind enttäuscht, dass die Industrieländer mit leeren Taschen gekommen sind.“ Aber gemäss Chantal Jouanno, der französischen Umweltstaatssekretärin, ist es nicht unmöglich, das Geld aufzutreiben: „Es können nicht nur öffentliche Gelder sein, da die erforderlichen Summen so riesig sind. Es müssen auch private Gelder sein, verbindliche Gelder von Firmen: Du machst Profite mit der Artenvielfalt? Dann ist es logisch, dass diese Profite auch wieder der Artenvielfalt zugute kommen.“ Ähnlich optimistisch äussert der WWF-Chef Jim Leape: „Dieses Abkommen bestätigt das fundamentale Bedürfnis die Natur zu schützen als Grundlage sowohl für unsere Wirtschaft als auch unsere Gesellschaft.“

 

Bild: Künftig soll ein Zehntel der Meeresfläche unter Schutz gestellt werden (Yvonne von Hunnius).

 

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