Fifa hat eine Glaubwürdigkeitslücke

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Geschrieben von: Claudia Kohlus, Berlin 01.11.10
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Der Fifa mangelt es wie anderen Sportverbänden auch an Glaubwürdigkeit, sagt Sylvia Schenk, ehemalige Vorsitzende von Transparency Deutschland und Olympiateilnehmerin 1972. Die Organisation müsse ihre angekündigte Null-Toleranz-Politik gegenüber der Korruption konsequent umsetzen.

Claudia Kohlus: Sind die Enthüllungen im derzeitigen Korruptionsskandal der Fifa nur die Spitze des Eisbergs?

Sylvia Schenk: In allen Bereichen und Ländern haben wir eine hohe Dunkelziffer bei Korruptionen. Insofern wäre es sehr verwunderlich, wenn es im Sport keine Dunkelziffer geben sollte.
 
Claudia Kohlus: Die Fifa lässt die Angelegenheit durch ihre Ethikkommission prüfen. Aber wie unabhängig kann diese Ethikkommission arbeiten, in der sich Prüfer und Verdächtige mitunter seit Jahrzehnten kennen?

Sylvia Schenk:Ich will der Ethikkommission nicht von vornherein absprechen, dass sie objektiv urteilt. Es kommt immer auf die Zusammensetzung an. Gerade im Sport sitzen dort allerdings nicht selten verdiente Funktionäre nach Ende ihrer Amtszeit. Dann wird es schwer, ein unbefangenes Urteil zu fällen. Der neue Vorsitzende der Ethikkommission, Claudio Sulser, macht aber schon wegen seines Alters nicht den Eindruck, als habe er sich über Jahrzehnte hochgedient. Außerdem hat er sich deutlich zu Null-Toleranz bekannt, was die Kommission in der Zukunft beweisen muss.

Claudia Kohlus: Sind die Aufklärungsbemühungen der Fifa ausreichend?

Sylvia Schenk: Nur dann, wenn die Null-Toleranz-Haltung auch umgesetzt wird.
Ich würde darüber hinaus empfehlen, einen unabhängigen Ombudsmann einzusetzen. Das würde bedeuten, dass sich alle Beteiligten, die irgendetwas Ungewöhnliches in den letzten Wochen und Monaten beobachtet haben, an den Ombudsmann wenden können. Ausserdem sollte die Fifa alle Bewerberländer nochmals anschreiben und nachfragen, ob es auch von deren Seite noch Hinweise oder Gerüchte gibt, die dem Ombudsmann gemeldet werden sollten. Das hätte den Vorteil, dass im Nachhinein niemand mehr sagen kann, da war noch etwas, ich mochte nur nichts sagen, weil ich nicht wusste, wie es behandelt wird – oder ob es mir im Wettbewerb schadet. So könnte eine Art Grundreinigung hergestellt werden. Man könnte sich auch überlegen, ob man für diejenigen, die sich selbst bezichtigen, so etwas wie ein Amnestieprogramm macht. Das würde sicherstellen, dass alles auf dem Tisch liegt, was für eine objektive und gesicherte Entscheidung des Exekutivkomitees bei der Vergabe in Zürich relevant ist. Damit könnten auch noch bestehende Zweifel ausgeräumt werden.

Claudia Kohlus: Wie vertrauenswürdig ist ein Verband, der so wenig transparent ist?

Sylvia Schenk: Die Fifa hat eine Glaubwürdigkeitslücke, wie übrigens manche andere grosse internationale Sportverbände auch. Das liegt zum einen sicherlich  daran, wie bestimmte Vorkommnisse in der Vergangenheit behandelt wurden. Zum anderen aber auch an der relativ geringen Transparenz. Die Fragen sind doch: Wie werden Kontrollfunktionen von der Mitgliederversammlung tatsächlich ausgeübt? Wie kommt jemand in hohe Fifa-Funktionen? Welche Reputation haben die Personen in ihren eigenen Ländern? Es sind ja nicht immer die integersten Menschen auf breiter Ebene, die im Sport hohe Funktionen bekleiden. Selbstverständlich gibt es integere Menschen, aber wenn Sie sich die Summe anschauen, dann kann man leider nun wirklich nicht sagen, dass beispielsweise im IOC und in der Fifa ausschließlich integere Personen und Vertreter ihres jeweiligen Landes sitzen.

Claudia Kohlus: Was müsste sich in Zukunft speziell bei der WM-Vergabepraxis ändern?

Sylvia Schenk: Im Grunde wäre es sinnvoll, einen Integritätspakt auf ein solches Bewerbungsverfahren zu übertragen. Der Integritätspakt ist ein Instrument, das bisher vor allen Dingen bei großen Infrastrukturprojekten eingesetzt wird. In Deutschland z.B. bei großen Baumaßnahmen wie etwa dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Bei einem Integritätspakt hat man einen unabhängigen Monitor von außen, der jeden Schritt begleitet. Er macht Stichprobenprüfungen, darf überall dabei sein, und geht zudem jeder Unregelmäßigkeit konsequent nach. Gleichzeitig gibt es vertragliche Regelungen mit jedem, der sich in irgendeiner Form an dem Verfahren beteiligen will. Diese Regelungen umfassen Vertragsstrafen und Hinweispflichten auf die Notwendigkeit, auch die eigenen Beschäftigten zur sauberen Arbeit anzuhalten. Mit diesem Prozedere wären zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen in das Verfahren eingebaut. Entscheidend ist aber nach wie vor die Kultur und eine hundertprozentige Null-Toleranz-Haltung in einem Unternehmen oder Verband.  Die fängt schon damit an, dass man jeder Sache nachgeht, alles aufklärt, sanktioniert, wo etwas zu sanktionieren ist, und dass man immer wieder klarstellt: Abweichendes Verhalten wird nicht geduldet.

Claudia Kohlus: Es gibt viele internationale Sportverbände, die ihren Sitz in der Schweiz haben. Sie sind vom Antikorruptionsgesetz ausgenommen, da sie in der Schweiz als Non-Profit-Organisationen gelten, die nicht gewinnorientiert arbeiten. Dabei geht es in der Fifa um Milliardengeschäfte ...

Sylvia Schenk: Ich habe mir die Unterlagen aus der Schweiz angeschaut. Es gibt Diskussionen darüber, ob die Fifa nicht doch unter das Gesetz fällt. Um allerdings eine klare Antwort auf diese Frage zu erhalten, wäre meine Empfehlung an Herrn Blatter, Anzeige gegen die unter Verdacht stehenden Personen zu erstatten. Denn dann müssten die Schweizer Behörden den Sachverhalt genau prüfen und gegebenenfalls ermitteln. Stellen die Behörden fest, dass die Fifa mit einem solchen Milliardenprojekt nicht unter das Antikorruptionsgesetz fällt, müsste gesetzgeberisch dringend etwas passieren. Denn natürlich geht es hier um Geld. Wenn sich ein Land für eine Fußballweltmeisterschaft bewirbt, dann kostet das das Land 20-30 Millionen. Wenn die in den Sand gesetzt werden, weil Mitbewerber schmieren, dann ist das nichts anderes als Privatbestechung mit gewaltigen finanziellen Folgen.

Claudia Kohlus:Braucht es also eine übergeordnete Kontrollinstanz?

Sylvia Schenk: Es braucht klare strafrechtliche Vorgaben, keine neuen Kontrollinstanzen.

Claudia Kohlus: Haben die internationalen Sportverbände mit Sitz in der Schweiz einen zu grossen rechtlichen Freiraum?

Sylvia Schenk: Ich habe den Eindruck, dass man den Sportverbänden in der  Schweiz sehr weit entgegengekommen ist. Sowohl von den Regelungen als auch von der Intensität, wie man bestimmte Regelungen durchsetzt. Ich glaube, dass es in der Schweiz einen Schonraum gibt. Das betrifft auch steuerliche Fragen. Da ist die Schweiz sehr entgegenkommend. Natürlich kann ich verstehen, dass man die grossen Sportverbände gerne in seinem Land hat und deshalb gewisse Vorteile gewährt. Das verurteile ich nicht. Wenn es aber soweit kommt, dass sie von maßgeblichen Gesetzen ausgenommen sind und sich dadurch ein rechtlicher Freiraum entwickelt, dann geht das zu weit. Die Verbände sind in weiten Teilen Wirtschaftsunternehmen, die erheblichen Einfluss haben. Im Übrigen wären sie ansonsten auch nicht so interessant für die Schweiz. Man sollte sie also auch so behandeln. Alles andere schadet dem Ansehen des Sports, und letztlich auch dem Ansehen der Schweiz.

Claudia Kohlus:Haben Sport und Wirtschaft in Bezug auf Korruption eigentlich die gleichen Probleme?

Sylvia Schenk:Grundsätzlich sind es dieselben Probleme. Auch die Ausgangslage ist vergleichbar. Das heisst, auch der Sport hat erhebliche Risiken, er hat sich jedoch viel weniger auf diese Risiken eingestellt. Im Gegensatz zu großen Unternehmen in der Wirtschaft, die in den letzten Jahren mit Präventionsmaßnahmen und klaren Aussagen ein ganzes Stück weitergekommen sind. Mittlerweile schauen die Wirtschaftsunternehmen sehr deutlich darauf, saubere Geschäfte zu machen. Erwähnt sei hier adidas, die gleichzeitig eine der wesentlichen Sponsoren der Fifa sind. Ich hoffe, dass sich das Unternehmen als Fifa-Sponsor zu Wort meldet und nachhakt. Denn letztlich schadet der Korruptionsskandal in der Fifa auch adidas. Sicher ist, der Druck von der Wirtschaft auf den Sport wird zunehmen. Zumindest in einigen Ländern und von einzelnen Unternehmen, die sich klar zur Null-Toleranz bekennen.

Claudia Kohlus: Kann es überhaupt sauberen Sport geben?

Sylvia Schenk: Es wird immer schwarze Schafe geben. Die Frage ist allerdings, ob ich als Verband ein systemisches Problem habe, das Strukturen durch Intransparenz und fehlende Kontrolle schafft, die Korruptionen begünstigen. Hier hat der Sport noch eine Menge zu tun, damit das Problem wirklich auf die nicht vermeidbaren wenigen schwarzen Schafe reduziert werden kann.

Claudia Kohlus: Hat die FIFA durch diesen Skandal einen nachhaltigen Imageschaden erlitten?

Sylvia Schenk: Sicherlich hat sie einen Imageschaden erlitten. Ob dieser allerdings nachhaltig ist, hängt davon ab, wie die Fifa mit dem Fall umgeht. Es könnte auch der Start in eine bessere Zukunft sein. Die Fifa hat die Chance, durch transparente und zügige Aufklärung zu zeigen, dass Änderungen stattfinden. Darauf könnte sie ein Programm mit größerer Glaubwürdigkeit aufbauen, das in Zukunft wirklich Stück für Stück auf die Prävention aufbaut.
 
 
Zur Person:

Sylvia Schenk (Jahrgang 1952)  ist Rechtsanwältin in Frankfurt am Main und als Vorstandsmitglied von Transparency Deutschland für den Sport zuständig. Die Olympiateilnehmerin von München 1972 war Rechts-, Sport- und Frauendezernentin und hat auf internationaler Ebene Funktionen im Weltverband des Studentensports (FISU) und des Radsports (UCI) innegehabt. Von 2007 bis 2010 war sie Vorsitzende von Transparency Deutschland.

 

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