Das Angebot an Waren aus Bio-Bauwolle wird immer grösser. Patrick Hochmann, Gründer der Firma Renei bezweifelt aber das Modeunternehmen wie H&M je ausschliesslich Bio-Produkte verkaufen werden.
Kasper Meuli: Schaut man die Werbung an, entsteht leicht das Gefühl, dass plötzlich überall Bio-Baumwolle angeboten wird. Aber tatsächlich macht sie nur 0,5 Prozent der Weltproduktion aus. Warum ist ihr Anteil so klein?
Patrick Hohmann: Die Gründe liegen sowohl bei den Konsumenten als auch bei den Produzenten. Die Anbieter müssen rationeller werden und ihre Verfahren fürs Massengeschäft tauglich machen, und die Käufer müssen der Bio-Baumwolle mehr Wert beimessen. Verwandte Themen| { Fairer Kaffee verlässt die Nische, 15.10.10 } | | { Schonend auch zur Umwelt, 08.10.10 } | | { Fair und lecker, 22.09.10 } | | { Werte, auf die man bauen kann, 25.08.10 } | | { Verantwortung zeigen - Kurs ändern, 30.06.10 } | | { Für einen fairen Ausgleich, 19.05.10 } | | { Grüne Erde aus der Schweiz, 12.04.10 } | | { Armutsfallen vermeiden , 08.04.10 } | | { Hungern auf dem eigenen Acker, 09.03.10 } | | { Verantwortung tragen, 08.02.10 } | | { Bündnis für Nachhaltigkeit, 03.02.10 } | | { Auch bei Cleantech zählt Qualität, 18.11.09 } | | { Dessous für die Umwelt, 11.11.09 } |
Kasper Meuli:Sie meinen, sie müssen bereit sein, etwas mehr zu bezahlen? Stimmt es denn, dass beispielsweise ein T-Shirt aus Bio-Baumwolle soviel teurer ist?
Patrick Hohmann:Für die Konsumenten sind Bio-T-Shirts im Schnitt etwa 10 bis 20 Prozent teurer. Es kommt aber stark darauf an, ob Sie die Kleidung in einem Outlet, beim Discounter oder bei einem Markenhersteller kaufen. Die Preise können sehr unterschiedlich sein, denn das Vertriebssystem wirkt sich stärker auf die Kosten aus als die Frage, ob Bio-Baumwolle oder nicht.
Kasper Meuli:Sie sind in Sachen Bio-Baumwoll-Anbau und -Imt in der Schweiz ein Pionier. Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Patrick Hohmann:Am Anfang mussten wir vor allem Überzeugungsarbeit leisten. Es war schwierig, die Bauern davon zu überzeugen, dass man auch ohne Pestizide Baumwolle anbauen kann. Man muss sich das vorstellen: Der Baumwollanbau beanspruchte zwar nur 2,5 Prozent der Landwirtschaftsflächen der Welt, war aber für 25 Prozent des Pestizidverbrauchs verantwortlich. Als dann immer mehr Bauern biologisch anbauten, galt es, diese Bewegung zu koordinieren und Produkte zu entwickeln. Inzwischen ist Bio-Baumwolle definitiv marktfähig geworden.
Kasper Meuli:Wie wichtig für die Verbreitung von Bio-Baumwolle ist, dass sie von Detailhändlern wie Coop oder Modeketten wie H&M verkauft wird?
Patrick Hohmann:Ich bezweifle, dass Modeunternehmen wie H&M je ausschliesslich Bio-Produkte verkaufen werden. Aber dass sie in diesen Markt eingetreten sind, finde ich gut. Ideal wäre allerdings, wenn sie eine Verbindung schaffen würden zwischen den Kleidern und den Bauern, die die Baumwolle dafür anpflanzen. Die Modeunternehmen sollten mehr Verbindlichkeit an den Tag legen, denn Bio-Baumwolle ist mehr als nur ein Produkt. In der Schweiz war Coop diesbezüglich von Anfang an ein wichtiger Partner für uns, denn sie hat unsere sozialen Projekte in Indien und Tansania unterstützt und gemeinsam mit uns eine lückenlose Handelskette aufgebaut. Wir arbeiten nur mit Kleinbauern zusammen, die Unterstützung brauchen.
Kasper Meuli:Kann man von Grossfirmen und ihren Kunden so viel Interesse an der Herkunft eines Produkts erwarten?
Patrick Hohmann:Von mir aus gesehen kommen wir gar nicht darum herum. Man kann mit den Bauern doch nicht nach dem Prinzip umspringen: Heute brauchen wir euch, morgen könnt ihr schauen, wo ihr bleibt! Wir werden irgendeine Art von Beziehung aufbauen müssen, und das kann nicht bloss eine finanzielle sein. Es darf uns nicht egal sein, was auf den Feldern geschieht, auf denen die Produkte, die wir konsumieren, angebaut werden. Wir müssen Verantwortung für die Menschen übernehmen, die hinter diesen Produkten stehen.
Kasper Meuli:Ihre Firma geht da mit gutem Beispiel voran. Der Gewinn wird zuerst für die Prämien der Bauern verwendet und erst am Schluss für die Dividenden der Aktionäre ...
Patrick Hohmann:... ja, wir balancieren die Wirtschaftskräfte aus und vergessen dabei die Bauern nicht. Wir verzichten nicht etwa auf Gewinn. Im Gegenteil, wir müssen Gewinn machen, um die Nachhaltigkeit zu gewährleisten.
Kasper Meuli:Wie gut bezahlen Sie Ihre Lieferanten ?
Patrick Hohmann:Einerseits geben wir ihnen eine Abnahmegarantie. Das heisst, wir kaufen den Bauern 80 Prozent der geschätzten Ernte ab – ganz gleich, ob wir die Baumwolle in unseren Produkten dann auch verkaufen. Und dann zahlen wir ihnen eine Prämie von 15 Prozent auf dem Durchschnittspreis der konventionell angebauten Baumwolle der letzten fünf Jahre. So können wir das Auf und Ab der Marktpreise etwas glätten.
Kasper Meuli:Der Baumwollmarkt ist tatsächlich alles andere als stabil: Mal gibt es ein Überangebot an Bio-Baumwolle, und die Preise purzeln; kurz darauf wird die Ware knapp, weil Indien eine Exportsperre verhängt. Wie können Sie da langfristig planen?
Patrick Hohmann:Wir haben für solche Fälle Rückstellungen gebildet. Und die haben wir auch schon gebraucht. Unser Umsatz ist im letzten Jahr zurückgegangen, da mussten wir auf diese Reserven zurückgreifen, um die Bauernprämien bezahlen zu können. Aber wir gehen davon aus, dass sich das einpendelt. Die Überproduktion wird wieder verschwinden.
Kasper Meuli:Kürzlich kam in Deutschland indische Bio-Baumwolle ins Gerede, weil sie mit gentechnisch veränderter Ware vermischt war. Was hatte dieser Skandal für Folgen?
Patrick Hohmann:Eine der Folgen war, dass wir heute selber noch stärker kontrollieren. Angefangen bei den Baumwollsamen, die wir vor der Abgabe an die Bauern genauestens überprüfen. Und wir haben auch damit begonnen, selber Saatgut zu produzieren. Wir haben in diesem Jahr eine eigene Samenproduktion gestartet, denn es wird immer schwieriger, gentechnisch nicht veränderte Baumwollsamen zu finden.
Kasper Meuli:Wie laufen diese Kontrollen ab?
Patrick Hohmann:Vertreter unserer Tochterfirmen in Indien und Tansania statten jedem Bauern einmal pro Monat einen Besuch ab. Und dann gibt es eine Kontrolle von aussen, bei der unabhängige Inspektionsfirmen einmal jährlich unser Kontrollsystem überprüfen. Diese Inspektionen sind gründlich, aber es kommt nach wie vor darauf an, dass die einzelnen Produzenten voll hinter dem Bio-Gedanken stehen. Wir setzen vor allem auf Bauern, die schon jahrelang für uns arbeiten. Und wir können zurückverfolgen, woher die einzelnen Lieferungen kommen. So können wir sicherstellen, dass unsere Kleider wirklich nur aus Bio-Baumwolle gemacht sind.
Kasper Meuli:Wie sieht es in Tansania, dem zweiten Herkunftsland Ihrer Ware, aus?
Patrick Hohmann:Dort sind wir Gott sei Dank von gentechnisch veränderter Baumwolle verschont. Und wir konnten in einer Kaufkraftstudie nachweisen, dass es den Bauern, die mit uns zusammenarbeiten, tatsächlich besser geht als den übrigen. Der Bio-Anbau hat ihnen zu einem gewissen Wohlstand verholfen. Sie prosperieren.
Zur Person: Patrick Hohmann (60) hat seine Kindheit in Ägypten und im Sudan verbracht. Nach einem Studium als Textil-Ingenieur arbeitete er im Garnhandel. 1983 gründete er die Firma Remei in Rotkreuz ZG und entwickelte sich zum Bio-Baumwoll-Pionier. 1991 startete Hohmann sein erstes Bio-Anbauprojekt in Indien, seit 1993 setzt Remei ausschliesslich auf Bio-Baumwolle. Das Unternehmen verkauft Garne und stellt selber Kleider aus Bio-Baumwolle her – unter anderem für Naturaline von Coop. Remei beschäftigt in der Schweiz 23 Mitarbeitende und erzielte 2009 einen Umsatz von 27 Millionen Franken . In Indien und Tansania hat das Unternehmen mehr als 6500 Bio-Bauern unter Vertrag.
Bild: Maurice Haas
Das Interview ist zuerst im Bio- und Nachhaltigkeits-Magazin Verde von Coop erschienen.

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