Biene Maya und die Buchhalter

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Geschrieben von: Christian Mihatsch, Nagoya 25.10.10
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Im japanischen Nagoya gehen die Verhandlungen zur Biodiversität in die entscheidende Runde. Das Problem: Ein Baum im Wald ist wertlos. Zu Zahnstochern verarbeitet, findet er Eingang ins Bruttoninlandsprodukt. Dadurch kommt es zu Fehlentscheidungen. Das soll sich ändern.

Heute werden 380 Tier- und Pflanzenarten ausgerottet. Und morgen auch. Und übermorgen. Das sind 1000 - wenn nicht sogar 10 000 - mal mehr, als normalerweise aussterben würden. Der Verlust an Artenvielfalt ist denn auch die grösste Gefahr für die lebenserhaltenden Systeme unseres Heimatplaneten, der Systeme also, die uns mit frischer Luft, sauberem Wasser und Nahrung versorgen. Doch dieses Massaker zu stoppen ist nicht einfach. Eigentlich hätte der Artenverlust bis dieses Jahr deutlich verlangsamt werden sollen. Doch dies ist nicht gelungen, er beschleunigt sich sogar.

Die Bienen erzeugen 150 Milliarden Dollar

Die Trendwende soll nun ein internationales Abkommen bringen, das derzeit im japanischen Nagoya verhandelt wird. Seit Beginn der Woche feilen dort Diplomaten aus knapp 200 Ländern an Paragraphen und nächste Woche stossen die Umweltminister der Welt dazu, um die verbleibenden politischen Fragen zu klären.
Ähnlich wie bei den Klimaverhandlungen spielt Geld eine zentrale Rolle bei den Verhandlungen im Rahmen der UN Konvention über die biologische Vielfalt CBD. Zum einen geht es um die Bewertung der Artenvielfalt. Was sind zum Beispiel Bienen wert? Eine Antwort versucht die Studie „Die Ökonomie der Ökosystem und der Biodiversität“ zu geben. Diese wurde während drei Jahren im Auftrag der Uno erarbeitet und nun vorgelegt. Ein Bienenstock produziert Honig im Wert von 160 Euro (215 Franken) pro Jahr. Beim Sammeln von Pollen, haben Bienen aber noch einen Nebeneffekt: Sie bestäuben die Pflanzen und sorgen so für das Wachstum von Früchten und Beeren. Dieser Nebeneffekt hat einen Wert von 780 Euro (1050 Franken) pro Bienenstock. Weltweit soll der Wert der Bienen bei 150 Milliarden Dollar (110 Milliarden Euro/145 Milliarden Franken) liegen. Das Problem ist nun aber, dass abgesehen vom Honig der Wert der Bienen bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen meist unberücksichtigt bleibt.

Und so sind diese Entscheidungen oft suboptimal. Sie bevorzugen private Gewinne und physisches Kapital und vernachlässigen die öffentliche Wohlfahrt und das natürliche Kapital, monieren die Autoren der Studie.

Auch die Natur hat einen Wert

Ein wichtiger Bestandteil der Verhandlungen in Nagoya dreht sich daher um die staatliche Buchhaltung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das nur den Wert des Honigs wiedergibt, soll durch weitere Kennzahlen ergänzt werden. Bis 2020 soll der Wert von Ökosystemen in die nationalen Buchhaltungen und die nationalen Entwicklungspläne integriert werden. Und dann sehen Entscheidungen oft ganz anders aus: Das Paradebeispiel ist die Wasserversorgung von New York: Statt für sechs bis acht Milliarden Dollar eine neue Wasseraufbereitungsanlage zu bauen, hat die Stadt New York anderthalb Milliarden Dollar in den Naturschutz in den Catskill Bergen investiert. Dort wird das Trinkwasser für die Millionenmetropole auf natürliche Weise gereinigt.

Für Nutzung der Natur zahlen

Aber bei den Verhandlungen in Nagoya geht es nicht nur um den Wert der Natur, sondern vor allem auch, wer letztlich davon profitiert. Die Entwicklungsländer verlangen, dass die Industriestaaten für die Nutzung von Tier- und Pflanzenarten zahlen. So findet sich ein Stoff, der von wilden Kautschukbäumen in Malaysia produziert wird, in modernen Aidsmedikamenten und Malaysia will einen Teil der Gewinne. Grundsätzlich stimmen die Industriestaaten einer Beteiligung der Entwicklungsländer an den Gewinnen zu. Dissens besteht aber bei der genauen Ausgestaltung der Gewinnbeteiligung und es besteht die Gefahr, dass dieses Teilkapitel die Verhandlungen verzögert oder gar zum Scheitern verurteilt. Denn für die Entwicklungsländer ist die Ausweitung von Naturschutzgebieten und der kommerzielle Schutz der darin vorkommenden genetischen Vielfalt „unauflösbar miteinander verknüpft“. Ohne Gewinnbeteiligung also kein Naturschutz.

Aber: Ohne Naturschutz auch keine Gewinne. Und so besteht die Gefahr, dass es schliesslich nur noch um die Verteilung von Verlusten geht.

 

Bild: Yvonne von Hunnius

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