Der Wind dreht sich

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Birgit Holzer, Paris 21.10.10
Bookmark and Share
Stichworte:         

Obwohl klassisches Atomstrom-Land, will Frankreich seinen Rückstand in der Windenergie aufholen und ein Programm für 600 Windräder im Meer ausschreiben. An einer Autobahn wird zurzeit ein Windrad-Projekt getestet, das mit Fahrtwind betrieben wird.

Wenn überhaupt, so werden Debatten um die Zukunft der Energieversorgung, Kernkraft und alternative Energiequellen im traditionellen Atomstrom-Land Frankreich vergleichsweise leise und wenig kontrovers geführt. Atomkraftwerke haben eine breite Unterstützung in der Gesellschaft, decken sie doch knapp 80 Prozent des Strombedarfs ab, versprechen günstige Strompreise und Unabhängigkeit in der Energieversorgung.

Fahrtwind einfangen

Aus dem Ehrgeiz heraus, weltweit führender Anbieter von Atomtechnik zu sein, investiert die französische Atomindustrie massiv in deren Entwicklung und in ihr künftiges Vorzeige- und Exportprodukt, den Europäischen Druckwasserreaktor (EPR), der über eine moderne Sicherheitstechnik verfügen soll. Doch gleichzeitig bemüht sich die Regierung zusehends auch um Alternativen und einen Ausbau der Windenergie.
Als Signal in diese Richtung deutbar ist das Experiment eines Autobahn-Windrades, das Energie aus dem Fahrtwind passierender Lastwägen gewinnen soll. Testweise wurde nun eine solche Windkraftanlage von zwei Metern Höhe an der Autobahn A6 südöstlich von Paris aufgestellt, deren Energie-Ertrag bis Mitte 2011 gemessen werden soll. Ist er lohnend, könnten solche Windräder künftig Geräte mit geringem Energiebedarf entlang der Autobahn wie Kameras, Wetterstationen oder Hinweis-Schilder betreiben. Der teure Anschluss an das reguläre Netz entfiele dann. „Die Investitionskosten, sie per Kabel anzuschliessen, sind sehr hoch“, sagt Projektleiter Bernard Aversenk.

Milliardeninvestitionen vorgesehen

Sie fügt sich ein in eine neue Stossrichtung der Regierung, die angekündigt hat, Frankreichs Rückstand in der Windenergie aufzuholen. Im September will sie ein Programm für 600 Windräder im Meer ausschreiben, die ab 2015 insgesamt 3000 Megawatt Strom produzieren sollen. Bis 2020 rechnet Umweltminister Jean-Louis Borloo mit einem Investitionsvolumen von 15 bis 20 Milliarden Euro (20 bis 26 Milliarden Franken) und einem Ertrag von 6000 Megawatt, was der Kapazität von zwei Atomkraftwerken oder dem Strom-Konsum zweier grosser Städte wie Lyon und Marseille entspricht. Obwohl Frankreich über weite Küstengebiete verfügt, besitzt es bislang keine einzige der 948 europäischen Windanlagen im Meer und liegt in der Produktion von Windenergie weltweit nur auf dem 15. Rang.

Anwohner gegen Windräder

Windräder an der Küste stossen auf den Widerstand der Tourismus-Branche einerseits, die eine Verschandelung der Aussicht beklagt, und der Fischer andererseits, die befürchten, die Windräder könnten ihr Fanggebiet beeinträchtigen. Und wenn Windparks auch grundsätzlich befürwortet werden, so möchte sie doch niemand vor der eigenen Haustüre sehen: Ein 2004 ausgeschriebenes Projekt an der Küste der Normandie wird derzeit von Anwohnern blockiert. Die Gruppe der Windkraft-Gegner sei besser organisiert als die Branche selbst, sagt Andrea Perduca, Direktor der französischen Windkraft-Gesellschaft. Jean-Philipp Roudil von der Gewerkschaft der erneuerbaren Energien beklagt zu wenig Unterstützung der Politiker und eine generell feindliche Haltung des „Establishments“. „Lange haben die politisch Verantwortlichen nicht an die Entwicklung der Windkraft geglaubt und sie als Industrie-Spielerei gesehen.“

Genehmigungen werden erschwert

Scheint sich der Wind hier zu drehen, so ist die Regierung bei ihrem ehrgeizigsten umweltpolitischen Projekt wieder zurückgerudert, obwohl sie damit das Ziel gefährdet, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 auf 23 Prozent zu erhöhen. Im „Grenelle II“ genannten Umwelt-Gesetz wurden im Frühjahr die Genehmigungs-Auflagen für Windparks derart verschärft, dass sie Chemieparks gleichgestellt werden. Den Grünen zufolge könnte das 70 Prozent aller Windpark-Projekte verhindern. Umweltverbände fürchten, die Vorgabe, dass Windparks mindestens 15 Anlagen umfassen sollen, schreckt künftig kleinere Investoren ab.
Weil sie intensiv nach Einsparmöglichkeiten sucht, überlegt die französische Regierung Medienberichten zufolge ausserdem, den Rotstift bei der Solarförderung anzusetzen. Schon Ende 2010 könnte sie demnach eine Grenze für Einspeisevergütungen bei 500 Megawatt festlegen.

 

Bild: Windrad (Marek Pedziwol).

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Deprecated: Function ereg_replace() is deprecated in /home/www-data/nachhaltigkeit.org/components/com_jcalpro/config.inc.php on line 405

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren